Prekarisierung

Arm und fast glücklich

Cover `Wovon lebst Du eigentlich? Vom Überleben in prekären Zeiten´; Copyright: Piper-VerlagCover `Wovon lebst Du eigentlich? Vom Überleben in prekären Zeiten´; Copyright: Piper-Verlag„Wovon lebst du eigentlich?“ werden 20 Künstler gefragt und sie berichten in zum Teil skurrilen Geschichten über ihren Job, das Geld und ihre Überlebensstrategien im deutschen Kunstbetrieb, wenn es einmal nicht so gut läuft. Doch. Selbst wer am Existenzminimum herumkrebst, ist lieber unabhängig als fremd bestimmt. Freiheit ist das Elixier der Kreativen.

„Mein größter Wunsch wäre es, von der Malerei leben zu können. Derzeit kann ich aber kein Atelier bezahlen“, berichtet die Braunschweiger Künstlerin Johanna Laute. Sie malt in ihrer 15 Quadratmeter kleinen Wohnung. Wolfgang Herrndorf, Berliner Schriftsteller, hat ebenfalls Träume: Er möchte reisen. „Der letzte Urlaub war vor 15 Jahren“. Wenzel Storch schließlich, Filmregisseur von schrägen Underground-Produktionen mit Visionen für Monumentalstreifen, ist in Hildesheim seit zehn Jahren auf der Suche „nach dem rettenden Geld“. Weil das ausbleibt, überlegt er, aus der Krankenversicherung auszusteigen und die Summe in das Projekt zu stecken.

Dass das Metier des Künstlers ein hartes Brot sein kann, ist kein Geheimnis. Die Mehrzahl der rund 170.000 freischaffenden Künstlerinnen und Künstler in Deutschland verdient im Durchschnitt 10.800 Euro jährlich, nur 7.750 Euro sind es für Berufsanfänger, so die aktuelle Statistik der Künstlersozialversicherung KSK. Dennoch spricht kaum jemand in der „Szene“ über Geld, Job und Leben, würde dies doch dem Image schaden.

Vom Überleben in prekären Zeiten

In ihrem Buch Wovon lebst du eigentlich? Vom Überleben in prekären Zeiten brechen die Autoren Jörn Morisse und Rasmus Engler mit diesem Tabu. In 20 Interviews stehen ihnen Künstler und Künstlerinnen Rede und Antwort, darunter sind so prominente Namen wie Harry Rowohlt (Übersetzer), Leonore Mau (Fotografin) oder Kathrin Passig (Autorin und Bachmann-Preisträgerin). Mehrheitlich aber lassen Morisse/Engler Künstler abseits des „Mainstreams“ zu Wort kommen wie Almut Klotz (Musikerin, Schriftstellerin), Jonas Burgert (Maler) oder eben jenen Filmemacher Storch, „Original“ und Lebenskünstler.

Es hätte ein langweiliges Buch werden können über Themen wie Grundeinkommen oder den Strudel des sozialen Abstiegs. Dass es ein wunderbarer Titel geworden ist, liegt an Kenntnisreichtum und Vertrautheit der Autoren mit der Materie. Engler und Morisse selbst sind Wanderer auf dem schmalen Grat des geregelten Auskommens. Sie üben jede Menge Jobs aus: als Lektor, Autor, Schlagzeuger oder Gitarrist.

Zum anderen erzählen ihre Gesprächspartner freimütig über Geld, dessen Mangel und die komplexen Überlebensstrategien in Zeiten, wenn es nicht so gut läuft. Anekdotenreich, sehr persönlich und mit viel schwarzem Humor werden Lebens- und Arbeitsbedingungen aufgeblättert und bieten einen anderen Einblick in den deutschen Kulturbetrieb.

Finanzielle Balanceakte

„Man muss eben das Richtige schreiben“, empfiehlt der Berliner Schriftsteller Bernd Cailloux augenzwinkernd, um dann zu betonen, wie lange er sich mit Nebeneinkünften – Zweit- und Drittjobs – über Wasser hielt. Als Taxifahrer, Kellner, Modell, Kleinunternehmer oder Käseverkäufer haben er und andere dazu verdient.

Man kann von Cailloux und seinen Kollegen viel lernen über das Verhältnis von Künstlerdasein und materieller Absicherung. Die Bedeutung staatlicher Für- und Vorsorge, die Versicherung oder das Bankkonto spielen eine marginale Rolle. Wenn die Existenz einem finanziellen Balanceakt gleichkommt, sind viele Künstler geübt in Genügsamkeit und - Selbstverantwortlichkeit. Ganz lapidar erzählt die Musikerin Almut Klotz, dass es seit Jahren hinten und vorne nicht reicht und sie trotzdem „ganz gut“ durchkommt. „Ich habe eben weniger Ansprüche“, sagt Klotz. Oder sie leiht sich, bis zur nächsten GEMA-Lizenzausschüttung, schon mal Geld von ihrem Sohn. Aber etwa Hartz IV beziehen oder „den Staat wie Papi aufzufordern dies und das zu regeln, lehne ich ab“.

Persönliche Freiheit ist das Elixier

Natürlich gibt es die „Besserverdienenden“ wie den Regisseur des Films Verschwende deine Jugend Benjamin Quabeck. Quabeck etwa hat sich mit viel Arbeit und noch mehr Glück durch die Filmförderanstalten des Bundes (FFA) und der Länder gekämpft. Das hat ihm Arbeit, Sicherheit und „Spielraum“ verschafft, ganz gut leben zu können, wenn Durststrecken kommen. Andere Künste bräuchten ähnlich breite Förderinstrumente, ist man geneigt zu fordern.

Mehr noch bleibt fast allen Befragten aber etwas anderes wichtiger: Prekäre Lage und Selbstausbeutung hin oder her, wer sein Album, sein Bild oder das Buch frei und unabhängig herstellen kann und sein eigener Chef bleibt, schätzt sich glücklicher. Persönliche Freiheit ist das Elixier der Kreativen. „Es ist komisch“, gesteht Johanna Laute, „Geld ist mir überhaupt nicht wichtig, lieber habe ich die Freiheit, meine Ziele durchzusetzen. Nur stößt man natürlich mit zu wenig Geld an seine Grenzen. Aber ich habe dann lieber weniger Geld als einen Vollzeitjob, der mich meine eigentliche Arbeit nicht machen lässt.“

Morisse, Jörn; Engler, Rasmus: Wovon lebst du eigentlich? Vom Überleben in prekären Zeiten, Piper, München, Oktober 2007, 256 Seiten € 8,00, ISBN: 9783492250658

Rolf Lautenschläger
ist Kunsthistoriker, Journalist und Redakteur für Kulturpolitik bei der Tageszeitung „taz“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2008

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