Gertrude Stein

Kriege die ich gesehen habe 3

… und eines Tages erzählte mir eine der Mütter in der Stadt daß ihre neun Jahre alte Tochter jeden einzelnen Tag gebetet habe einen amerikanischen Soldaten zu sehen und daß sie niemanden gesehen habe und jetzt begann die Mutter zu fürchten ihr Kind könne den Glauben ans Gebet verlieren. Ich sagte ich würde sie mit hinunternehmen um die amerikanischen Soldaten zu sehen und wir gingen. Natürlich waren sie reizend und jeder von ihnen dachte sich etwas aus um es ihr zu geben, Bonbons Kaugummi, einer gab ihr ein U. S. Abzeichen das sie an ihren Mützen tragen und einer gab ihr eine Medaille die der Papst in Rom gesegnet und den amerikanischen Soldaten gegeben hatte. Und sie war so glücklich, sie sang ihnen alle alten französischen Lieder vor, Claire de la Lune, The Good King Dagobert und Sur le Pont d’Avignon.

Dann als wir nach Hause gingen sagte ich zu ihr, den Kaugummi den mußt du kauen aber sei vorsichtig damit du ihn nicht verschluckst. O ja ich weiß sagte sie. Woher weißt du das fragte ich oh sagte sie weil als der letzte Krieg war meine Mutter ein kleines Mädchen war und die amerikanischen Soldaten ihr Kaugummi gaben und während dieses ganzen Krieges erzählte uns meine Mutter immer davon, und sie stieß einen verzückten Seufzer aus und sagte und jetzt habe ich ihn.

Übersetzung: Marie-Anne Stiebel

Gertrude Stein: „Kriege die ich gesehen habe“ (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1984), 307-308.

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Gertrude Stein


Gertrude Stein (* 3. Februar 1874 in Allegheny, Pennsylvania † 27. Juli 1946 in Paris) kehrte 1916 nach einer längeren Kriegs-Auszeit in Mallorca mit ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas in ihre Wahlheimat Frankreich zurück, wo sie von 1917 bis Kriegsende Hilfsgüter an Krankenhäuser verteilten. In ihrem im Zweiten Weltkrieg verfassten Buch Kriege die ich gesehen habe (1945) stellte Stein in dem für sie typischen Stil den Ersten Weltkrieg in einen größeren historischen Zusammenhang.