Perspektiven

Der armenische Völkermord in der deutschsprachigen Literatur

Nicht weniger als „das unfaßbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entreißen“ wollte Franz Werfel mit seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh erreichen. Welche weiteren literarischen Repräsentationen des Aghet finden sich in der deutschsprachigen Literatur?

Franz Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh  
„Gespenster… Doch nicht von Menschen… Gespenster von Affen… Sie sterben nur langsam, weil sie Gras fressen und hie und da einen Bissen Brot bekommen… Das Allerschlimmste aber, sie haben keine Kraft mehr, die Zehntausende von Leichen zu begraben… Deïr es Zor, das ist ein ungeheurer Abort des Todes...“ [1]

Geschichte entsteht, so der jüdische Historiker Yerushalmi, im Schmelztiegel des Romanciers, noch bevor sie auf dem Amboss der Historiker geschmiedet wird. [2] Welchen Beitrag konnte die Literatur – und zumal der historische Roman – für die Erinnerungskultur des Genozids an den Armeniern leisten? In seinem Vorwort zu Die vierzig Tage des Musa Dagh beschrieb Franz Werfel – Mitglied des Prager Kreises um Franz Kafka, Max Brod und Egon Erwin Kisch – ganz unmissverständlich sein Anliegen, „das unfaßbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entreißen“. [3]

Opfer und Helden zugleich

Werfels Epos entwickelt die Ereignisse dann in einer Art Doppelbelichtung: Die Armenier werden einerseits als Opfer eines kollektiven, systematisch organisierten Genozids gezeichnet; andererseits gelingt es dem Autor durch die Wahl des Blickwinkels auf die Ereignisse am Mosesberg, Armenier auch als politische Akteure und Herren ihres eigenen Schicksals aufzubauen. Das bis zu 1400 Meter hohe Bergmassiv des Musa Dagh, südlich der heutigen Stadt Iskenderun direkt am Mittelmeer, wurde zum Schauplatz einer Geschichte, die gerade im Kontext der großen Ohnmacht der Armenier zur Zeit der umfassenden Tötungen höchst ungewöhnlich blieb: die authentische Geschichte von sechs armenischen Dörfern, deren 5000 Bewohner auf den Musa Dagh flohen und gegen die herannahenden Truppen der Jungtürken Widerstand leisteten. Eine Ausnahmeerscheinung blieb diese Geschichte auch darum, weil sie mit einem Happy End schließt – die Widerständler konnten sich an Bord eines französischen Schiffes retten. In den 1940er Jahren bauten einige dieser Überlebenden auf der Spitze des Mosesberges im Gedenken an ihre (Selbst-)Rettung eine Art Arche – ein Mahnmal, das die 1980 in der Türkei putschenden Generäle aber gleich wieder abreißen ließen. Es ist dieses heldische Narrativ des fast aussichtslosen Widerstands einer versprengten Schar von Kämpfern gegen eine (staatliche) Übermacht, das der Autor Franz Werfel zum heißen Kern seines voluminösen, mehr als 1000-seitigen Romans gemacht hat.

Gabriel Bagradian, der Held des Romans, hatte zwanzig Jahre völlig assimiliert in Frankreich gelebt, ehe er durch seine Rückkehr ins Land seiner Herkunft, nach Anatolien, ungefragt und unwillkürlich in die Rolle eines Helden hineinwächst. Bagradian wird nachgerade zu einem Anführer seines Volkes, zu einer mosesgleichen Gestalt: Wie Moses kommt Bagradian aus der Fremde, wie im Bericht des Alten Testaments dauert sein Aufenthalt auf dem Berg vierzig Tage, und auch Bagradian stirbt am Ende mit dem Blick auf eine verheißungsvolle Zukunft, die er selbst nicht mehr erleben wird.

