Ernest Hemingway

In einem anderen Land 3

„Wir wollen nicht über verlieren reden. Es wird genug über verlieren gesprochen. Was diesen Sommer geschehen ist, kann nicht umsonst gewesen sein.“ Ich sagte nichts. Mich verwirrten immer Worte wie heilig, ruhmreich und Opfer und der Ausdruck umsonst. Wir hatten sie manchmal im Regen stehend beinah’ außer Hörweite vernommen, wenn nur die lautesten Worte zu uns durchdrangen, und hatten sie auf Proklamationen gelesen, die von Zettelanklebern über andere Proklamationen angeklapst wurden, noch und noch, und ich hatte nicht Heiliges darin gesehen, und die ruhmreichen Dinge waren ohne Ruhm und bei Opfer mußte ich an die Schlachthöfe in Chicago denken, wenn das Fleisch zu nichts benutzt, sondern begraben wurde. Es gab viele Worte, die man nicht mit anhören konnte, und schließlich hatten nur noch Ortsnamen Würde. Mit gewissen Nummern war es dasselbe und mit gewissen Daten und die mit den Ortsnamen zusammen war alles, was man sagen konnte, so daß es etwas bedeutete. Abstrakte Worte wie Ruhm, Ehre, Mut oder heilig waren obszön neben konkreten Namen von Dörfern, Nummern von Straßen, Namen von Flüssen, Nummern von Regimentern und Daten.
Übersetzung: Annemarie Horschitz-Horst

Ernest Hemingway: „In einem anderen Land“ (1929; Gütersloh: Bertelsmann Lesering 1957), 144.

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Ernest Hemingway


Ernest Hemingway (*21. Juni 1899 in Oak Parks, Illinois †2. Juli 1961 in Ketchum, Idaho) meldete sich im Ersten Weltkriegs freiwillig als Ambulanzfahrer des Amerikanischen Roten Kreuzes. Nach zwei Monaten an der italienischen Front schwer verwundet, verbrachte er längere Zeit in einem Mailänder Militärkrankenhaus. Seine Kriegserfahrungen verarbeitete der spätere Nobelpreisträger zu seinem viel gepriesenen Roman In einem anderen Land (1929).