Wirtschaft in Deutschland

Mobilität in Europa – offene Chancen und neue Wege

Andreas Roger; © Europäische UnionMobilität in Europa; © Colourbox„Make it in Germany“ – eine gemeinsame Website der Bundesministerien für Wirtschaft und Arbeit und der Bundesagentur für Arbeit wirbt um junge Fachkräfte. Zum ersten Mal bündelt ein Webportal alle wichtigen Informationen zu Karriere und Leben in Deutschland. Es informiert, in welchen Branchen Fachkräfte gesucht werden und unter welchen Voraussetzungen Interessierte eine Stelle in Deutschland annehmen können. Und die Initiative ist nicht die einzige, die die berufliche Mobilität in Europa fördern soll.

„Make it in Germany“; Grafik: Bundesregierung/Agentur für Arbeit

Was ist da passiert? Haben noch vor sieben oder acht Jahren arbeitssuchende Facharbeiter und Ausbildungswillige aus strukturschwachen Gebieten in Deutschland wie Mecklenburg-Vorpommern oder der Eifel eine Stelle im benachbarten Ausland gesucht, so hat sich der Trend inzwischen umgekehrt. Andreas Roger zum Beispiel von der Rostocker Außenstelle der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit hat mehr damit zu tun, Fachkräfte aus dem Ausland für Deutschland zu interessieren als welche ins Ausland zu vermitteln. „Sicher, das Interesse am Ausland ist nach wie vor vorhanden. Aber heute kommen viele, die nur für ihre berufliche Karriere eine Zeit lang Auslandserfahrung sammeln möchten“, sagt Roger.

EURES ebnet Wege

Andreas Roger ist einer von rund 850 EURES-Beratern, die in ganz Europa verteilt sind. Sie stehen in engem Kontakt mit Arbeitskräften, die grenzüberschreitend tätig werden wollen. Davon gibt es nach EU-Angaben immer noch zu wenige. Lediglich zwei Prozent der europäischen Bürger leben und arbeiten dauerhaft nicht in ihrem Herkunftsland. EURES (European Employment Services) ist 1993 von der EU ins Leben gerufen worden, um das zu ändern. Über EURES können Interessierte Informationen zur beruflichen Mobilität abrufen, auf eine Stellensuchmaschine und auf das Netz der Berater zugreifen. Ein Klick zaubert Stellenangebote aus 31 europäischen Ländern auf den Bildschirm. Diese Stellenangebote werden in Echtzeit aktualisiert.

Und sie stoßen auf großes Interesse: Gerade aus den Krisenländern Griechenland, Portugal, Italien und Spanien melden sich immer mehr Fachkräfte, die in Deutschland arbeiten möchten. „Industrie und Handwerk suchen Anlagenmechaniker oder Rohrleitungsbauer, das Gastronomiegewerbe Köche und Hotelfachleute, die Kliniken Ärzte und Krankenschwestern“, zählt Andreas Roger auf. Im Januar 2013 hat die ZAV mit dem Goethe-Institut eine Vereinbarung geschlossen, bei der es darum geht, die Sprachkursteilnehmer über Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland zu informieren. „Das passt genau in das neue Bundesprogramm zur Förderung der beruflichen Mobilität in Europa, kurz: MobiPro-EU“, sagt Roger. „Wir betreiben keine massive Anwerbung, aber wir möchten doch in Zusammenarbeit mit den Schulen und den Arbeitsverwaltungen darauf hinweisen, welche Möglichkeiten sich in Deutschland bieten.“

Mit „MobiPro-EU“ gegen Jugendarbeitslosigkeit in Europa

Screenshot „Fachkräfte Offensive“; © Bundesregierung/Agentur für Arbeit Das Programm MobiPro-EU unterstützt seit Januar 2013 junge arbeitslose Fachkräfte und Ausbildungsinteressierte aus EU-Ländern, wenn sie in Deutschland eine Berufsausbildung machen oder arbeiten möchten. Bevorzugt werden Bewerbungen auf Stellen in Mangelberufen, die sonst nicht zu besetzen sind. Die Bundesregierung will so auch einen Betrag leisten, die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen in den benachbarten EU-Ländern abzubauen. In Frankreich sind 26 Prozent der unter 25-Jährigen ohne Job, in Italien und Portugal 35 Prozent. In Griechenland und Spanien ist mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen arbeitslos. In Deutschland haben dagegen nur acht Prozent der unter 25-Jährigen keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.