Franz Werfel 1890 – 1945. © Public DomainBereits in den Jahren 1929/1930 war das Ehepaar Franz Werfel und Alma Mahler in die Levante gereist, sie besuchten Ägypten, dann Palästina, von Jerusalem fuhren sie nach Syrien und in den Libanon. Eine Reise wie diese war damals durchaus abenteuerlich, ein schwerbewaffneter Fremdenführer begleitete sie. Im zerfallenen Damaskus – die Bilder mögen den heutigen Stadtbildern von Damaskus geähnelt haben – zeigte der Fremdenführer ihnen eine Teppichweberei, unter deren Webstühlen ausgemergelte Jugendliche kauerten, derer sich Alma Mahler-Werfel in ihren Tagebuchaufzeichnungen lebhaft erinnert: „Wir gingen die Webstühle entlang, und überall fielen uns ausgehungerte Kinder auf, mit bleichen El Greco-Gesichtern und übergroßen dunklen Augen. Sie rollten auf dem Boden herum, hoben Spulen und Fäden auf, fegten wohl auch manchmal den Boden mit dem Besen rein.“ [4] Werfel zeigte sich vom Unglück dieser Menschen, die ihnen der Fabrikbesitzer als Überlebende des Genozids vorstellte, derart bewegt, dass er noch auf der Reise über Baalbek nach Beirut und Haifa erste Skizzen eines Armenier-Romans anfertigte, der mit seinen zahlreichen Schlacht- und Schluchtenszenen durchaus auch mit Suspense-Elementen des Abenteuerromans arbeitet.

Historische Authentizität

Nach seiner Rückkehr nach Paris ließ Werfel sich außerdem eigens Aktenbestände aus dem französischen Kriegsministerium kommen, um sich bezüglich des Schicksals der Armenier auch der historischen Fakten zu versichern. Immer wieder ist der Text, den er 1932 unter Aufbietung all seiner schöpferischen aber auch physischen Kräfte niederzuschreiben beginnt, von dokumentarischen Sequenzen unterbrochen, die fast wörtlich aus Gerichtsprotokollen, Konsular- und Augenzeugenberichten bestehen. Zur Authentizität tragen auch Aufzeichnungen des Theologen Johannes Lepsius bei, die Werfel im armenischen Kloster der Mechitaristen in Wien entdeckte und seinem Romankorpus einverleibt hat. Besonders deutlich wird dies im fünften Kapitel des Ersten Buches, dem „Zwischenspiel der Götter“, in einer Unterredung zwischen Lepsius und dem türkischen Kriegsherrn Enver Pascha im Innenministerium in Istanbul:

„Die Tatsachen werden und können Sie nicht leugnen. Hunderttausende Menschen sind bereits auf dem Wege der Verschickung. Die Behörden sprechen nicht nur von Umsiedlung. Ich behaupte aber, daß dies, gelinde gesagt, ein Wortmißbrauch ist. Kann man ein Volk von Bergbauern, von Handwerkern, Städtern, Kulturmenschen mit einem Federstrich in der mesopotamischen Wüste und Steppe ansiedeln, in einer ozeanweiten Einöde, die sogar von Beduinenstämmen geflohen wird? Und selbst dieses Ziel ist doch nur eine Finte. Denn die Ortsbehörden richten die Deportation so ein, daß die Elenden schon während der ersten acht Tagesmärsche durch Hunger, Durst, Krankheit umkommen oder wahnsinnig werden, daß man die widerstandsfähigen Knaben und Männer durch Kurden oder Banditen, wenn nicht gar durch Militär, umbringen läßt, daß die jüngeren Mädchen und Frauen der Schändung und Verschleppung geradezu aufgedrängt werden...“
Der General hört mit höflichster Aufmerksamkeit zu, dabei aber gibt seine angespannte Miene zu erkennen: dieses schale Lied höre er zwölfmal täglich. Die Manschette, die er mit seiner weißen Frauenhand aus dem Ärmel hervorholt, scheint ihm wichtiger zu sein. [5]

