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Bilder aus Kairo: Eine Revolution erzählt sich selbst

Mosa'ab ElshamyCopyright: Mosa'ab Elshamy
Demonstranten auf dem Tahrir-Platz am 8. April 2011 (Foto: Mosa'ab Elshamy)

26. März 2013

Während der Fokus der Medien derzeit dem bürgerkriegsgeplagten Syrien gilt, erzählt die Ausstellung Kairo. Offene Stadt im Folkwang Museum Essen von den Umbrüchen in Ägypten. Dabei ist das Bild nicht allein Informationsträger, sondern auch Gegenstand der Untersuchung. Von Lisa Mayerhöfer

Bilder von demonstrierenden Menschenmassen sind nichts Neues. Ein Bild, auf dem jeder vierte Demonstrant dem Fotografen ein Aufnahmegerät entgegenhält, schon. Mosa’ab Elshamys Foto macht auf einen Blick deutlich, welche Verschiebung mit dem Arabischen Frühling eingesetzt hat: Nicht nur war die Berichterstattung über soziale Umbrüche noch nie so umfassend, sie hat auch eine neue Form angenommen – den Bürgerjournalismus.

Die Ausstellung Kairo. Offene Stadt. Neue Bilder einer andauernden Revolution beschreibt nicht nur das soziale und politische Erwachen einer ganzen Generation. Die Ausstellung widmet sich vor allem auch der neuen Rolle der Bilder in diesem Prozess. Ägyptische Künstlerinnen und Fotografen, Aktivistinnen und Kuratoren setzen sich mit den Ereignissen in ihrem Land medial auseinander. Die Berichterstattung wollen sie nämlich keineswegs den etablierten Medien überlassen – und schon gar nicht dem Informationsmonopol eines autoritären Staates, wie es Ägypten bis dato war. Innerhalb von Stunden finden nun kritische Informationen über Blogs und soziale Netzwerke ihren Weg zu einem internationalen Publikum, wie das früher undenkbar gewesen wäre.


Kairo. Offene Stadt
Fotostrecke: „Kairo. Offene Stadt“


Die Bilder und Videos dieser Bürgerjournalisten, Aktivisten und Künstler entstehen aus der Revolution, fachen sie an, geben Zeugenschaft und bestimmen das Selbstverständnis ihrer Akteure. So dokumentiert Kairo. Offene Stadt das improvisierte Tahrir Cinema: Hunderte von Menschen versammelten sich um abendliche Projektionen direkt auf dem weltberühmten Platz und sahen die Aufnahmen von Bürgerjournalisten über die Demonstrationen und Zusammenstöße des Tages.


Lara Baladi und Ahmed Kamel im WDR-Beitrag Kairo. Offene Stadt

Andere Fotos und Videos illustrieren die Rolle der Frauen in den Protesten – als Protagonisten wie auch als Opfer. So hält der Demonstrant auf Jonathan Rashads Foto ein Standbild aus einem Video hoch, das die Misshandlung einer Frau durch Polizisten zeigt und um die ganze Welt gegangen ist. Verziert und beschriftet erhebt das Plakat die Frau zur Ikone; die neuen Bilder reflektieren sich bereits selbst. Das wird auch bei Ahmed Kamel deutlich. Der Künstler malte, schon lange vor der Revolution, Bilder aus sozialen Netzwerken ab, löst sie aus ihrem Kontext und überführt sie in einen künstlerischen. Ein emanzipatorischer Prozess: Er sei nun nicht mehr so leicht zu manipulieren und denke nicht daran aufzugeben, sagt Kamel.

Kairo. Offene Stadt. Neue Bilder einer andauernden Revolution ist eine experimentelle Ausstellung: Das Offene des politischen Prozesses wird als formales Prinzip übernommen. Die einzelnen Kapitel und Stationen kuratieren verschiedene namhafte Persönlichkeiten der Kairoer Kunstszene, darunter die Künstlerinnen Lara Baladi, Heba Farid und Jasmina Metwaly, die Fotografen Thomas Hartwell und Tarek Hefny, die Journalisten Rowan El Shimi und Philip Rizk, die Kuratorin Alexandra Stock und die Blogger Ahmad Gharbeia und Alex Nunns. Nach dem Museum für Photographie Braunschweig ist Kairo. Offene Stadt noch bis 5. Mai 2013 im Museum Folkwang in Essen zu sehen. Die nächste Station ist das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Museum Folkwang und dem Fotomuseum Braunschweig, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Kairo.
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