Retrospektiven

DIE FRAU UND DER FREMDE



In der DDR sind viele antifaschistische Filme entstanden, im Vergleich dazu aber nur wenige Auseinandersetzungen mit dem Ersten Weltkrieg. DIE FRAU UND DER FREMDE ist ein psychologisches Kammerspiel, das auf einer Erzählung von Leonhard Frank beruht: Zwei deutsche Kriegsgefangene im russischen Hinterland, Karl und Richard, freunden sich. Richard erzählt Karl von seiner Frau Anna. Als Karl die Flucht nach Deutschland gelingt, sucht er Anna auf und gibt sich als deren Mann aus. Anna weiß, dass dies nicht stimmt, verliebt sich aber in den Fremden, der alles über sie und von ihr zu wissen scheint. Als der Krieg aus ist, kehrt auch Richard zurück. Rainer Simon konzentriert sich auf „das nie gänzlich zu durchschauende Spiel zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Schein und Realität, die Problematik des Identitätstausches, des Identitätsverlustes.“ DIE FRAU UND DER FREMDE ist der einzige Film der DEFA, der mit dem großen Preis eines westlichen Festivals ausgezeichnet wurde: 1985 gewann er auf der Berlinale den Goldenen Bären. Dennoch ist er weitgehend unbekannt geblieben: Aufgrund von Copyright-Verletzungen konnte er nur in der DDR gezeigt werden und lief auch dort nur kurzzeitig im Kino. Erst seit 2008 ist er wieder verfügbar

„Es ist auf alle Fälle ein Antikriegsfilm, weil die Geschichte tatsächlich nur in diesem Zusammenhang für mich Bedeutung gewinnt. Würde man sie ohne den Krieg erzählen, wäre es einfach eine Dreiecksgeschichte, in der Karl und Anna ein würdeloses Spiel spielen. Außerdem wäre sie dann wirklich unglaubwürdig. Der Krieg, der die Ausnahmereaktionen der drei Hauptfiguren ermöglicht, der Krieg spielt immer mit, aber er tritt nicht als grausiges Detail in Erscheinung.“
(Rainer Simon, Berlinale 1985).

Autor: Stefan Drößler
Direktor des Filmmuseums München
www.muenchner-stadtmuseum.de

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Filmdaten

Erstaufführung:
31. Januar 1985

Regie: Rainer Simon
Drehbuch: Rainer Simon, nach der Erzählung „Karl und Anna“ von Leonhard Frank (1926)
Kamera: Roland Dressel
Musik: Reiner Bredemeyer

Darsteller:
Joachim Lätsch (Karl), Peter Zimmermann (Richard), Kathrin Waligura (Anna), Christine Schorn (Trude), Siegfried Höchst (Horst), Katrin Kappe (Marie), Ulrich Mühe (Revolutionär)

Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme
Format: 35mm, Normalformat 1:1,33, Orwocolor
Länge: 98 Minuten

DVD: Absolut Medien (Untertitel englisch, französisch, spanisch), Goethe-Institut (Untertitel englisch, französisch, spanisch)

35mm: Deutsche Kinemathek (ohne Untertitel)