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Don’t censor me! – Netzzensur und andere Widrigkeiten

„Zone*Interdite“, Christoph Wachter & Mathias Jud, Ausstellungsansicht, Wilhelm-Hack Museum, Ludwigshafen 2009 | © Christoph Wachter & Mathias Jud
„Zone*Interdite“, Christoph Wachter & Mathias Jud, Ausstellungsansicht, Wilhelm-Hack Museum, Ludwigshafen 2009 | © Christoph Wachter & Mathias Jud


Neben der Copyrightproblematik existiert auch die Frage des freien Zugangs zu Information. Vereinfacht gesagt: Wer kann was im Netz sehen? Das Netz ist lange nicht so einheitlich, wie man denken mag.

Was des einen Leid, ist des anderen Freud. Websites wie bannedvideos.org nützen den Reiz des Verbotenen und versammeln die von der Videoplattform Youtube gelöschten Videos auf eigenen Servern. Ebenso wenig wie Youtube unzensiert Videos online stehen lässt, bietet Google Earth eine aktuelle und akkurate Wiedergabe der Satellitenaufnahmen des Planeten Erde. Wer die seltene Gelegenheit besitzt, Orte wie Bucca im Irak zu bereisen, wird sich wundern, anstatt einer leeren Wüstengegend, wie bei Google Earth dargestellt, ein US-Militärlager vorzufinden.

Solchen und anderen Phänomenen der Wahrnehmung widmen sich die Künstler Christoph Wachter und Mathias Jud in ihrem 1999 gestarteten Internetprojekt zone-interdite.net. Sie haben eine Kartografie aller militärischen Sperrbezirke rund um den Globus erstellt und Orte wie das Militärgefängnis Guantanamo auf Kuba als 3D Simulation detailgetreu virtuell begehbar gemacht. Mit picidae.net schufen sie die Möglichkeit, Internetzensur zu umgehen, indem sie Webseiten auf ihrem Portal in Bilder umrechnen lassen. Diese lassen sich nur sehr viel aufwendiger filtern und zensieren als herkömmlicher Text. Das Projekt New Nations von Wachter/Jud kreiert wiederum Topleveldomains für Nationen, die von der Weltengemeinschat nicht anerkannt sind. So erhält Tibet zum Beispiel .ti oder Kurdistan .ku. Und in ihrer Installation Die Untoten zeigen die beiden Künstler unterschiedliche Schnittfassungen von George A. Romeros Zombieklassikern. Dabei bildet sich ein kleines Panorama heterogener nationaler Zensurvorstellungen ab.

2010 veranstalteten iRights.info und die Deutsche Kinemathek gemeinsam das Symposium „Verbotene Filme“, das die verschiedenen Facetten der Zensur bis hin zur Schere im Kopf zwischen Filmkunst und Netzkultur thematisierte.

Re:publica: Über Vorratsspeicher an Daten, neutralen Netzen und Trojanern des Bundes

Die seit 2007 in Berlin stattfindende Konferenz re:publica versammelt alljährlich Internet-Experten, Aktivistinnen, Hacker, Wissenschaflterinnen, Künstler und Politikerinnen um über die politische Sphäre des Internets zu diskutieren. Seien es Fragen der gesetzlichen Regelung der Speicherung unserer Internetdaten und des Datenschutzes, der Versuch des Staates, die PCs seiner eigenen Bürgerinnen und Bürger mittels Trojanern zu überwachen oder die Frage, wie lange die sogenannte Netzneutralität noch gewährleistet ist. Das heißt, wie lange wir das Internet noch frei nutzen können, ohne Aufpreise für besonderen Service wie beschleunigten Datenverkehr oder multiple Empfangsadressen im Ausland zahlen zu müssen. Oder Themen wie die Kontroversen um Wikileaks, die humoristischen und politischen Aktionen (Demonstrationen, Hackangriffe) der unter dem Decknamen Anonymous agierenden Personen und Gruppen und die mittels Internet verbreitete Arabische Revolution.

