Sigmund Freud

Zeitgemäßes über Krieg und Tod 2

II. Unser Verhältnis zum Tod

Er [der Krieg] streift uns die späteren Kulturauflagerungen ab und läßt den Urmenschen in uns wieder zum Vorschein kommen. Er zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den eigenen Tod nicht glauben können; er bezeichnet uns die Fremden als Feinde, deren Tod man herbeiführen oder herbeiwünschen soll; er rät uns, uns über den Tod geliebter Personen hinwegzusetzen. Der Krieg ist aber nicht abzuschaffen; solange die Existenzbedingungen der Völker so verschieden und die Abstoßungen unter ihnen so heftig sind, wird es Kriege geben müssen. Da erhebt sich denn die Frage: Sollen wir nicht diejenigen sein, die nachgeben und sich ihm anpassen? Sollen wir nicht zugestehen, daß wir mit unserer kulturellen Einstellung zum Tode psychologisch wieder einmal über unseren Stand gelebt haben, und vielmehr umkehren und die Wahrheit fatieren? Wäre es nicht besser, dem Tod den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebührt, und unsere unbewußte Einstellung zum Tode, die wir bisher so sorgfältig unterdrückt haben, ein wenig mehr hervorzukehren? Es scheine das keine Höherleistung zu sein, eher ein Rückschritt in manchen Stücken, eine Regression, aber es hat den Vorteil, der Wahrhaftigkeit mehr Rechnung zu tragen und uns das Leben wieder erträglicher zu machen. Das Leben zu ertragen, bleibt ja doch die erste Pflicht aller Lebenden. Die Illusion wird wertlos, wenn sie uns darin stört.

Wir erinnern uns des alten Spruches: Si vis pacem, para bellum.
(Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Krieg.)

Es wäre zeitgemäß ihn abzuändern:
Si vis vitam, para mortem.
(Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.)
Sigmund Freud, „Zeitgemäßes über Krieg und Tod,“ Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften IV (1915), 13–21.
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Sigmund Freud


Passend für den Vater der Psychoanalyse, dessen drei Söhne an der Front dienten, hatte Sigmund Freud (*6. Mai 1856 in Freiberg in Mähren † 23. September 1939 in London) eine durchgängig ambivalente und veränderliche Einstellung zum Krieg. Dennoch erwiesen sich die Kriegsjahre als eine äußerst produktive Phase; zu den vielen in dieser Zeit verfassten oder fertiggestellten Schriften zählen auch seine Essays „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ (1915).