Wirtschaft und Soziales in Deutschland

„Man kann auch Teilzeitchefin sein“

Iris Kronenbitter; Copyright: Bundesweite Gründerinnenagentur (bga)Logo Bundesweite Gründerinnenagentur (bga); Copyright: Bundesweite Gründerinnenagentur (bga)Deutlich weniger Frauen als Männer haben bislang den Schritt in die berufliche Selbständigkeit gewagt. Die bundesweit agierende gründerinnenagentur möchte den Anteil der Existenzgründungen und Unternehmensübernahmen durch Frauen erhöhen sowie die Qualität der Gründungen verbessern. Sie informiert und berät zu allen Phasen der Selbständigkeit und stellt Kontakte her zu Experten, Beratungseinrichtungen und Netzwerken in ganz Deutschland. Ein Interview mit der Leiterin Iris Kronenbitter.

Frau Kronenbitter, warum machen sich mittlerweile immer mehr Frauen selbständig?

Iris Kronenbitter; Copyright: Bundesweite Gründerinnenagentur (bga)Die Motive sind vielfältig: Frauen wissen, wie es besser geht. Sie möchten nach ihren eigenen Qualitätsstandards und effizienter arbeiten. Manche wollen nicht arbeitslos sein oder werden. Andere können in der abhängigen Beschäftigung nichts mehr dazu lernen und stoßen an die gläserne Decke. Auffällig ist, dass diese Frauen nicht auf der Stelle treten möchten. Außerdem sind viele sehr gut qualifiziert.

Allerdings liegt der Anteil „pragmatischer Gründungen“ bei Frauen um 15 Prozent höher als bei Männern. Gründen Frauen eher „aus der Not“ heraus, aus Mangel an Alternativen?

Viele Frauen treffen und schultern nach wie vor Familienentscheidungen. Sie bleiben zu Hause, der Mann geht weiter arbeiten. Wenn sie wieder einsteigen wollen, ist das Wissen aus ihrer Ausbildung oder dem Studium längst veraltet. Es ist dann sehr schwer, eine adäquate Stelle zu finden.

Machen sich viele Frauen nicht auch selbständig, weil sie Familie und Beruf dann besser vereinbaren können?

Heute - und das korreliert ganz stark mit der Lage auf dem Arbeitsmarkt – sind Lebensläufe zunehmend von Phasen selbständiger Tätigkeit und Phasen abhängiger Beschäftigung gekennzeichnet. Immer wieder wird auch eine Teilzeit-Beschäftigung mit einer Teilzeit-Selbständigkeit kombiniert. Das ist Ausdruck des Strukturwandels, in dem wir uns befinden.

Zehn bis 15 Prozent der technologieorientierten Existenzgründungen gehen mittlerweile auf Frauen zurück. Stimmt das Klischee, dass Frauen eher mit dem Friseursalon oder der Werbeagentur auf den Markt gehen?

Die meisten jungen Frauen entscheiden sich zwischen zehn Ausbildungsberufen. Das hat zur Folge, dass im Moment überproportional viele Frauen ihre berufliche Qualifikation etwa im Gesundheitsbereich mitbringen. In der Technologie oder Unternehmensnachfolge sind sie bislang sehr selten vertreten.

Versucht die gründerinnenagentur, Frauen für solche Bereiche zu stärken? Oder Hauptsache, die Frauen machen sich selbständig und verdienen Geld?

Unser zentrales Ziel ist, Frauen alternative Formen der Erwerbstätigkeit aufzuzeigen und zu erschließen, die die Existenz sichern. Wir haben ganz gezielt geschaut, wo Wachstumsmärkte und Zukunftschancen sind. Da ist die Kreativwirtschaft, die Seniorenwirtschaft oder der ganze Gesundheitsbereich zu nennen. Dort entstehen Möglichkeiten, sich selbständig zu machen.

Männer gründen häufig im Haupterwerb. Frauen dagegen wollen als Chefin häufig nur dazu verdienen. Stört das die gründerinnenagentur nicht?

Veranstaltung der Bundesweiten Gründerinnenagentur (bga); Copyright: Bundesweite Gründerinnenagentur (bga)Wenn wir die Businesspläne von den Frauen kriegen, schauen wir immer zwei Punkte gezielt an. Haben sie erstens einen Unternehmerinnenlohn kalkuliert? Immer wieder sagen Frauen dann: Den brauche ich nicht, mein Mann verdient doch. Wir aber bestehen darauf, denn das hat viel mit der Wertschätzung der eigenen Arbeit und Leistung zu tun. Zweitens soll eine Vollerwerbstätigkeit in der Planung von Anfang an mitgedacht werden. Auch wenn zunächst nur die Teilzeit-Selbständigkeit interessant scheint. Denn was machen Sie als Gründerin, wenn Sie zum Beispiel von der Nachfrage überrannt werden? Dann ist es schlau, ein Konzept zu haben, wie man möglichst schnell expandieren kann. Man kann Aufgaben delegieren und auch Teilzeit-Chefin sein.

Sologründungen mit geringer wirtschaftlicher Substanz sind Frauensache. Nach einer Studie der gründerinnenagentur setzen Frauen weniger Eigenkapital ein als Männer, stellen weniger Kreditanträge und leihen sich eher Geld in der Familie.

Das ist so nicht zutreffend. Die meisten Frauen stellen keine Kreditanträge, weil sie unabhängig bleiben wollen. Viele sind außerdem im Dienstleistungsbereich tätig, wo der Kapitalbedarf niedriger ist und zwischen 10.000 und 15.000 Euro liegt.

Gehen von Frauen gegründeten Unternehmen tatsächlich seltener pleite als die von Männern?

Es gibt Untersuchungen, dass Frauen bei der Rückzahlung von Krediten sehr viel seriöser und zuverlässiger sind als Männer. Sie setzen auf ein langsameres Wachsen ihres Unternehmens und agieren damit länger am Markt.

Frauen verhalten sich risikobewusster, ist auf Ihrer Homepage zu lesen. Was meinen Sie damit?

Frauen rechnen die Finanzen sehr genau durch, um die fixen Kosten bei der Gründung zu reduzieren. Sie entscheiden sich eher für den Start vom Home-Office aus und nicht für die 1A-Adresse in der Innenstadt. Von Frauen gegründete Unternehmen sind beim Start kleiner dimensioniert. Sobald das Unternehmen schwarze Zahlen schreibt, setzen sie jedoch auf kontinuierliches Wachstum, Eigenkapital und Reinvestition.

Das Mannheimer Institut für Mittelstandsforschung stellt im Unterschied zu Ihnen keinen Gründerinnen- oder Unternehmerinnenboom fest. Sie aber sagen, dass mittlerweile fast jede dritte Gründung von einer Frau initiiert wird.

Die Zahl der Gründerinnen steigt langsam aber kontinuierlich an. Bei den freien Berufen sind durchgängig Zuwächse zu verzeichnen - manchmal mehr als doppelt soviel in einzelnen Berufszweigen. So stieg etwa die Anzahl selbständig arbeitender Rechtsanwältinnen zwischen 1988 und 2007 von elf auf knapp 30 Prozent. Man kann daran wunderbar ablesen, dass Frauen seit Jahren einen besseren Zugang zu Bildung haben.

Das Interview führte Isabel Fannrich-Lautenschläger,
Politologin und freie Journalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

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Oktober 2008

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