Zukunft der Arbeit, Prekarisierung, Generation Praktikum

Wohin geht eine Arbeitsgesellschaft, der die Lohnarbeit ausgeht?

Die gegenwärtigen arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Strukturen der westlichen Industriegesellschaften befinden sich in einer tiefen Krise. Die Lösungen, die sämtliche Protagonisten dieser Gesellschaften anzubieten haben, sind ausschließlich auf Erwerbsarbeit gerichtet, während sich diese, als Basis einer Gesamtgesellschaft, überholt zu haben scheint.

Prof. Dr. Meinhard Miegel
Wirtschafts- und Sozialforscher
Prof. Dr. Oskar Negt
Sozialphilosoph und Soziologe


Zwei der profiliertesten Gesellschaftswissenschaftler, der Wirtschafts- und Sozialforscher Prof. Dr. Meinhard Miegel und der Sozialphilosoph und Soziologe Prof. Dr. Oskar Negt nehmen Stellung.

Professor Miegel, Professor Negt, Anfang dieses Jahres gab die ILO (Internationale Arbeitsorganisation) in Genf ihren letzten Bericht heraus. Danach erreichte die Zahl der Arbeitslosen auf der Welt 2005 trotz eines kräftigen Wirtschaftswachstums von 4,3% mit 191,8 Millionen erwerbslosen Menschen einen neuen Höchststand. Handelt es sich bei dem angenommenen positiven Wirkungszusammenhang von wirtschaftlicher Produktivität und Arbeitsmarkt Ihrer Ansicht nach um einen Trugschluss?

Miegel: Ja und nein. In der Lebenswirklichkeit finden sich alle Verbindungen: hohes Wirtschaftswachstum mit großen Beschäftigungswirkungen wie in den USA, hohes Wirtschaftswachstum mit geringen Beschäftigungswirkungen wie in China, niedriges Wirtschaftswachstum mit großen Beschäftigungswirkungen wie der Schweiz oder niedriges Wirtschaftswachstum mit geringen Beschäftigungswirkungen wie in Deutschland. Der Grund für diese Unterschiede: Das Wachstum der Wirtschaft ist nur einer von mehreren Beschäftigungsfaktoren. Zu fragen ist beispielsweise auch: Wächst die Wirtschaft, weil immer mehr Kapital oder weil immer mehr Arbeit eingesetzt wird? Wächst sie, weil sie immer wissensintensiver und effizienter wird?

Negt: Die These, die Gewinne von heute seien die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen, stimmt überhaupt nicht mehr. Die Gewinne von heute sind zum Teil eben die Arbeitslosen von morgen. Insofern können auf der Ebene der Produktivitätssteigerung und des Wirtschaftswachstums auch nur Teilprobleme des Arbeitsmarktes gelöst werden. Die Abhängigkeit von den Mechanismen des Marktes bleibt; die wachsende Armee der Überflüssigen ist das eigentliche Problem einer strikt marktwirtschaftlich orientierten Produktivitätsentwicklung und des entsprechenden Wachstums. Durch bloßes Wachstum verschwinden die gesellschaftlichen Schieflagen und die sozialen Brüche und Ungerechtigkeiten nicht.

Wenn einer Arbeitsgesellschaft die Lohnarbeit ausgeht, ist es dann nicht sinnvoll, die vorhandene Arbeit umzuverteilen und wieso wird immer wieder auf Arbeitszeitverlängerung zurückgegriffen?

Miegel: Beginnen wir mit dem Instrument der Arbeitszeitverlängerung. Es dient im Wesentlichen dazu, die Arbeitskosten zu senken, denn für die Verlängerung der Arbeitszeit soll es ja keinen Lohnausgleich geben. Das heißt, die Stundenlöhne oder auch die Lohnstückkosten sinken. Was die Lohnarbeit als solche angeht, ist die Lage komplizierter. Unerledigte Aufgaben, deren Erfüllung den individuellen und kollektiven Wohlstand heben würde, gibt es im Überfluss. Stichwort: Spargel stechen, Kirschen pflücken, sich um Alte und Pflegebedürftige kümmern usw. Nur sagen viele, bei diesen Arbeiten stehen Leistung und Gegenleistung in keinem akzeptablen Verhältnis zueinander. Volkstümlich gesprochen: Für 4,50 € mache ich keinen Finger krumm. Wenn also Arbeit umverteilt wird, dann müsste es die ganze Arbeit sein - attraktive wie unattraktive. Dann aber gibt es Qualifikationsprobleme.

