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Versuchsraum ägyptische Revolution – Sherief Gaber über politische Teilhabe und Durchhaltevermögen

Capitalism CC by nc 2.0 Adbusters Culturejammers HQSherief Gaber; Foto: (c) privat

Im Januar 2011 stieg Sherief Gaber in Texas in ein Flugzeug, um die Aufstände zu unterstützen, die gerade in Ägypten, der Heimat seiner Eltern, begonnen hatten. Er sprach mit Goethe.de über die andauernde Revolution und seine Arbeit mit dem unabhängigen Medienkollektiv Mosireen.

Sie kamen damals mit einer Welle des Enthusiasmus und großen Hoffnungen auf Veränderung zurück nach Kairo. Zwei Jahre später scheinen die Menschen in Ägypten erschöpft.

Ja, es sieht wirklich sehr schlecht aus, aber ich denke, die Bewegung ist jetzt eigentlich viel stärker. Ich bin nach Ägypten zurückgekehrt mit dem Gefühl, dass das hier mehr war, nämlich Schauplatz eines möglichen Wandels mit globalem Ausmaß. Und auch wenn der noch nicht eingetroffen ist, sind die Leute doch viel politischer geworden, experimentieren mit gesellschaftlicher Selbstorganisation. Letztendlich wird das wirklich zum Wandel führen. Ob gut oder schlecht, wir sehen hier einen Versuchsraum, der wirklich erfasst, was „Öffentlichkeit“ heißen kann.

Kenne Deine Verfassung: Freiheit der Meinungsäußerung; Youtube-Kanal von Mosireen; Dezember 2012

Würden Sie also sagen, dass dies ein Fortschritt ist, auch wenn die meisten Forderungen der Revolution noch nicht erfüllt wurden?

Auf jeden Fall. Die Anzahl von Leuten, die sich politisch engagieren und das Gefühl haben, dass ein derartiges Engagement für ihr Leben Bedeutung hat, wie auch immer dieses sonst aussieht, ist beträchtlich gestiegen. Eine Menge interessanter neuer Organisationen setzt sich in einer Weise für soziale Gerechtigkeit ein, die möglicherweise große Wirkung zeigen wird, zum Beispiel No Military Trials oder die Anti Sexual Harassment Task-Force.

Mit Mosireen arbeiten Sie seit Februar 2011, fast seit der Gründung des Kollektivs nach dem Rücktritt Mubaraks. Eines Ihrer Projekte waren öffentliche Filmvorführungen, das Tahrir Cinema – eine Art digitale Besetzung des öffentlichen Raumes.

Wir unterstützen die Revolution und ihre Forderungen, und die werden nicht durch die Regierung oder eine politische Partei erfolgreich sein, sondern durch bestimmte Aktionen und eine revolutionäre Perspektive. In einer Stadt wie Kairo, wo es so wenig öffentlichen Raum gibt, entsteht erst einmal ein Massenandrang, wenn sich plötzlich ein solcher auftut, aber dann folgt eine ernsthafte Auseinandersetzung. Es ist etwas völlig anderes, ob man ein Video allein zuhause ansieht oder gemeinsam mit anderen auf der Straße. Dieser Raum bildet für uns die Basis dafür, Dinge in ihrer ganzen Komplexität wahrzunehmen und über verschiedene Bereiche und Referenzrahmen hinweg zu denken.

Sie sprechen hier über die Beziehung zwischen den Medien und dem öffentlichen Raum – wie wichtig sind neue Technologien und der digitale Raum für politischen und sozialen Wandel?

Sicher, digitale Mittel können herkömmliche Organisationsprozesse abkürzen. Aber es gab aufwändige digitale Kampagnen, die im realen Leben nichts bewirkt haben, und wir haben genauso das Gegenteil gesehen. Ich denke, dass beide, physischer und digitaler Raum, Werkzeuge sind, die verwendet und verstanden werden sollten, aber wann sie jeweils nützlich werden, ist absolut abhängig vom Kontext.

Evolution of a strike; Mosireen Youtube Channel; April 2012

Mosireen veranstaltet Workshops, auch außerhalb Kairos. Was halten Sie von der Annahme, dass digitale Bildung auch politische Bildung bedeutet?

Wir hören immer wieder, dass wir mehr auf dem Land machen sollten. Es wird unterstellt, dass die anderen denken würden wie wir, wenn sie dasselbe wüssten wie wir. Ich finde das dumm und bevormundend. Die Fähigkeit, Ideen und Bilder über Distanzen und Kontexte hinweg zu vermitteln, kann sehr nützlich sein. Aber das ist eine Situation, in der man nicht im politischen Sinne organisiert, sondern lediglich eine derartige Organisation unterstützt. Natürlich ist es lustig, wenn man in einem Dorf am Stadtrand Graffitis aus dem Stadtzentrum wiedererkennt und weiß: Die haben sich die Schablone von einer Website runtergeladen. Aber das garantiert noch keine Ergebnisse. Sehen Sie, wie erfolgreich die Muslimbrüderschaft online ihre Propaganda verbreitet und mit ihrer Basis kommuniziert. In der Technologie selbst liegt für mich nichts Emanzipatorisches.

Dann ist die Arbeit von Mosireen noch lange nicht fertig?

Ich denke nicht, dass wir jemals das Gefühl haben werden, dass wir fertig sind und irgendwo angekommen, wo wir bleiben können – teilweise schon deshalb, weil sich die Dinge ständig verändern. Natürlich wird die Finanzierung immer ein Thema bleiben, vor allem für unsere Organisation mit ihren strikten Vorgaben. Wir versuchen, uns vollständig durch Gemeinschaftsbeiträge zu finanzieren, vor allem von Leuten, die unsere Räume und Ressourcen nutzen. Wir möchten, dass die Leute uns deshalb unterstützen, weil sie das Gefühl haben, von uns – direkt oder indirekt – zu profitieren.

Sherief Gaber wurde 1984 in Boston als Sohn ägyptischer Eltern geboren. Während seiner Kindheit und frühen Jugend reiste Gaber regelmäßig nach Ägypten. Mit Beginn der Revolution kehrte er nach Kairo zurück und schloss sich Mosireen an. Das Non-Profit-Medienkollektiv dokumentierte den Protest und die Verstöße gegen soziale Gerechtigkeit während des ägyptischen Aufstands. Mosireen war für den Titel „Netizen 2013“ der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen nominiert.

Sara-Duana Meyer
ist Kuratorin, Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Kulturproduzentin. Sie lebt zwischen München und Kairo und arbeitet vor allem zu Kunst und Widerstand, Kunst im öffentlichen Raum, urbaner Kultur, Globalisierung und Visual Culture. Sie ist Mitbegründerin von Spring Lessons, einer Plattform für sozio-kulturelle Projekte und künstlerische Forschung.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2013

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