Deutschland: Musterschüler in der Krise?

Deutschlands Stärke war lange der Export. Eine Stärke, die sich in der aktuellen Krise in eine Schwäche verwandelt hat: Die Probleme anderer Volkswirtschaften wurden so zu deutschen Problemen. Doch gibt es Grund zur Hoffnung.
Die Welt steckt in der Krise. Und mit ihr die deutsche Wirtschaft. Den Exportweltmeister Deutschland trifft der Rückgang der weltweiten Wirtschaftskraft besonders hart, denn es war der Export, der uns das Wachstum bescherte. Die Folge: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im Jahr 2008. Im zweiten Quartal 2009 dann die Überraschung. Das Statistische Bundesamt teilte mit, dass das Bruttoinlandsprodukt zum Vorquartal um 0,3 Prozent zulegte.
Eine Stärke, die eine Schwäche ist
Die Zusammenhänge sind für die Sachverständigen offensichtlich: Der Grund für die Wucht der Krise ist ausgerechnet der deutsche Erfolg in Sachen Exporte. Jedes Jahr gehen mehr und mehr Produkte aus dem Inland ins Ausland. Allein 2007 lag der Wert der exportierten Waren 179 Milliarden Euro über dem der importierten, 2008 betrug dieser Überschuss noch 164 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Dieser Überschuss entspricht der kombinierten, jährlichen Wirtschaftsleistung Ungarns, Estlands, Lettlands und Bulgariens.
Als der Welthandel buchstäblich einbrach, wurde das Gewicht, das der Export für die deutsche Volkswirtschaft hat, zur Last, wenn nicht zur Bürde. Viele Experten fürchten nun, dass diese Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft nicht nur temporär sind. Für den deutschen Erfolg, erklärt Kai Carstensen, Konjunkturexperte beim ifo Instituts in München, in einem Beitrag der Zeit, war der ernorme Konsum anderer Volkswirtschaften verantwortlich; nicht zuletzt der der USA. Die haben ihre Importe durch Schulden finanziert, was nicht nachhaltig sei. Das heißt: Sie müssen auf Jahre sparen. Mit dem unschönen Nebeneffekt, dass deren Sorgen jetzt zu deutschen Sorgen werden.
Gutes Krisenmanagement
Dass Deutschland dennoch hoffnungsfroh in die Zukunft blicken kann, hat verschiedene Ursachen. Zum einen das Krisenmanagement der Bundesregierung. Nach Einschätzung der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) zeichnen sich die deutschen Konjunkturmaßnahmen durch eine hohe Wirksamkeit aus. Zwar liege der quantitative Umfang der beiden von der Bundesregierung verabschiedeten Konjunkturpakete weit hinter dem Spitzenreiter China. Doch nach Ansicht von BCG sind die deutschen Konjunkturmaßnahmen, wie beispielsweise die Abwrackprämie für alte Pkw, besonders geeignet, die Binnennachfrage kurzfristig anzuregen.
Dies lässt sich aktuell auch mit harten Zahlen belegen. War die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal noch mit der Rekordrate von 3,8 Prozent zum Vorquartal geschrumpft, was auf Jahressicht hochgerechnet einem Rückgang des BIP um 6,9 Prozent entsprechen würde, überrascht das zweite Quartal selbst die Konjunkturforscher. Die hatten noch mit einem Rückgang um 0,2 Prozent gerechnet, nicht mit einem Wachstum von 0,3 Prozent.
Anlass zum Optimismus gibt zum anderen das, was Deutschlands Wirtschaft ohnehin ausgezeichnet hat. Deutsche Unternehmen sind innovativ und agieren über die nationalen wie auch europäischen Grenzen hinaus; sie profitieren von einer sehr gut entwickelten Infrastruktur und hoch qualifizierten und motivierten Arbeitnehmern. Diese haben wir einem im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften zwar nicht beispielhaften, aber doch sehr guten Ausbildungssystem zu verdanken. Auch Spitzenleistungen in Forschung und Entwicklung sind mitverantwortlich, dass sich die Wirtschaft zu erholen scheint.
Soziale Marktwirschaft – vor dem Aus?
Apropos motivierte Arbeitnehmer: Dass sich Arbeit in der Bundesrepublik lohnt und man als Kranker oder Rentner auf die Solidargemeinschaft vertrauen darf und kann, ist vielleicht das eigentliche Erfolgsrezept Deutschlands. Dieses aber steht ganz offensichtlich zur Disposition. Was mit der Krise in die Krise geraten ist, ist die soziale Marktwirtschaft. „Das große Versprechen unserer wirtschaftlichen Nachkriegsordnung war, dass sich Leistung lohnt und jeder die gleichen Chancen haben soll. Dieses Versprechen wird für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht mehr eingelöst“, kritisiert der DGB-Vorsitzende Michael Sommer in der Berliner Zeitung.
Dafür gebe es laut Sommer handfeste Beweise: Die Reallöhne sind seit Mitte der Neunzigerjahre kaum mehr gestiegen, jeder fünfte Erwerbstätige arbeite heute im Niedriglohnbereich und für die Mehrheit der Alleinerziehenden, Langzeitarbeitslosen und Migranten bleibe das Versprechen auf sozialen Aufstieg genau das: ein bloßes Versprechen. Was Auswirkungen auf die Bevölkerung hat, wie eine Studie der Europäischen Kommission belegt. So haben mittlerweile 20 Prozent der Arbeitnehmer Angst um ihren Arbeitsplatz und 36 Prozent fürchten gar um die Zukunft ihrer Kinder.
Auftrag: Binnennachfrage
Die Alternative zum Außenhandelsüberschuss heißt Binnennachfrage. Diese zu steigern würde helfen, Arbeitsplätze und Wohlstand zu sichern. Das Problem ist nur: So einfach lässt diese sich nicht steigern. Wenn die Lebenshaltungskosten hoch oder, wie aktuell, die Angst vor der Zukunft virulent ist, geben die Bundesbürger kein Geld aus, sondern tun, worin sie auch weltmeisterlich sind: sparen! Der Auftrag der Krise an die Politik dagegen ist einfach: Mehr Vertrauen schaffen, beispielsweise in die soziale Marktwirtschaft.
Dr. Andreas M. Bock
ist Politikwissenschaftler und Journalist. Er unterrichtet an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Universität Augsburg, der Universität der Bundeswehr München und der Hochschule München.
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September 2009
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