Negt: Was der Gesellschaft nicht ausgeht, ist das, was man Gemeinwesenarbeit nennen kann: Pflege der Umwelt, Pflege der Städte, also Tätigkeiten, die im Grunde den Zusammenhalt des Gemeinwesens sichern. Dieser Bedarf nimmt zu, wird aber dadurch nicht erfüllt, dass man glaubt, man könnte das nur über den Warenmarkt finanzieren und infolgedessen entstehen auf der Ebene des Gemeinwesens riesige Kosten. Im Grunde ist ja diese verengte betriebswirtschaftliche Denkweise eine grandiose Kostenverschiebung. Wenn ich heute an Bildung und Gesundheit spare, dann zahle ich in zehn Jahren doppelt und dreifach drauf, was Kriminalität und die Folgen der Bindungslosigkeit der Menschen betrifft. Eine ausgleichende Gerechtigkeit in der Verteilung der für den Markt produzierenden Arbeitsplätze ist notwendig und das geht nur durch Arbeitszeitverkürzung.

Wie sehen Sie das Modell eines unabhängigen Grundeinkommens, das die historische Koppelung von Arbeit und Absicherung umgestaltet?

Miegel: Ich kann diesem Modell eine Menge abgewinnen. Aus meiner Sicht könnte jeder von der Wiege bis zur Bahre anstelle von Kindergeld, Bafög, Sozialhilfe, Arbeitslosengeld I und II oder auch Rente ein steuerfinanziertes Grundeinkommen beziehen. Allerdings müssten die arbeitsfähigen Grundeinkommensbezieher dann auch gemeinwohlfördernde Tätigkeiten verrichten. Bei denjenigen, die das nicht wollen, würde der Anspruch auf Grundeinkommen ruhen.

Negt: Ein unabhängiges Grundeinkommen halte ich für eine insgesamt sehr wichtige und zukunftsfähige Konzeption. Im Grunde würde die Gesellschaft nicht viel mehr einzahlen, als sie gegenwärtig einzahlt für die Menschen durch Hartz IV und verschiedene Dinge. Es wäre das Zerbrechen eines uralten bürgerlichen Prinzips, ein Bruch mit dem sozialdarwinistischen Überlebenskampf, der die Kopplung auflöst und das scheint der politisch schwierige Punkt zu sein für diese Gesellschaft, die das protestantische Leistungsethos verinnerlicht hat. Man möchte nicht die Marktgesetze in Frage stellen. Betrachtet man den erreichten Produktivitätsstand als Leistung der Gesamtgesellschaft, steht solch ein Modell geradezu auf naturrechtlicher Grundlage, das jedem ein geordnetes und würdiges Leben garantiert.

Die allerseits vernehmbare Forderung nach mehr Eigeninitiative und Selbstverantwortung richtet sich an die einzelne Person. Können mit diesem individuellen Ansatz gesellschaftliche Probleme gelöst werden?

Miegel: Würde ausschließlich auf diesen Ansatz gebaut, ließen sich die gesellschaftlichen Probleme wahrscheinlich nicht lösen. Aber es macht doch einen erheblichen Unterschied, ob in einer Gesellschaft Eigeninitiative und Selbstverantwortung tief verwurzelt sind oder sich die Menschen in hohem Maße auf den Staat und alle möglichen Institutionen verlassen. In Deutschland und zahlreichen anderen frühindustrialisierten Ländern sind Eigeninitiative und Selbstverantwortung weithin verkümmert. Das erschwert die Lösung vieler gesellschaftlicher Probleme.

