Gertrude Stein

Kriege die ich gesehen habe 1

... und das neunzehnte Jahrhundert stirbt schwer wie alle Jahrhunderte deshalb dauert der letzte Krieg so lang um es zu töten, es wird noch jetzt 1942 getötet, das neunzehnte Jahrhundert, ganau wie das achtzehnte Jahrhundert die Zeit von der Revolution an bis 1840 brauchte um getötet zu werden, so brauchte das neunzehnte Jahrhundert die Zeit von 1914-1943 um getötet zu werden. Es ist schwer ein Jahrhundert zu töten fast unmöglich, wie in dem alten Witz über Schwiegermütter, und Jahrhunderte werden so sie werden lästig wie eine Schwiegermutter.
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... und dann begann wie ich sage, der Weltkrieg 1914-1918 und das neunzehnte Jahrhundert ein sehr widerstandsfähiges starkes hartnäckiges und von seinem Dienst an der Menschheit und dem Fortschritt überzeugtes versuchte sich töten zu lassen, das heißt man versuchte es zu töten, aber konnte man es. Nein. Nicht einmal durch den Krieg 1914-1918, man konnte es nicht und man tat es nicht und erst jetzt ist es tot Hitler hat es getötet und wie ein wahrer Samson ging er mit ihm unter und wurde in seinen Ruinen umgebracht.
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Unbestreitbar war der Krieg 1914-1918 ein Krieg des neunzehnten Jahrhunderts ebenso wie der Krieg 1939-19.. es unbestreitbar nicht ist. Und die Hoffnungen und die Ängste, und die Beziehung zur Endlichkeit und Unendlichkeit dieses Krieges und die Methode von Glauben und Unglauben, und die Hoffnung auf Fortschritt und Reform all diese Dinge sind nicht neunzehntes Jahrhundert ganz und gar nicht jetzt.
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Eines ist sicher, und niemandem war das im Krieg 1914-1918 wirklich klar, man sprach darüber aber man war sich darüber nicht klar aber jetzt weiß es jeder jeder das eine was jeder will ist frei zu sein, zu reden zu essen zu trinken zu gehen zu denken, zu gefallen, zu wünschen, und das jetzt zu tun wenn sie es jetzt wollen, und jeder weiß es sie wissen es alle wissen es, sie wollen frei sein, sie wollen sich nicht eingesperrt fühlen sie wollen sich frei fühlen, selbst wenn sie nicht frei sind wollen sie sich frei fühlen, und sie wollen sich jetzt frei fühlen, soll die Zukunft sich um sich selbst kümmern alles was sie wollen ist frei sein, nicht beaufsichtigt werden, bedroht, geführt, unterdrückt, verpflichtet, furchtsam, verwaltet, sie wollen nichts von alledem sie alle wollen sich frei fühlen, das Wort Disziplin, und verboten und untersucht und eingesperrt bringt Schrecken und Furcht in alle Herzen, sie wollen keine Angst haben nicht mehr als nötig ist im gewöhnlichen Alltagsleben wo man seinen Lebensunterhalt verdienen muß und Armut fürchten muß und Krankheit und Tod.

Es gibt genug wovor man Angst haben muß, niemand will Angst haben, einfach Angst, Angst vor etwas wovor man keine Angst haben sollte, wirklich nicht. Das stimmt im Oktober 1943, es stimmt. In den Jahren 1914-1918 war noch das neunzehnte Jahrhundert, und man konnte noch glauben was da passiert könne einen zu höheren und anderen Dingen führen aber jetzt ist das einzige was jeder jetzt will frei sein, in Ruhe gelassen werden, man will sein Leben leben wie man kann, aber nicht beobachtet, kontrolliert, und verängstigt werden, nein nein, nicht.
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Das neunzehnte Jahrhundert verstand das nicht, nicht einmal im 1914-1918 Krieg der versuchte das neunzehnte Jahrhundert zu beenden aber da er es selbst nicht verstand, konnte er das neunzehnte Jahrhundert nicht beenden, aber jetzt jetzt ist es uns allen klar, das Unvermeidliche und der Durst nach Freiheit, uns allen.

Übersetzung: Marie-Anne Stiebel

Gertrude Stein: „Kriege die ich gesehen habe“ (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1984), 22, 90-94.

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Gertrude Stein


Gertrude Stein (* 3. Februar 1874 in Allegheny, Pennsylvania † 27. Juli 1946 in Paris) kehrte 1916 nach einer längeren Kriegs-Auszeit in Mallorca mit ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas in ihre Wahlheimat Frankreich zurück, wo sie von 1917 bis Kriegsende Hilfsgüter an Krankenhäuser verteilten. In ihrem im Zweiten Weltkrieg verfassten Buch Kriege die ich gesehen habe (1945) stellte Stein in dem für sie typischen Stil den Ersten Weltkrieg in einen größeren historischen Zusammenhang.