Perspektiven

Kein Urknall - eine Replik von Adam Krzemiński

Adam Krzemiński © Monika Lawrenz
Adam Krzemiński © Monika Lawrenz

Das Jahr 1914 war kein Urknall, der eine heile Welt zerstörte, sondern eine Folge unheilvoller Entwicklungen im Europa des 19. Jahrhunderts. Dieser Prozess begann in diesem Teil Europas mit der parallelen Zerschlagung zweier alter Großreiche – der Liquidierung der Rzeczpospolita, der polnisch-litauischen Adelsrepublik durch Russland, Preußen und Österreich 1795 sowie des Heiligen Römischen Reiches 1806 durch Napoleon.

Beide jahrhundertealten Entitäten hatten einen föderativen Charakter und hatten seit dem 14. Jahrhundert – 400 Jahre lang – keinen Grenzkrieg gegeneinander geführt. Der Ordensstaat, das spätere Ostpreußen, gehörte dem Heiligen Römischen Reich nicht an. Die Grenze zwischen dem Reich und der Rzeczpospolita war keine natürliche, da gab es keine großen Flüsse und Bergketten, dennoch war sie die friedlichste in Europa. Beide waren in ihrer amorphen inneren Verfassung keine modernen Imperien. Auch das Heilige Römische Reich nicht. Beide hatten ihre zivilisatorische – mit der Renaissance, Reformation, dem Barock – und ihre militärische Glanzzeit, nicht zuletzt mit der Koalition 1683 und dem Entsatz von Wien. Beide bauten in ihre Verfassungen auch Elemente der Gewaltenteilung ein. Und beide hielten den im 18. Jahrhundert entstandenen modernen Großmächten nicht stand.

Opferung der „Kleinen“

Um 1760 – meint Jürgen Osterhammel in seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts Die Verwandlung der Welt – entstand eine „Welt der neuen Imperien. Sie beruhte auf dem Prinzip des einzelstaatlichen Egoismus, wurde durch keine überwölbenden Friedensvisionen stabilisiert und erhielt sich durch Opferung der ,Kleinen', etwa Polens, das mehrfach zwischen seinen großen Nachbarn aufgeteilt wurde.“

Diese „Opferung der Kleinen“ muss präzisiert werden. Ein deutsches Historikerpaar, Prof. Dr. Bianka Pietrow-Ennker und Dr. Benno Ennker, skizzierte ihn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Vom 17. Jahrhundert an „stellte sich Moskau als Schutzmacht für die orthodoxen Gemeinschaften auf polnisch-litauischem Gebiet dar. Bis zu den Teilungen Polen-Litauens war es Russlands Strategie, dort die innere Instabilität zu fördern, um machtpolitisch zu profitieren. Die Präsenz russischer Truppen, Manifestationen von Gewalt gegen Sejm-Abgeordnete und finanzielle Hilfen für prorussische Kräfte sorgten dafür, den russischen Einfluss aufrechtzuerhalten, bis Polen schließlich das Opfer von drei Teilungen wurde.“ Zuerst wurde 50 Jahre lang jegliche Staatsreform der Rzeczpospolita militärisch blockiert, dann aber wurde mit der „polnischen Anarchie“ volle Annexion begründet.

Denselben Mechanismus stellen die Autoren für die Annexion Ostpolens vor 75 Jahren dar. Zuerst das Geheime Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes mit Absteckung der „Einflusszonen“, dann die deutsche Invasion am 1. September 1939 und schließlich auch die sowjetische zum „Schutze der slawischen Brüder“ nach dem angeblich selbstverschuldeten Kollaps des „faschistischen“ Polens.

Gleichgewicht der Kräfte

Der Versuch Napoleons, dieses System des Kräftegleichgewichts in ein kontinentales Großreich unter französischer Hegemonie zu verwandeln, scheiterte. Auf dem Wiener Kongress 1815 wurde die Pentarchie wiederhergestellt, diesmal um einige Konsultationsmechanismen erweitert. Für etwa 30 Jahre sicherte diese Ordnung einen Frieden in Europa. Der Preis allerdings war die russische Niederschlagung des Novemberaufstandes in Polen 1830/31 und die russische Militärintervention in Ungarn 1849. Das Wiener System sicherte keineswegs den ersehnten „ewigen“ Frieden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es ohnehin Schritt für Schritt demontiert. Aufstände, Vereinigungskriege und die imperiale Konkurrenz der europäischen Großmächte erschütterten nicht nur Europa, sondern auch andere Kontinente.

Die Rolle der Diplomatie

Im Januar 2014 verglich der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier das Versagen der Eliten vor 100 Jahren mit unserem ausgefeilten institutionellen Instrumentarium, vergleichbare Krisen einzuhegen und zu beherrschen. Die spätere Entwicklung hat das nur zum Teil bestätigt, trotz allem ist das heutige Krisenmanagement um Welten besser als damals. Ich möchte aber auf diplomatische Faktoren hinweisen, die unterhalb der Ebene der Großmächte im Europa des 19. Jahrhunderts funktionierten, sich aber erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfalten konnten. Und sie hängen sehr mit der sperrigen „polnischen Frage“ und noch mehr der europäischen Idee zusammen.