Negt: Es entsteht der Schein, als ob gesellschaftlich produzierte Probleme am kostengünstigsten privat gelöst werden können. Das ist aber eine Täuschung. Die kollektiv entstandenen Probleme können langfristig gesehen am besten und am kostengünstigsten kollektiv gelöst werden. Solche Individualisierungstendenzen mit unternehmerischen Thesen vom Menschen gehen eine unglückliche Verbindung miteinander ein. Das steht unter dem pseudo-aufklärerischen Interesse, den Menschen als einen betreuten Menschen zu überwinden und zu einem autonomen, mündigen Menschen zu machen. Das ist natürlich ein Realität gewordener Ideologiekomplex.

Was macht eine moderne Leistungsgesellschaft mit ihrem Selbstverständnis, wenn Leistung sich nicht mehr lohnt, wenn also ihre nachlassende Integrationskraft die Bedingungen für eine hinreichende Lebensführung nicht mehr garantiert?

Miegel: Eine Gesellschaft, die nicht mehr zu integrieren vermag, zerfällt, löst sich auf. Hierfür gibt es zahlreiche historische Beispiele. Aber gerade wir Deutschen sind von dieser Auflösung weit entfernt. Wie so vieles andere wird auch diese Frage hierzulande auf hohem Niveau diskutiert. Im internationalen und historischen Vergleich gibt es höchstens ein oder zwei weitere Länder, in denen beispielsweise die Einkommensunterschiede so gering sind wie in Deutschland. Das darf uns nicht in einen Tiefschlaf versinken lassen. Aber Anlass zur Panik besteht derzeit nicht.

Negt: Ich glaube, dass der Leistungsbegriff in dieser Gesellschaft in vielfacher Hinsicht völlig ausgehöhlt ist. Auf einer Ebene, z.B. der Bezahlung des Topmanagements, ist der Leistungsbegriff völlig außer Kraft gesetzt. Es wird ja gar nicht mehr Leistung im Sinne der produktiven Leistung bewertet, sondern diese shareholder-manager binden ja die Leistung an das Problem, dass praktisch Rationalisierungen zustande kommen und die Rendite erhöht wird, nicht mehr im Sinne des alten rheinischen Kapitalismus, dass das Unternehmen gesund wird, stabil wird, verankert ist in der Region. Trotz Opferbereitschaft und Leistungsanstrengung ist den Menschen, wenn es dem Unternehmen schlecht geht, nichts mehr garantiert.

Welche gesellschaftspolitische Bedeutung messen Sie den Gewerkschaften heute bei?

Miegel: Die Gewerkschaften haben ihre große Zeit gehabt. Heute wirken sie daran mit, dass die gewaltigen Umbrüche in der Wirtschaft und Arbeitswelt in halbwegs geordneten Bahnen verlaufen. Das ist nicht wenig. Aber es ist mit ihrer einstigen Rolle nicht zu vergleichen. Sollte es in einer Generation noch Gewerkschaften geben, dürften sie nach Form und Inhalt mit den heutigen nicht mehr viel gemeinsam haben.

Negt: Wenn es eine gesellschaftliche Kraft gibt, dann sind es doch die Gewerkschaften, die so etwas wie einen Gesellschaftsentwurf machen müssten, in dem die Marktverengungen, dass also die Gesellschaft zum Anhängsel des Marktes geworden ist, politisch bekämpft und aufgelöst werden. Im Augenblick stehen die Gewerkschaften mit dem Rücken zur Wand und sind in solch einer Verteidigungshaltung und Angststarre, dass sie nicht richtig ihren Horizont erweitern können. Eine Erweiterung ihres politischen und kulturellen Mandats ist notwendig und dies auf internationaler Ebene.

Was hält Ihrer Auffassung nach eine Gesellschaft zusammen, in der die Balance zwischen sozialer Gerechtigkeit und den so genannten Gesetzen des Marktes immer mehr aus dem Gleichgewicht gerät?