Das Programm richtet sich an junge Menschen im Alter von 18 bis 35, in Ausnahmefällen, zum Beispiel in der Krankenpflege, auch an Menschen im Alter von bis zu 40 Jahren. Wer sich im Heimatland über einen Sprachkurs auf seinen Job in Deutschland vorbereitet, bekommt dies finanziert. Auch wer in Deutschland nach der Einstellung noch weiter Deutsch lernen muss, wird gefördert. Für Praktika und Vorstellungsgespräche gibt es Reisekostenpauschalen, weitere Hilfen sind möglich.

PLOTEUS: Das EU-Lern-Portal

PLOTEUS-Logo; © Europäische KommissionAuch das Lernen in Europa ist einfacher geworden. In Deutschland hat die Bundesregierung die Möglichkeiten zur Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen verbessert. Umgekehrt werden deutsche Arbeitskräfte, die das duale Ausbildungssystem mit Schule und Beruf durchlaufen haben, im Ausland gerne gesehen.

Wer zum Beispiel den Wunsch hat, in Italien Architektur zu studieren oder in Polen eine Ausbildung als Restaurator zu machen, kann auf PLOTEUS zugreifen. Das Portal informiert darüber, welches Schulsystem eine Familie erwartet, die nach Schweden umziehen möchte, beantwortet die Frage, ob es in Dublin eine Senioren-Universität gibt und hilft einem jungen Winzer, eine Stelle bei einem Weinbauern im Rhone-Tal zu finden.

PLOTEUS informiert über Lernangebote in Europa und ist so etwas wie das Gegenstück zu EURES. Das Wort ist angelehnt an die altgriechische Bezeichnung für Seefahrer und ist zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben des Projektnamens Portal on Learning Opportunities Throughout European Space. Hier finden Interessierte alles über Aus- und Weiterbildungssysteme, Beschreibungen und Erläuterungen zu den verschiedenen Bildungssystemen der Staaten Europas, Austauschprogramme und Stipendien (Erasmus, Leonardo da Vinci, Sokrates, Grundtvig).

Gesucht und gefunden

Mobilität kann so einfach sein. Antonio Prados Vilchez, 27, ist seit Februar 2012 bei der Hard- und Softwarefirma dSpace in Paderborn beschäftigt. „Für mich sind zwei Träume in Erfüllung gegangen“, sagt der studierte Telekommunikations- und Elektroingenieur. „Ich bin froh, überhaupt eine Arbeit gefunden zu haben, und ich kann in Deutschland arbeiten.“ Für den jungen Spanier ist der Job, abgesehen von Praktika und Studentenjobs, die erste reguläre Arbeitsstelle. Wie es dazu kam, ist schnell erzählt: Im November 2011 war er zu einer Veranstaltung eingeladen, die die ZAV zusammen mit der spanischen Arbeitsverwaltung organisierte. Hier traf er zum ersten Mal auf die Firma aus Nordrhein-Westfalen, die später sein Arbeitgeber werden sollte. Dass er nur Grundkenntnisse in Deutsch hatte, störte die Personalverantwortlichen bei dSpace nicht. Stattdessen stellten sie den gerade angekommenen neuen Mitarbeiter für den ersten Monat von der Arbeit frei, damit er einen Intensivsprachkurs besuchen konnte. Denn Elektroingenieure sind in Deutschland Mangelware.

Antonio wird nicht der einzige bleiben, der in Deutschland Arbeit findet. Und wie viele sich nach einem Studiensemester oder einem Praktikum dazu entschließen, einen Job anzunehmen, um noch ein Jahr im Ausland dranzuhängen, weiß auch niemand genau. Denn das ist ja das Besondere in diesem Europa der Freizügigkeit: Exakte Zahlen gibt es nicht, weil heute jeder EU-Bürger problemlos und ohne die Behörden zu informieren von einem Land ins andere wechseln kann.

Volker Thomas
ist freier Journalist und leitet eine Agentur für Text und Gestaltung in Berlin (www.thomas-ppr.de).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2013

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