In Polen wird meistens die, für die nationale Befreiung konstitutive, Rolle der militärischen Aufstände gegen die russische beziehungsweise deutsche Besatzung im 18., 19. und 20. Jahrhundert hervorgehoben. Józef Piłsudski, Staatsgründer 1918 und 1920 Sieger im Krieg gegen das bolschewistische Russland, wird in Polen quasi als polnischer Bismarck gefeiert. Es waren aber nicht seine Legionen, die an der Seite der österreichischen Truppen allein Polen erkämpft haben.

Dass die „polnische Frage“ gleich in der ersten Kriegswoche zu einer europäischen wurde, war die Folge der jahrzehntelangen informellen Diplomatie polnischer Intellektueller, Politiker und Künstler, die in den imperialen Hauptstädten präsent waren. Dazu gehörte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Fürst Adam Czartoryski, der zunächst Freund und Außenminister des Zaren Alexander I. war und an eine liberale Personalunion des vereinten Polens mit Russland dachte, ehe er 1831 Ministerpräsident einer aufständischen Regierung in Warschau wurde, um schließlich in Paris informell Polen zu vertreten und bei Napoleon III. für eine Unterstützung der polnischen Belange zu werben.

Dass die „polnische Frage“ nach wie vor offen war, wusste man im August 1914 auch in Petersburg, Berlin und Wien und versuchte, die Polen aus den anderen Teilungsgebieten für die eigenen imperialen Ziele zu gewinnen, ohne freilich an die Aufgabe des eigenes Teils der polnischen Beute zu denken. Trotzdem waren die neuen Staatsgründungen nach dem Zerfall des russischen und des Habsburgischen Reichs 1918 kein Geschenk der neuen Siegermächte, sondern das Ergebnis nationaler Erhebungen, diplomatischer Flankierung während der Friedenskonferenz und – leider – der Grenzkriege.

Europa und seine Psychodramen

In vier Jahren werden wir wohl erneut ein europäisches Psychodrama erleben anlässlich des 100. Jahrestages des Versailler Vertrages. Bei den verflossenen Großmächten werden wahrscheinlich alte Traumata über die „Dummheit“ und „Ungerechtigkeit“ der Friedensregelungen von 1919 wieder wach werden. Schon heute verwirft Götz Aly das Selbstbestimmungsrecht der Völker als „Gift“. Der Begriff entstand – schrieb er unlängst in der Berliner Zeitung – „im 19. Jahrhundert als nationalistische Kampfparole. Im Ersten Weltkrieg wurde sie propagandistisch benutzt. Das geschah auch von deutscher Seite, um die baltischen und die ukrainischen Nationalbewegungen gegen Russland aufzuwiegeln; an führender Stelle verfochten jedoch Lenin und US-Präsident Wilson dieses Prinzip“. Man kann Alys Elukubration so verstehen, dass die Wiederherstellung des polnischen Staates in Versailles Gift für Europa war. Dann müsste das aber auch für die Wiedervereinigung der Deutschen 1989/90 gelten. Es ist ein Unfug, an trockenen hegelschen Begriffen der Staatsfähigkeit oder -Unfähigkeit die bis 1918 unterdrückten Nationen zu messen.

Die „Saisonstaaten“ von damals, darunter Polen, haben sich im 20. Jahrhundert trotz erneuter Teilungen und Annexionen durch totalitäre Möchtegern-Imperien, die allesamt gescheitert sind, behauptet. Genauso wie sich der „Saisonstaat“ von heute – die Ukraine – behaupten wird. „Die Zeiten der Imperien und der Einflusszonen sind vorbei“, sagte Barack Obama in seiner Warschauer Rede. Eine bemerkenswerte Feststellung, bedeutet sie doch, dass auch die USA kein Imperium alten Stils sind, von der EU gar nicht erst zu reden. Klassische Imperien scheiterten an sich selbst und an der Macht der Schwachen.



Adam Krzemiński
gilt in Polen als einer der herausragenden Kenner Deutschlands. Er studierte Germanistik in Warschau und Leipzig. Seit 1973 ist er Redakteur des Wochenmagazins Polityka und berichtet hauptsächlich über Themen, die im Zusammenhang mit der deutschen Geschichte und Gesellschaft stehen. Für sein Engagement erhielt Adam Krzemiński viele Auszeichnungen: 1993 für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung die Goethe-Medaille, 1996 den Essayistik-Preis des polnischen Pen-Clubs. Die Bundesrepublik Deutschland ehrte ihn 1999 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz und 2006 verlieh ihm die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) ihren Viadrina-Preis – ein Preis für deutsche und polnische Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um die nachbarschaftliche Beziehung verdient gemacht haben.

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