404 File not Found: Die Bewahrung des digitalen Erbes

Während der freie Zugang zu Information (Open Access) zu einem der neuen Brennpunkte geworden ist, ist gleichzeitig die Bewahrung und Archivierung von Medienkunstwerken zu einer aktuellen Herausforderung herangewachsen. Obwohl es absurd klingen mag, beschleunigte jedes neue Medium gleichzeitig die Verfallszeit der auf ihm gespeicherten Information. Während sich Filmrollen bei einer sachgerechten Lagerung über mehrere Jahrzehnte beziehungsweise sogar über ein Jahrhundert erhalten lassen, ist die Verfallszeit einer Videokassette weitaus kürzer und liegt je nach Bandart zwischen 10 und 30 Jahren. Ein Großteil der frühen Videokunst ist dadurch dem Verschwinden preisgegeben, wenn sie nicht rechtzeitig auf digitale Träger überspielt und restauriert wird. Aber selbst digitale Träger geben keine Gewähr für den Erhalt des kulturellen Erbes. Wie im Falle der „Internationalen Stadt“ verschwinden jedes Jahr Kunstprojekte vom Netz und werden nicht weiter archiviert.

„Handshake“-KünstlerInnen initiierten das Projekt „Internationale Stadt“ in Berlin, eine virtuelle Community in Anlehnung an „De digitale Stadt“ in Amsterdam. Es rekonstruierte von 1994 bis 1998 urbane und soziale Begegnungsräume im World Wide Web, bis es wegen fehlender Unterstützung eingestellt werden musste.

Auch die Lebenszeit von Trägermedien wie CD-Roms und DVDs ist unberechenbar, zumal es in 10 oder 20 Jahren keine passenden Abspielgeräte mehr auf dem Markt geben dürfte. Diese Probleme haben Museen und Sammlungen inzwischen zum Teil erkannt und verschiedene Projekte gestartet, die unter anderem die Konferenz 404 – File not found 2003 in Dortmund vorstellte. Auch Rudolf Frieling thematisiert die Problematik in seinem Artikel: Digitales Erbe in der Publikation 40jahrevideokunst.de.

Das ZKM in Karlsruhe widmete Ende 2011 diesem Thema sogar eine ganze Ausstellung: Digital Art Works – The Challenges of Conservation. Und zusammen mit dem Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest und dem Documenta-Archiv, sowie dem European Media Art Festival in Osnabrück startete das ZKM die Media Art Base Datenbank als offenes Digitalisierungs- und Präsentationsprojekt von Medienkunst.

Vom Kampf alternativer Kulturanbieter

Leider sind oftmals die kleinen, virulenten Initiativen, Vereine und Institutionen, die die Medienkunst kreativ vorantreiben und der neuen „digitalen Kultur“ und ihren Aktivistinnen und Aktivisten Plattformen und Freiräume bieten, auch diejenigen, die existenziell bedroht sind.

Im Jahr 2007 waren sowohl der Verein c-base als auch das von Carsten Seiffarth, Detlev Schneider und Andreas Broeckmann geleitete Tesla – Labor für mediale Künste, beide in Berlin, aus unterschiedlichen Gründen vom finanziellen Aus bedroht. Tesla und c-base sind wichtige Szene-Treffpunkte mit internationaler Reputation, die ebenfalls Veranstaltungen organisieren. Während sich Tesla der Erkundung der Beziehung zwischen Kunst und Wissenschaft, alten und neuen, analogen und digitalen Medien widmet, ist der Vereinszweck von c-base die Mehrung des Wissens um Software, Hardware und Netzwerke. Der fiktive Gründungsmythos der c-base basiert auf den Trümmern eines Raumschiffs unter dem Stadtzentrum von Berlin, wovon nur noch eine Antenne, der Berliner Fernsehturm, aus dem Boden ragt. „People doing strange things with electricity“ ist der Slogan der dorkbots, die ebenfalls im c-base veranstaltet werden. Während die c-base noch existiert, gehören Tesla und bootlab inzwischen der Vergangenheit an.

Wenn wir uns weiter die Freiheit nehmen wollen, seltsame, unkonventionelle und unangepasste Dinge zu machen, dann sollten wir uns dafür einsetzen, bevor es zu spät ist.

Peter Zorn
ist Filmemacher und Medienkunstkurator, Mitbegrunder und Vorsitzender der Werkleitz Gesellschaft, dem Zentrum fur kunstlerische Bildmedien Sachsen-Anhalt, sowie im Leitungsgremium der Werkleitz Biennale
www.werkleitz.de

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Februar 2008, aktualisiert im Februar 2012

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