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„Es ist ein Unterschied, ob man auf die Straße geht oder etwas übers Smartphone erledigt.“

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Das Netz ist bestens dafür geeignet, die Reichweite politischer Kampagnen zu erhöhen. Die Klickzahlen, die von großen Plattformen für Online-Petitionskampagnen als Beweis für politische Aktivität veröffentlicht werden, scheinen aber im wahrsten Sinne des Wortes schwindelerregend zu sein. Der Protestforscher Wolfgang Kraushaar gibt eine Einschätzung.

Herr Dr. Kraushaar, ist die politische Beteiligung durch das Internet gewachsen oder ist diese Annahme eine Illusion?

Der Begriff der politischen Beteiligung ist nicht sonderlich präzise. Auch innerhalb der Sozialwissenschaften ist man sich in dieser Hinsicht nicht einig. „Politische Beteiligung“ kann bedeuten, einfach nur zu wählen oder aber mittels einer Partei Einfluss zu nehmen. Es kann auch um das Engagement in einer Bürgerinitiative oder einer politischen Bewegung gehen. Nicht zuletzt aber kann „politische Beteiligung“ bezeichnen, dass lediglich im Internet eine Petition angeklickt wird. Das Spektrum ist sehr groß und es ist schwierig, darüber wirklich quantifizierbare Aussagen zu machen.

Wolfgang Kraushaar Quelle: ScienceImageProject.com / Sacha Hartgers

Die großen Internet-basierten Petitions-Plattformen geben enorm hohe Zahlen von Aktivisten an. Move.on beispielsweise spricht von sieben Millionen Aktivisten, Change.org von 25 Millionen, Avaaz.org von über 20 Millionen. Das sind Zahlen, bei denen man stutzig wird und sich fragt, ob man sie umstandslos im Sinne einer „politischen Beteiligung“ bewerten darf. Ich halte diese Angaben für verführerisch. Das Problem bei der Beurteilung besteht darin, ob man eine virtuelle Beteiligung im Internet gleichsetzen kann mit einer politischen Beteiligung im physischen sozialen Feld. Da habe ich meine Zweifel. Es ist schließlich ein Unterschied, ob man auf die Straße oder zu einer Versammlung geht oder etwas vom Schreibtisch aus oder übers Smartphone erledigt.

Finden Sie es fair zu sagen, politischer Aktivismus sei heute einfacher geworden?

Hier ist das Beispiel der arabischen Länder besonders interessant. Ohne Social Media wäre die „Arabellion“ nicht im Gang gekommen, jedenfalls nicht in dieser Geschwindigkeit und Ausbreitung. Aber es gibt dabei einen sehr aufschlußreichen Punkt: Als das Mubarak Regime sämtliche Zugänge zum Internet in Ägypten abgeschaltet hat, kam es zu einer sozialen Mobilisierung. Danach sind die Teilnehmerzahlen enorm gewachsen – durch die Aktionen in den sozialen Netzwerken allein wäre nicht erreicht worden, was durch die soziale Mobilisierung in den Stadtteilen erreicht worden ist.

Sprechen Sie hier von „traditioneller Kommunikation“?

Genau. Das heißt einfach, dass das Eine das Andere nicht ersetzen kann. Ich glaube, dass dies ein wirklich eindrucksvolles Beispiel ist, um sich der Illusionen, die häufig mit der Internet-Mobilisierung vernüpft werden, zu vergewissern. Viele haben von einer „Facebook-“ oder einer „Twitter-Revolution“ gesprochen, aber ich halte diese Bezeichnung für kurzschlüssig. Um einen Machthaber zu stürzen oder gar eine Revolution herbeizuführen, bedarf es letztlich doch der Menschen, die als soziale Wesen auf die Straßen gehen und mit anderen zusammen etwas unternehmen.

In Deutschland gibt es inzwischen ebenfalls eine Kritik am sogenannten „Klicktivismus“. Es wird vor der Illusion gewarnt, mit Klicks könne man die Welt verändern. Ich teile diese Haltung, weil ich glaube, dass man zwar die Möglichkeiten des Internets nutzen soll, aber sich damit nicht begnügen darf.

Get Off Your Ass. From Clicktivism To Activism - Judith Schossböck und Alexander Banfield-Mumb (v.l.n.r.) auf der re:publica 2011; Foto: CC by 2.0 Anja Pietsch - re:publica

Bleiben die Bürgerinnen und Bürger angesichts der Entwicklungen der digitalen Technologien in Zukunft mündig?

Was die Kommunikationsmöglichkeiten betrifft, so scheint alles in unserer digitalisierten Welt steigerbar geworden zu sein. Das hat viele positive Seiten, ist aber auch nicht ganz unproblematisch. Durch elektronische Medien hat zugleich eine enorme Vermarktungsmaschinerie eingesetzt. Wir sind alle Kunden und fast alles, was wir im Internet machen, wird beobachtet und ausgewertet.

Diese Prozesse sind vermutlich irreversibel. Zum Teil werden ganz neue Möglichkeiten entstehen, die Einflussnahme auf Demokratisierungsprozesse kann wachsen, aber es wird auch gewaltige Rückschläge geben. Ich glaube, man kann kein eindeutiges Szenario als Zukunftsvision formulieren. Wir werden vor allem viele Überraschungen erleben.

Wolfgang Kraushaar, Jahrgang 1948, studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik an der Universität Frankfurt am Main. Nach seiner Promotion bei Iring Fetscher 1982 schlug er eine wissenschaftliche Karriere ein und widmet sich dabei seit 1987 am Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) insbesondere politischen Protestbewegungen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Er ist Autor zahlreicher vielbeachteter Bücher zum Thema.

Anne Thomas,
halb-Französin, halb-Amerikanerin, ist in Großbritannien aufgewachsen und lebt in Berlin. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin arbeitet als freischaffende Journalistin und Übersetzerin sowie als Auslandskoordinatorin für Gunter Demnigs Projekt „Stolperstein“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2013

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