Lebensarbeitszeit

Seit einigen Jahren findet ein neues Instrument der Arbeitszeitgestaltung in deutschen Firmen zunehmende Verbreitung: so genannte Langzeit- oder Lebensarbeitszeitkonten. Bietet es neue Chancen für die Gestaltung von Arbeitszeiten und Lebensläufen?
Die Grundidee von Lebensarbeitszeitkonten ist einfach: Mitarbeiter können über viele Jahre hinweg Überstunden oder Entgeltanteile auf einem Zeitwertkonto "sparen" und zu einem späteren Zeitpunkt für längere Freistellungen nutzen, etwa für einen mehrmonatigen Urlaub, Kinderbetreuung, Weiterbildung oder vorzeitigen Ruhestand. Für die Betriebe werden auf diese Weise größere Flexibilitätsspielräume möglich. In Zeiten hoher Nachfrage können sie auf die Mehrabeit Ihrer Mitarbeiter zurückgreifen, ohne diese Mehrarbeit unmittelbar in Geld oder Freizeit ausgleichen zu müssen oder teure Zuschläge und Prämien zu zahlen. Jede Stunde, die über die vertragliche Wochenarbeitszeit hinaus gearbeitet wird, kann einfach auf dem Langzeitkonto verbucht werden.
Das Einkommen bleibt von Flexibilisierung unberührt
Im Unterschied zu anderen Formen der Arbeitszeitflexibilisierung wie etwa Teilzeitarbeit, Kurzarbeit oder bezahlte Mehrarbeit bleibt das Einkommen bei Langzeitkonten von der Flexibilisierung unberührt. Es orientiert sich an der vertraglichen Wochenarbeitszeit, egal ob ein Mitarbeiter phasenweise mehr oder weniger arbeitet. Gerade in der Familienphase, wenn Kinder den Zeit- und Geldbedarf des Haushalts gleichermaßen ansteigen lassen, können Langzeitkonten von großem Vorteil sein. Sie erlauben es den Beschäftigten, Zeit aus dem Langzeitkonto zu entnehmen und phasenweise weniger zu arbeiten, ohne auf Einkommen verzichten zu müssen. Ähnliches gilt für andere Ziele, wie eine lange Reise, Weiterbildung und Studium, Hausbau, ehrenamtliches Engagement, vorzeitigen bzw. gleitenden Ruhestand oder längere Auszeiten für Erholung, Entspannung, Hobbys, Kultur und soziales Leben.Selbstbestimmte Arbeitszeit verspricht mehr Lebensqualität
Das Konzept, seine Arbeitszeiten je nach Lebensphase und Interesse selbst bestimmen zu können, birgt ein großes Potenzial für individuelle Lebensqualität und Ressourcenentwicklung. Es kommt dem Ideal einer möglichst selbstbestimmten Lebensplanung und lebensphasengerechten Arbeitszeitgestaltung sehr nahe und passt gut zum anhaltenden Trend der Individualsierung und Diversifizierung von Lebensverläufen und Lebensformen. Langzeitkonten können darüber hinaus einen entscheidenden Beitrag zur Lösung zukünftiger gesellschaftlicher Herausforderungen leisten. Im Zuge des demogaphisch bedingten Alterns unserer Gesellschaft werden Arbeitskräfte in absehbarer Zeit knapper werden, die Zahl der Rentner wird zunehmen, und der Pflegebdarf sowie die Belastungen für die sozialen Sicherungssysteme werden entsprechend steigen. Gefragt sind folglich neue Arbeitszeitmodelle, die es möglichst vielen Menschen erlauben, möglichst lange am Erwerbsleben teilzunehmen. Lebensphasengerechte Arbeitszeiten stellen hier ein wichtiges Element dar. Sie sollen es den Beschäftigten ermöglichen, berufliche und außerberufliche Anforderungen besser über den Lebenslauf zu verteilen, kumulierende Belastungen zu vermeiden und Zeiträume für lebenslanges Lernen, Erholung, Freizeit und soziales Engagement zu schaffen.
Interessenskonflikte und Überforderung
Allerdings zeigt sich in der derzeitigen betrieblichen Praxis eine Reihe von Hindernissen. Erstens werfen die Verfügung über den Zeitpunkt und die Verwendung der angsparten Zeit Probleme auf. So können die betrieblichen Flexibilisierungsinteressen schnell in Widerspruch zu den zeitlichen Bedürfnissen der Beschäftigten geraten. Zudem haben die Betriebe aktuell ein starkes Interesse, die auf den Langzeitkonten angesparten Zeitguthaben vorrangig für den Vorruhestand älterer Beschäftigter einzusetzen. Diese Logik widerspricht der Idee einer längeren Erwerbsdauer mit lebensphasengerechten Arbeitszeiten. Sie führt in ihrer Konsequenz lediglich zu einer individualisierten Form der Vorruhestandsfinanzierung.Zweitens erweist sich die Planung und Realisierung langfristiger und oft konkurrierender Lebensziele als schwierig. Sie stellt völlig neue Anforderungen an die Menschen und kann schnell zu einer Überforderung führen. Anders als beim traditionellen Standardlebenslauf mit seinen relativ klaren Vorgaben von Phasen der Ausbildung, Karriere, Familie und des Ruhestandes sind nun aktive Entscheidungen und Planungen gefragt, die zudem häufig mit dem Partner, der Familie und den Vorgesetzten abgestimmt werden müssen. In Anbetracht zunehmender Unsicherheit am Arbeitsmarkt und anhaltend hoher Scheidungsquoten wird es zugleich immer schwieriger abzuschätzen, wie das Leben in den nächsten Jahren aussehen wird, wie sich Partnerschaft, Beruf, Familie und soziale Kontakte entwickeln und welche zukünftigen zeitlichen Anforderungen und Interessen daraus entstehen werden.
Drittens schließlich stellt sich die Frage, welche Einschnitte der Aufbau von größeren Zeitguthaben für das Alltagsleben der Menschen bedeutet. Längere Phasen von Mehrarbeit können zu großen Einschränkungen im Familien- und Privatleben führen, Weiterbildungszeiten verhindern und gesundheitlich sehr belastend sein. Auch wenn als Ausgleich in der Zukunft ein großes Zeitpolster zur freien Verwendung winkt, droht die Gefahr von irreversiblen Beeinträchtigungen: Haben Partnerschaft, Familie, Freundeskreis oder Gesundheit erst einmal Schaden genommen, kommt die ersehnte Auszeit unter Umständen zu spät.
Die genannten Probleme verweisen auf die Wichtigkeit einer überbetrieblichen Regulierung und Flankierung von Langzeitkonten sowie die Notwendigkeit individuelle und betriebliche Lernprozesse anzustoßen und Handlungs- und Planungskompetenzen zu erweitern.
arbeiten und forschen beide in der Abteilung Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB)
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September 2006