Beim Schreiben ermahnte sich Werfel immer wieder selbst, den Türken nicht bloß böse, den Armeniern nicht nur gute Attribute zuzuschreiben. „Irgendwo muß Enver Pascha im Recht sein“, notierte er an den Rand seines Manuskripts. [6]

Doppelbelichtung

Kurz vor den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 erhielt Werfel, wie auch alle anderen Mitglieder der Preußischen Akademie für Dichtkunst, die Aufforderung, sich angesichts der „veränderten geschichtlichen Lage“ den neuen nationalsozialistischen Machthabern gegenüber ausdrücklich loyal zu erklären. Während Alfred Döblin, Thomas Mann und Jakob Wassermann diese Unterwerfungsgeste ablehnten, rang sich Werfel dazu durch, die Erklärung zu unterzeichnen, um die Veröffentlichung seines Romans nicht zu gefährden. Geholfen hat ihm das wenig: kaum veröffentlicht, wurde er 1934 bereits aufgrund von §7 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz des Deutschen Volkes wegen „Gefährdung öffentlicher Sicherheit und Ordnung“ verboten.

Werfels Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh, gerade einmal 17 Jahre nach den Geschehnissen des Völkermords an den Armeniern erschienen, nahm sich mit den Mitteln des Zeitromans eines Ereignisses an, das in der Weltöffentlichkeit seinerzeit noch fast vollständig verdrängt oder marginalisiert wurde. Damit nimmt der Roman die von den Nationalsozialisten betriebene Vernichtung des deutschen und europäischen Judentums in frappanter Hellsichtigkeit vorweg. Das ist der Grund dafür, dass dieses Buch über die Unbeugsamkeit einer Gruppe aus „Gerechten“ gegen eine feindliche Übermacht wie kein anderes Werk von Juden gelesen wurde, die der Naziverfolgung ausgesetzt waren. Selbst im Ghetto von Warschau zirkulierte es heimlich im Untergrund, bis die zerlesenen Exemplare seinen verschworenen Lesern buchstäblich unter den Händen zerfielen.

Werfels Romanwerk Die vierzig Tage des Musa Dagh galt jahrzehntelang als das wichtigste Werk zum Völkermord an den Armeniern überhaupt. Der Roman hatte international großen Erfolg. Stefan Zweig, Berater des amerikanischen Verlags Viking Press, empfahl das Werk, so konnte The Forty Days of Musa Dagh bereits im Herbst 1934 in den Vereinigten Staaten erscheinen – wochenlang führte es die amerikanischen Bestsellerlisten an.

Franz Werfel 1890 – 1945. © Public DomainAls Werfel im November 1935 nach New York reiste, bereiteten ihm dort lebende Exil-Armenier einen stürmischen Empfang. [7] Ähnlich erging es ihm, als er in Paris Station machte. Alma Mahler-Werfel erinnert sich: „Wir wurden von einer Menge junger Armenier, die bei der Einfahrt des Zuges einen Choral sangen, empfangen. Mit dem Schrei ‚Wo ist Franz Werfel?!’ galoppierten alle in die Waggons.“ [8] An einem der zahlreichen Diners, die anlässlich des großen Verkaufserfolgs auch in Frankreich zu Werfels Ehren gegeben wurden, nahm auch der französische Admiral Dartige du Fournet teil, eben jener Kommandant des Flaggschiffes Jeanne d’Arc, der den fast fünftausend Männern, Frauen und Kindern vom Musa Dagh das Leben gerettet hatte. Für viele Armenier überall in der Welt stieg Werfels Buch so allmählich in den Rang eines armenischen Nationalepos auf: „Wir waren eine Nation, aber erst Franz Werfel hat uns eine Seele gegeben.“ [9]

