Sigmund Freud

Zeitgemäßes über Krieg und Tod 1

Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt, einseitig unterrichtet, ohne Distanz von den großen Veränderungen, die sich bereits vollzogen haben oder zu vollziehen beginnen, und ohne Witterung der sich gestaltenden Zukunft, werden wir selbst irre an der Bedeutung der Eindrücke, die sich uns aufdrängen, und an dem Wert der Urteile, die wir bilden. Es will uns scheinen, als hätte noch niemals ein Ereignis soviel kostbares Gemeingut der Menschheit zerstört, soviele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlich das Hohe erniedrigt.
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Zeitgemäßes über Krieg und Tod 2

Er [der Krieg] streift uns die späteren Kulturauflagerungen ab und läßt den Urmenschen in uns wieder zum Vorschein kommen. Er zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den eigenen Tod nicht glauben können; er bezeichnet uns die Fremden als Feinde, deren Tod man herbeiführen oder herbeiwünschen soll; er rät uns, uns über den Tod geliebter Personen hinwegzusetzen. Der Krieg ist aber nicht abzuschaffen; solange die Existenzbedingungen der Völker so verschieden und die Abstoßungen unter ihnen so heftig sind, wird es Kriege geben müssen.
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Sigmund Freud


Passend für den Vater der Psychoanalyse, dessen drei Söhne an der Front dienten, hatte Sigmund Freud (*6. Mai 1856 in Freiberg in Mähren † 23. September 1939 in London) eine durchgängig ambivalente und veränderliche Einstellung zum Krieg. Dennoch erwiesen sich die Kriegsjahre als eine äußerst produktive Phase; zu den vielen in dieser Zeit verfassten oder fertiggestellten Schriften zählen auch seine Essays „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ (1915).