Perspektiven

Um der kommenden hundert Jahre willen: Sarajevo 1914–2014

Der Erste Weltkrieg, die Olympischen Winterspiele 1984 und die Belagerung der Stadt von 1992 bis 1995 sind die drei wichtigsten Ereignisse in der jüngeren Geschichte der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Nach dem Attentat von Sarajevo und dem 1. Weltkrieg, an dem Bosnien und Herzegowina nominal an der Seite des Kaiserreichs stand, veränderte sich die demographische Struktur des Landes drastisch. Auf Österreich-Ungarn, dessen Herrschaft für Bosnien und Herzegowina vorwiegend positiv war, folgte das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das bereits im Namen den Ausschluss von Bosnien und Herzegowina signalisierte. Grundbesitz und Einwohnerstruktur verschoben sich radikal zu Gunsten Serbiens bzw. der Serben, und dem kommunistischen Jugoslawien gelang es erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, als bosnische Muslime auch nominal das Recht bekamen, sich national zu deklarieren, das Missverhältnis halbwegs auszubalancieren.

Die 14. Olympischen Winterspiele in Sarajevo waren der krönende Abschluss einer für Bosnien und Herzegowina positiven Ära – der Zeit von Mitte der 60er bis Mitte der 80er Jahre, in der die kommunistische Führung unter Branko Mikulić und Hamdija Pozderac die totalitären Zwänge teilweise lockerte, während man auf der Ebene der Jugoslawischen Föderation einen mehr oder weniger gleichberechtigten Status mit den anderen jugoslawischen Teilrepubliken erkämpfte. Auch wenn ein Teil der jugoslawischen Regierung die Olympischen Spiele lieber in Slowenien gesehen hätte, da dort sowohl der Wintersport als auch die Infrastruktur besser entwickelt war, so erhielt doch Sarajevo den Zuschlag für die Spiele, und sie wurden für alle Beteiligten ein rauschendes Fest. Man könnte sogar sagen, dass die Olympischen Spiele in Sarajevo die Krise des Kalten Krieges beendet haben. Man erinnere nur daran, dass die Amerikaner die Moskauer Spiele von 1980 boykottiert hatten, sodass die UdSSR auch mit dem möglichen Ausbleiben der amerikanischen Sportler in Sarajevo gerechnet hatte. Nach allgemeiner Einschätzung handelte es sich bei der Olympiade in Sarajevo um die bis dato bestorganisierten Spiele, die der Stadt auch international großes Ansehen einbrachten, und fast hatte es den Anschein, als hätte Sarajevo eine seiner wichtigsten Herausforderungen bestanden.

Doch dem war nicht so. Der Fall der Berliner Mauer und der Zerfall Jugoslawiens zogen einen in der jüngeren europäischen Geschichte beispiellos blutigen Krieg nach sich. Weltweit berichteten die Medien über den Heldenmut der Einwohner von Sarajevo, die den zivilisatorisch unwürdigen Umständen trotzten: ohne Strom, ohne Wasser, unter ständigem Granaten- und Infanteriebeschuss fanden die Einwohner von Sarajevo die Kraft, das zivile, ja sogar das künstlerische Leben aufrechtzuerhalten. Neben prominenten Besuchern wie Susan Sontag, Bernard-Henri Levy oder Joan Baez verliehen die Einwohner von Sarajevo dem Sarajevoer Widerstand quasi eine höhere Dimension, das Gefühl, mit ihrer Stellungnahme für die Stadt gleichzeitig die menschlichen Grundprinzipien zu verteidigen.

Was ist Sarajevo heute? Eine Stadt, die sich ändert, aber auch eine Stadt, die noch immer die alte ist, in der es für Einwohner und Besucher gleichermaßen etwas zu entdecken und zu grübeln gibt. Als befände sich Sarajevo in einer Art Defensive, was man durchaus als Paradoxon begreifen kann. Die Stadt breitet sich aus und wächst, doch es scheint ihr an Substanz zu fehlen, um Großes hervorzubringen. Aber das ist im Laufe der Geschichte nichts Ungewöhnliches. Sarajevo wird sich mit ziemlicher Sicherheit erneut mit einem geschichtsträchtigen Ereignis zu Wort melden. Das ist dieser Stadt, so scheint es, ins Schicksalsbuch geschrieben.

Lässt sich in der heutigen bosnischen Gesellschaft noch ein Echo der verzweifelten Schüsse von Gavrilo Princip vernehmen? Indirekt ja, da einige Konflikte noch immer ungelöst sind und ihre Wurzeln in die Zeit der Auflösung von Österreich-Ungarn zurückreichen, eines morschen und dem Zerfall geweihten Kaiserreichs, das allerdings, zumindest uns, auch jede Menge Gutes gebracht hat. Welche Lehren können wir aus den vergangenen 100 Jahren ziehen, und warum ist es wichtig, dass Sarajevo mit diesem Projekt – d.h. mit der Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg – wieder seinen Platz unter den Kulturhauptstädten Europas einnimmt? Die Zukunft verwirklicht man am besten durch die korrekte Interpretation und Bewertung der Vergangenheit. Wir wissen nicht, was geschehen wäre, wenn Princip kehrtgemacht hätte. Es besteht indes kein Zweifel, dass durch ein größeres Gespür für Nuancen und durch geringeres Beharren auf die Interessen der Großmächte der Konflikt des Ersten Weltkriegs nicht für die nachfolgende Katastrophe des Zweiten Weltkriegs Modell gestanden hätte.

Bosnien und Herzegowina und Sarajevo befinden sich heute in einer Situation, in der sie mit Hilfe von externen Faktoren ihr Schicksal bewältigen müssen. Das wird nicht leicht sein, weil die Dysfunktionalität des bestehenden politischen Systems eindeutig diejenigen Kräfte unterstützt, die integrativen Bemühungen grundsätzlich abgeneigt sind. Und trotzdem sind die zähen, schwierigen und mühsamen Verhandlungen, die täglich stattfinden, besser als Krieg: „Dies ist ein Land, wo wenig Freude mit reinem Gold bezahlt wird“, schrieb der große Ivo Andrić. Es ist aber auch ein Land, in dem einzelne politische Ereignisse stärkeren Widerhall finden als in anderen, wo es „normaler“ und geordneter zugeht. Daher ist es wichtig, die vergangenen hundert Jahre richtig zu verstehen. Um in den kommenden hundert Jahre ein besseres, gerechteres Leben führen zu können. Ohne den Schatten der großen Kriege und ohne eigene Fehler.
Ahmed Burić,
1967 in Sarajevo geboren, ist Publizist, Übersetzer und Dozent für investigativen Journalismus. Er schreibt für mehrere Magazine, moderiert eine Sendung im öffentlich-rechtlichen Radio und verfasst regelmäßig Kommentare für die beliebte Website www.sarajevo-x.com

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1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung: Den Ersten Weltkrieg anders denken.

Foto: Regine Dura