Edgar Hilsenrath, Das Märchen vom letzten Gedanken
“... alle haben die Todeskolonnen gesehen. Und trotzdem wollen sie nichts begreifen. ... Sie glauben nicht, dass ihr imstande seid, ein ganzes Volk auszurotten, sage ich. – Nein, sagt der Uniformierte. .... Und sie wissen nicht, dass es nur der Vorgeschmack ist von dem, was sie wirklich erwartet. – Du sprichst von der endgültigen Lösung? – Davon spreche ich.” [10]

Für deutsche Leser scheint auch eindeutig, von welchem Volk in diesem Zitat die Rede ist, denn welches andere Volk wäre jemals Ziel eines totalen Auslöschungswahns geworden als die jüdische? Und doch handelt auch Edgar Hilsenraths großes Epos Das Märchen vom letzten Gedanken (1989) vom Massenmord an den Armeniern – anders als seine anderen berühmten Werke Nacht (1964) oder Der Nazi und der Friseur (1977). Hilsenrath, 1926 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Leipzig geboren, floh 1938 vor der NS-Verfolgung mit seiner Mutter und dem Bruder zu den Großeltern in die Bukowina. In seinem „Märchen“ widmet er sich dem Schicksal der Armenier um 1915, als die nationalistische Bewegung der Jungtürken versuchte, das ehemalige osmanische Vielvölkerreich um jeden Preis in einen ethnisch homogenen türkischen Nationalstaat mit pantürkischer Ideologie umzuschmelzen. Edgar Hilsenrath hat selbst erklärt, welches das zentrale Anliegen seines Romanwerks sei: „Es ist sehr viel geschrieben worden über die Verbrechen der Deutschen während des Nazireiches. Es ist aber gar nicht geschrieben worden über die Verbrechen der Türken während des ersten Weltkriegs. Während des ersten Weltkriegs haben sie ein ganzes Volk ausgerottet, und zwar die Armenier. Das ist ziemlich unbekannt. Die Türkei leugnet bis heute und sagt, es wäre nie geschehen. Das ist der totgeschwiegene Völkermord.“

Edgar Hilsenrath bei einer Buchsignierung während der Feier seines 80. Geburtstages, CC BY 2.5Als Überlebender des Holocaust hat Edgar Hilsenrath erst seine eigene Sprachlosigkeit überwinden müssen. Der schonungslose Realismus seines Romans Nacht, in dem der große Außenseiter der deutschen Nachkriegsliteratur seinen Erfahrungen nach seiner Deportation in ein jüdisches Ghetto in der Ukraine 1941 Ausdruck verlieh, hat manchen seiner deutschen Leser überfordert, ebenso wie der rabenschwarze, oftmals groteske Ton, um dessentwillen sein wohl berühmtester Roman Der Nazi und der Friseur in Deutschland jahrzehntelang keinen Verleger fand. Auch Das Märchen vom letzten Gedanken ist eine erzählerische Annäherung an das Unerzählbare, und zwar erneut in höchst eigenwilliger Form: in der eines Märchens.

Ausgangspunkt seiner Recherchen war wiederum Franz Werfels Die vierzig Tage des Musa Dagh. Fast zwanzig Jahre lang hat Hilsenrath die armenischen Quellen studiert, in San Francisco und der Berliner Staatsbibliothek. Eine lange Zeit der Latenz musste vergehen, ehe aus Hilsenraths ersten Entwurfs-Ideen für einen Armenier-Roman – noch aus seiner New Yorker Zeit um 1970 stammend – jener fast 600 Seiten zählende Roman wurde, den er 1988 binnen eines einzigen Jahres hat niederschreiben können. Der Roman erzählt die Geschichte von Thovma Khatisian, einem kleinen Kind, das – in der Konstruktion des Buches –, eben erst geboren das Massaker überlebt und, von einer türkischen Frau gerettet, erst in ein Waisenheim und dann vom Roten Kreuz ins Ausland verbracht wird. Als Thovma in der Schweiz heranwächst, hat er keine Erinnerung daran, woher er stammt. Viel später erst, bereits im Erwachsenenalter, erzählt ihm jemand die Geschichte vom Völkermord an den Armeniern, und Thovma beginnt, Nachforschungen anzustellen, ebenso wie Hilsenrath selbst es tat: „Fast sechzig Jahre lang, so erzählte dieser Thovma Khatisian, habe er Spuren gesucht. Und er würde so lange weitersuchen, bis er wieder eine Geschichte hätte, denn er, so sagte er, wäre ein Waisenkind, eines, das während des Massakers von 1915 auf einer Landstraße geboren worden sei. Er würde immer weiter suchen.“ [11]