Miegel: Das ist eine typisch deutsche Frage. Franzosen, Briten oder Amerikaner würden spontan antworten: die Nation, die gemeinsame Geschichte, Kultur, Sprache. Wir Deutschen definieren uns hingegen extrem ökonomisch über Währung, Wirtschaftswachstum, Sozialsysteme und ähnliches. Zum Teil ist dies noch eine Nachwirkung des Nationalsozialismus, der alles Nicht-Ökonomische und Nicht-Soziale diskreditiert hat. Das soll nicht heißen, dass die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt keine Berechtigung hätte. Aber so lange ein Hartz-IV- oder Sozialhilfeempfänger in Deutschland noch immer zum wohlhabendsten Fünftel der Menschheit gehört, ist die Gefahr eines Balanceverlustes nicht sehr akut.

Negt: Selbst Liberale wie Dahrendorf beklagen die Haltlosigkeit einer entfesselten Gesellschaft oder wie Giddens das nennt, einer "run away society", in der die Menschen sich zerstreuen, die erodiert und gewaltanfällig ist. Es kann selbst für die Führungscliquen nicht wünschenswert sein, dass Bindungen der Menschen untereinander, an das, was sie produzieren, was sie machen, verschwinden und so etwas wie Antriebsmomente des Auseinanderbrechens der Gesellschaft größeres Gewicht bekommen. Wie will man leben, was ist sinnvolles Leben, was ist sinnvolle Arbeit?

Bedeutsam ist, dass die Vergesellschaftungskräfte des Menschen einen öffentlichen Boden bekommen, die totale Privatisierung von Gesellschaftsordnungen ist immer Untergangserscheinung. Ob man die Polisantike nimmt oder das Römische Reich, die totale Privatisierung und Individualisierung zersetzt den öffentlichen Raum und nimmt den Menschen auch die öffentliche Erfahrung.

Prof. Dr. Meinhard Miegel, geboren 1939 in Wien, studierte Philosophie, Soziologie und Rechtswissenschaften in Washington D.C., Frankfurt am Main und Freiburg. Seit 1977 leitet er das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn e.V. (IWG Bonn). 1992 bis 1998 hatte er zudem eine außerplanmäßige Professur an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig inne und war Leiter des Zentrums für Internationale Wirtschaftsbeziehungen (ZIW) an der Universität Leipzig. Miegel ist zudem Beiratsmitglied verschiedener wissenschaftlicher Einrichtungen, die sich mit gesellschaftspolitischen Zukunftsfragen befassen.

Publikationen (eine Auswahl):

  • Epochenwende - Gewinnt der Westen die Zukunft? München 2005.
  • Die deformierte Gesellschaft. Wie die Deutschen ihre Wirklichkeit verdrängen. München 2002.
  • Arbeitslosigkeit in Deutschland. Phantom und Wirklichkeit. Bonn 2001 (zus. mit S. Wahl)
  • Solidarische Grundsicherung, private Vorsorge. Der Weg aus der Rentenkrise. München 1999. (zus. mit Stefanie Wahl)
  • Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. München 1993. (zus. mit Stefanie Wahl)
  • Ein Deutschland, zwei Wirtschaftsräume. München 1992.

Prof. Dr. Oskar Negt, geboren 1934 in Kapkeim (Ostpreußen), studierte Rechtswissenschaft, Philosophie und Soziologie, vor allem bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno und war Assistent bei Jürgen Habermas. Von 1970-2002 war er Professor für Sozialwissenschaften an der Universität Hannover.

Publikationen (eine Auswahl):

  • Die Faust-Karriere: Vom verzweifelten Intellektuellen zum gescheiterten Unternehmer. Göttingen 2006.
  • Arbeit und menschliche Würde. Göttingen 2001.
  • Wozu noch Gewerkschaften? Eine Streitschrift. Göttingen 2004.
  • Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche. Göttingen 1997.
  • Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht. Göttingen 1995.
  • Geschichte und Eigensinn. Geschichtliche Organisation der Arbeitsvermögen -- Deutschland als Produktionsöffentlichkeit -- Gewalt des Zusammenhangs. Frankfurt a. M. 1981 (zus. mit Alexander Kluge).
  • Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie und Praxis der Arbeiterbildung. Frankfurt a. M. 1968.

Interview: Tatjana Freytag
Tatjana Freytag ist Soziologin an den Universitäten Hildesheim und Hannover.

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September 2006