Wirtschaft und Soziales in Deutschland – Panorama

Konsumentenverantwortung – nur ein Modetrend?

© N Media Images – Fotolia.com© N Media Images – Fotolia.comEnergiesparen zuhause oder die steigende Nachfrage von Bio- und Fair-Trade-Produkten sind lobenswert. Doch solange auf alljährliche Ferienflüge und die alltäglichen Autofahrten nicht verzichtet wird, kann von nachhaltigem Verbraucherverhalten keine Rede sein. Anspruch und Wirklichkeit sowie Macht und Moral der Konsumenten beschäftigen auch eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Klima“ des Programms „Scholars in Residence“ (SiR) am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen.

Vor dem Hintergrund der drohenden Klimakatastrophe geht man dort am Center for Responsibility Research (CRR) seit Jahren aus kulturwissenschaftlicher Sicht – einer Kombination aus philosophischen, ökonomischen, soziologischen und politikwissenschaftlichen Betrachtungen – der Frage nach der Verantwortung in hochkomplexen Gesellschaften auf den Grund. Unter der Leitung des Philosophen Ludger Heidbrink werden dabei die gesellschaftlichen Akteure, Institutionen und Organisationen in den Blick genommen mit dem Ziel, Perspektiven der Nachhaltigkeit aufzuzeigen. Neben Themen wie die Zukunft der Marktwirtschaft, das Verhältnis von Moral und Ökonomie, die Veränderung des Klimas und der Wandel des Liberalismus ist dabei seit 2008 zunehmend der Konsument in den Fokus gerückt.

Deutschland im Öko-Ranking abgeschlagen

© Monkey Business – Fotolia.comSeine Rolle als eigentlicher Strippenzieher bei der Umgestaltung des globalen Wirtschaftssystems ist unübersehbar. Da nicht nur Investitionen, sondern auch die Produktgestaltung bis hin zur Beachtung von Sozial- und Umweltstandards bei der Herstellung und Entsorgung letztlich von der Nachfrage abhängen, kommt dem Konsumenten die entscheidende Macht zu. Aber ob er sich dies tatsächlich bewusst macht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Das in Teilen explosionsartige Wachstum alternativer Märkte und ethischer Fonds ist das eine. Doch wenn laut einer Studie des Umweltbundesamtes nur jeder zehnte seine ökologische Einstellung konsequent in seiner alltäglichen Lebenspraxis umsetzt, nimmt es kaum Wunder, dass die Deutschen im Öko-Ranking der Zeitschrift National Geographic 2010 nur auf dem zwölften von 17 Plätzen landeten – abgeschlagen hinter den Indern, Brasilianern und Chinesen.

Das machen selbst die in Deutschland relativ stark ausgeprägten Bewegungen wie die LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) nicht wett, die sich aufgrund ihres bewussten Konsumverhaltens, das auch vor Verweigerung nicht haltmacht, als Avantgarde für nachhaltigen Verbrauch verstehen. Wegen ihrer Kaufkraft von geschätzten 200 Milliarden Euro verfügen sie zwar über ein erhebliches Einflusspotential zur Änderung der hiesigen Produktions- und Vermarktungsmethoden. Doch abgesehen davon, dass ihr vermeintliches Öko-Bewusstsein nur einem Modetrend geschuldet sein und insofern keine nachhaltige Wirkung haben könnte, birgt sie nach Befürchtungen der Experten obendrein die Gefahr einer ebenso demonstrativen Gegenbewegung nach dem Motto: „Jetzt erst recht!“

Konsum als Politikum

© sulupress – Fotolia.comIn einer Bestandsaufnahme über die „Chancen und Grenzen der Konsumentenverantwortung“, die auf eine gleichnamige CRR-Veranstaltung am KWI zurückgeht, kommt unter anderen Wolfgang Ullrich zu Wort, der etwa CO2-Kompensationen mit einem modernen „Ablasshandel“ vergleicht, durch den sich Vielflieger von ihren Klimasünden freikaufen. Der Karlsruher Kulturwissenschaftler schreibt über eine neue „Drei-Klassengesellschaft“, in der hypermoralische „Konsumbürger“ mit ihren Umerziehungsprogrammen gegen ein unmoralisches „Konsumproletariat“ zu Felde zögen und zugleich die „Luxuskonsumenten“, denen es um Spaß und Status gehe, mit Missachtung und Ausgrenzung bestraften.

Die Publizistin Tanja Busse, Autorin des Buches Die Einkaufsrevolution, verteidigt demgegenüber die Moralisierung des Konsums und erhebt sie zu einem Politikum: „Ähnlich wie vor etwa 150 Jahren aus Untertanen Bürger wurden, müssten jetzt aus gefühlsgeleiteten und verführten Käufern aufgeklärte und emanzipierte Konsumenten werden, die ihre Konsumverantwortung übernehmen.“ Einen ersten Schritt in diese Richtung stellen Internetforen dar, die Orientierung beim Einkauf von ökologischen und fair gehandelten Produkten geben wollen.

„Globaler Turnaround“ per Internet

© Utopia.deBestes Beispiel ist Utopia, dessen ambitioniertes Ziel nach eigener Darstellung nicht weniger als der „globale Turnaround“ ist. Es will Millionen Menschen dazu bringen, ihr Konsumverhalten und ihren Lebensstil nachhaltig zu verändern. „Gemeinsam mit den Utopisten wollen wir einen starken Impuls in Richtung Unternehmen setzen, dass es richtig und wichtig ist, ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig zu handeln“, heißt es auf der Website. „Utopia will den Dialogprozess über das Thema Nachhaltigkeit zwischen allen gesellschaftlichen Akteuren fördern und zu einem Motor des ‚grünen Wirtschaftswunders‘ werden.“

Die Chancen einer kooperativen Interaktion von Unternehmen und Konsumenten zur Wahrnehmung ihrer gemeinsamen Verantwortung in Sachen Nachhaltigkeit ist auch das Thema von Imke Schmidt, Doktorandin am KWI. Sie ist eine der Teilnehmerinnen an dem vom Goethe-Institut geförderten Programm „Scholars in Residence“. Sie kann mit Ryoko Yamamoto aus Japan und Carolina Castro Osorio aus Kolumbien Ende Oktober 2011 gleich mit zwei wissenschaftlichen Austauschpartnern aus dem Ausland aufwarten.

Interdisziplinärer Austausch

„Die Japanerin ist Umweltingenieurin und beschäftigt sich mit dem CO2-Fußabdruck von Produkten über ihren gesamten Lebensweg. Japan hat da einen sehr fortschrittlichen Ansatz samt entsprechendem Label“, erläutert Schmidt. „Die Kolumbianerin ist Kulturwissenschaftlerin wie ich und beschäftigt sich mit dem Thema Nachhaltigkeit in Ballungsräumen am Beispiel der Metropolregion Bogotá. Dieser interdisziplinäre Austausch von Natur- und Kulturwissenschaft wurde für besonders spannend gehalten.“

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2011

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