Das Märchen vom letzten Gedanken ist ein ganzer Roman über armenisches Leben geworden, über Ostanatolien, das Stammland der Armenier, und die Geschichte einer Familie, die in einem idyllischen Bergdorf, aber auch in perfiden Foltergefängnissen die Geschichte des heraufziehenden Ersten Weltkrieges und des Völkermords am eigenen Leibe erfährt. Der Roman ist auf hunderten Seiten mit einem Leben prall gefüllt, das doch letztlich mit in einem einzigen Augenblick verfliegt: „Es war einmal ein letzter Gedanke. Der saß in einem Angstschrei und hatte sich dort versteckt. ..... Der hatte sich dort versteckt, um mit dem letzten Angstschrei ins Freie zu segeln - durch deinen sperrweit aufgerissenen Mund.“ [12]

Faktengesättigtes Märchen

Nach seinem Erscheinen im Jahre 1989 hat Alexander von Bormann den Roman mit Franz Werfels Die vierzig Tage des Musa Dagh verglichen, doch fand der Kritiker Hilsenraths Roman dem Werfels bedeutsam überlegen: „Denn er ist historischer und poetischer zugleich.“ [13] Auch Hilsenrath selbst hat das Märchen immer als sein bestes Buch bezeichnet. Beim Schreiben will er phasenweise vollkommen absorbiert, wie in Trance gewesen sein, als lebe er buchstäblich mit seinen Figuren in Armenien, als erlebe er ihr Leid als Wiederholung seines eigenen Leidens: „Während ich es schrieb, fühlte ich mich als Armenier.“ Hilsenrath ist nicht bloß Spezialist für versunkene Welten osteuropäischer Schtetl und ostanatolischer Dörfer; in seinem Märchen erweist er sich als ein Autor, der eine Welt in ihrer ganzen Detailfülle und -treue regelrecht wieder hervorzaubern kann, eine Welt wie aus dünner Spitze geflochten, in der es einem ist, als hörte man Armenisch sprechen, als sähe man armenische Gesichter. Sein Anerzählen gegen das Vergessen des armenischen Schicksals hat ihm offenbar die Möglichkeit gegeben, Dinge von sich preiszugeben, die er im Namen des eigenen, jüdischen Schicksals so vielleicht kaum hätte offenbaren können.

Viele Leser in Armenien, aber auch aus der armenischen Diaspora weltweit, zeigen sich bis heute durch die Lektüre von Hilsenraths Meisterwerk zutiefst erschüttert. Anfang Oktober 2001 erhielt Hilsenrath zusammen mit seiner Frau Marianne durch das Außenministerium der Republik Armenien eine Einladung. Am Flughafen von Jerewan empfing man die beiden mit Blumen. Der Dichter erhielt für sein Werk den Nationalpreis für Literatur aus der Hand des Präsidenten der Republik Armenien und die Ehrendoktorwürde der Staatlichen Universität Jerewan.

