Florian Illies

DEZEMBER: DAS GEDICHT „GROSSSTADT-WEIHNACHTEN“ VON KURT TUCHOLSKY

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In der Nummer 52 der »Schaubühne« vom 25. Dezember erscheint das Gedicht »Großstadt-Weihnachten« von Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger. Es erzählt Weihnachten als bürgerliches Schauspiel, bei dem die Menschen keine Gefühle mehr haben, sondern nur noch Rollen.

Groß-Stadt-Weihnachten (…)

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikon,

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«

Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,
mag es nun regnen oder mag es schnein,
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …
»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

Das Zitat im letzten Vers stammt von Arthur Schnitzler. »Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.« Das ist so etwas wie der geheime Code des Jahres 1913. Schnitzler könnte stolz sein, dass ihn die junge Avantgarde so gut verstand, dass sie ihn zitieren konnte und alle gleich wussten, wer gemeint war.

Aus: Illies, Florian (2012): 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts.
Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlage. 302f.

Florian Illies


Es ist ein Jahr, in dem alles möglich scheint. Und doch wohnt dem gleißenden Anfang das Ahnen des Verfalles inne. Literatur, Kunst und Musik wussten schon 1913, dass die Menschheit ihre Unschuld verloren hatte. Der Erste Weltkrieg führte die Schrecken alles vorher schon Erkannten und Gedachten nur noch aus. …

Malewitsch malt ein Quadrat, Proust begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit, Benn liebt Lasker-Schüler, Rilke trinkt mit Freud, Strawinsky feiert das Frühlingsopfer, Kirchner gibt der modernen Metropole ein Gesicht, Kafka, Joyce und Musil trinken am selben Tag in Triest einen Cappuccino – und in München verkauft ein österreichischer Postkartenmaler namens Adolf Hitler seine biederen Stadtansichten.