Das Wirtschaftswunder in Deutschland oder: warum Wachstum und Konsum nicht endlos sind

Der Glaube an das Wirtschaftswachstum hat in Deutschland fast religiöse Dimensionen. Was wenig überraschend ist – verdankt sich der Wohlstand hier doch dem Wirtschaftswunder Ende der 1940er-Jahre. Die aktuelle Krise ist Anlass zur Reflexion.
Die Prognosen sind wenig erfreulich. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland wird 2009 wohl deutlich unter einem Prozent liegen. Damit bewegt sich das ehemalige Wirtschaftswunderland am Rande einer Rezession. Der Arbeitsmarkt reagiert panisch; bis zu eine Million Menschen könnten ihren Job verlieren. Vielleicht ist es Zeit, sich vom Glauben an das Wirtschaftswachstum zu verabschieden.
Das Wunder des Aufschwungs
Doch erinnern wir uns, wie alles anfing. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich Deutschland in einer – selbst verschuldeten – katastrophalen Lage. Mehr als vier Millionen Männer waren gefallen, hunderttausende verwundet; ein Teil der ausgebildeten Elite stand der Wirtschaft aufgrund ihrer NS-Vergangenheit nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung. Katastrophal sah auch die Infrastruktur aus. Mit der späteren DDR war der am höchsten industrialisierte Raum als Teil der sowjetischen Besatzungszone vom Wiederaufbau praktisch ausgeschlossen. Große Teile der Energieversorgung und des Straßen- und Schienennetzes waren zerstört. Zudem hatte Deutschland alle Patente und das öffentliche Auslandsvermögen verloren.
Dennoch gelang ein enormes Wirtschaftswachstum, das Westdeutschland einen bis heute dauernden Wohlstand bescheren sollte. Ludwig Erhard, von 1949 bis 1963 Bundesminister für Wirtschaft, gilt als Vater dieses Wunders. Voraussetzung für den Reichtum Deutschlands war und ist die boomende Wirtschaft. Mit dem Wiederaufbau erlebte Deutschland ein Wachstum von 20 Prozent, das sich in den folgenden Jahrzehnten bei etwa fünf Prozent einpendelte. In den 1980er- und 1990er-Jahren explodierten die Ölpreise und bremsten das Wachstum in Deutschland auf zwei bis drei Prozent. Die steigende Arbeitslosigkeit gilt als Folge des schwachen Wirtschaftswachstums.
Rufer in der Wüste
Nun wird das Wirtschaftswachstum nicht unisono als Heilsbringer gefeiert. Unter dem Titel Die Grenzen des Wachstums prognostizierten die Forscher um Dennis L. Meadows 1972 den Kollaps der Weltwirtschaftsordnung im 21. Jahrhundert. Allerdings sollten sich in den folgenden Jahrzehnten einige der Prognosen nicht bewahrheiten. Damit schienen die Kritiker der Studie Recht zu bekommen. Henry C. Wallich, Professor in Yale, kritisierte schon 1972, bei der Studie würde es sich um „unverantwortlichen Unfug“ handeln.
Tatsächlich haben Meadows und seine Kollegen nur das Problem einer auf Wachstum geeichten Wirtschaftsordnung benannt: dass auch der Konsum wachsen muss. Um grundsätzlich unbegrenzt Autos produzieren zu können, muss man ihnen das Wesen von Brot geben. Man muss sie wie ein vergängliches Lebensmittel verbrauchen, da nur so endloser Bedarf besteht. Eine erste Folge war, was mit dem passenden Begriff der „Wegwerfgesellschaft“ beschrieben wurde. Produktionsgüter sind nur mehr für einen immer kürzer werdenden Zeitraum gedacht – dann müssen sie ersetzt werden. Produktion und Konsum, die sich gegenseitig bedingen und voraussetzen, dürfen zu keinem Ende kommen. Jedes produzierte Gut braucht einen Konsumenten. Das ist das Funktionsprinzip einer wachstumsorientierten Wirtschaft.
Grenzenloser Konsum?
Allerdings setzt diese unbegrenzte Steigerung von Produktion und Konsum einen endlosen Vorrat an Ressourcen und die endlose Konsumfähigkeit des Verbrauchers voraus. Beides aber ist illusorisch. Auch wenn es dem früheren Exportweltmeister gelungen ist, neue Absatzmärkte zu finden, so ist die Welt endlich. Irgendwann ist der letzte Markt erschlossen, der letzte Verbraucher versorgt. Zumal als Verbraucher nur die Personen interessant sind, die sich Konsum leisten können. Diese Ressource ist ebenso endlich wie Öl oder saubere Luft. Man mag darüber streiten, wie lange die Ressourcen noch reichen werden – Michel Mallet, Deutschland-Chef des Energieriesen Total, hat jüngst auf Spiegel Online das Ende der Erdölreserven binnen 20 Jahren vorausgesagt. Unstrittig ist, dass sie ausgehen werden.
Die Zahl der Menschen, die heute nicht (mehr) in signifikantem Ausmaß konsumieren können, ist enorm. Rund 50 Prozent aller Beschäftigten weltweit haben nur ein bis zwei Doller pro Tag zur Verfügung. Für eine global expandierende Wirtschaft sind diese Menschen uninteressant. Auch in Deutschland können sich viele Menschen den Konsum kaum noch leisten. Nach einer Erhebung der Creditreform waren Ende 2008 rund 6,9 Millionen Bundesbürger über 18 Jahre überschuldet: Bei ihnen übersteigen die durch Schulden bedingten Zahlungsverpflichtungen die monatlichen Einnahmen. Was aber geschieht mit einer Wirtschaftsordnung, der ihre beiden Voraussetzungen abhanden kommen?
Jenseits des Wachstums
Heute stehen wir am Rande einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Das griechische Wort „Krise“ meint den Wendepunkt in einer gefährlichen Situation. So gesehen ist die Lage durchaus positiv zu sehen – wenn uns die Wende gelingt. Weg vom Mehr des Wirtschaftswachstums, hin zum ...? Mahatma Gandhi hat das Dilemma einer wachstumsorientierten Wirtschaft erkannt: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ Wenn es uns gelingt, den Verbrauch zu reduzieren, die Naturverträglichkeit zu steigern und die Lebensqualität zur Grundlage wirtschaftlichen und politischen Handelns zu machen, wird aus der Krise keine Katastrophe. Die Zeit ist reif für ein neues Wirtschaftswunder „Made in Germany“.
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Literatur: Hans Christoph Binswanger: Dennis Meadows et al.: Tibor Scitovsky: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie (Hrsg.): |
Dr. Andreas M. Bock
ist Politikwissenschaftler und Journalist. Er unterrichtet an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Universität Augsburg, der Universität der Bundeswehr München und der Hochschule München.
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April 2009
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