Vom „armenischen Yad Vashem“ aus wird Hilsenraths Suche nach dem versunkenen Armenien in Ostanatolien womöglich auch als Wunsch lesbar, unter den verschiedenen Opfergemeinschaften Solidarität zu stiften, statt Eifersucht: So führte Hilsenrath auf einer Lesung aus seinem Roman Das Märchen vom letzten Gedanken aus: „Der Holocaust und die Vernichtung der europäischen Juden galt als einmalig in der Geschichte. Aber war er es wirklich? War die Ermordung der Armenier nicht auch ein Holocaust, zwar zahlenmäßig der kleinere, aber doch?“ [14]

Dabei ist es nicht ganz unproblematisch, wie Hilsenrath die Holocaust-Parallelen in seinem Roman noch zuspitzt, jüdische Shoah-Erinnerungen regelrecht mit dem Schicksal der Armenier überblendet, eine Verwechslung, ein Anachronismus, am unübersehbarsten wohl da, wo selbst Hitlers berüchtigte Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 über die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ wortwörtlich einer der türkischen Figuren in den Mund gelegt wird: „Sollte es dem internationalen Armeniertum gelingen, eines Tages die ganze Welt gegen uns aufzuhetzen, dann wird das die Vernichtung dieser Rasse bedeuten.“

Freilich, der Holocaust hatte andere Dimensionen, nicht nur in der Zahl der Ermordeten, sondern auch in der Art der Ermordung als einem technischen, quasi industriellen Prozess. Dennoch sind gewisse historische Parallelen frappant, ja nachgerade unheimlich: Auch die Armenier wurden zu tückischen Feinden im Inneren erklärt, auch die armenischen Deportierten in Todesmärschen quer durch Anatolien getrieben. In der Einleitung zu Wolfgang Gusts Dokumentarband Der Völkermord an den Armeniern 1915/16 beschreibt der armenische Genozid-Forscher Vahakn N. Dadrian den Aghet als „Präzedenzfall für die Shoah“, von dem „eine direkte Linie“ zur Massenvernichtung der Juden führe. Wollte man nun Wolfgang Gusts Dokumentation des Völkermords neben Hilsenraths Märchen vom letzten Gedanken legen, entpuppten sich selbst die schrecklichsten Ausgeburten der Phantasie eines Märchenerzählers als strikt wahrheitsgetreu. Der Aghet wurde von dem Autor Elie Wiesel als „Holocaust vor dem Holocaust“ bezeichnet; wer nach Beweisen dafür verlangt, mag Hilsenraths faktengesättigtes Märchen vom letzten Gedanken lesen.

1.Franz Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh (Frankfurt a. M.: Fischer-Verlag, 1990), S. 669.

2.Yosef Hayim Yerushalmi, Zachor: Erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis (München: Wagenbach-Verlag, 1996), S. 104.

3.Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 9.

4.Alma Mahler-Werfel, Mein Leben (Stuttgart: Deutscher Bücherbund, 1960), S. 225.

5.Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 160f.

6.Peter Stephan Jungk, „Vortrag zu Franz Werfels Die vierzig Tage des Musa Dagh, gehalten im Johannes-Lepsius-Haus, Potsdam, am 9. September 2011.“

7.Edward Minasian, Musa Dagh: A Chronicle of the Armenian Genocide Factor in the Subsequent Suppression, by the Intervention of the United States Government, of the Movie based on Franz Werfel’s The Forty Days of Musa Dagh. o.O. 2007, S. 29–30.

8.Mahler-Werfel, Mein Leben, S. 225.

9.Ebd.

10.Edgar Hilsenrath, Das Märchen vom letzten Gedanken. Gesammelte Werke, Band 6 (Dittrich Verlag, 2005), S. 478.

11.Hilsenrath, Das Märchen vom letzten Gedanken, S. 600.

12.A.a.O., S. 7.

13.Alexander von Bormann „Dokumentarische Phantastik“, Deutschlandfunk, 05.11.1989.

14.Edgar Hilsenrath auf einer Lesung in Mönchengladbach am 08.11.1989, übertragen im WDR Hörfunk (Budengasse, WDR 5).

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    Manuel Gogos

    Dr. phil, geb. 1970 in Gummersbach, ist freier Autor und Ausstellungsmacher. Seine "Agentur für geistige Gastarbeit" firmiert in Bonn.  »www.geistige-gastarbeit.de«