Mehrsprachigkeit und Wirtschaft

Herkunftssprachen: ein Plus in der beruflichen Qualifikation

Herr Dr. Meyer, Sie haben im Auftrag des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) untersucht, in welchen Berufsfeldern die Herkunftssprachen von Migranten nützlich sind. Warum wollte das BAMF das wissen?

Dr. Bern Meyer von der Universität Hamburg. Foto/Copyright: Dr. Bernd MeyerIrgendwie sind wir ja alle der Meinung, dass es nicht schlecht ist, Herkunftssprachen zu fördern. Aber die Frage ist: Wofür eigentlich? Was können die Leute konkret damit anfangen? Früher wurde immer gesagt: Es geht hauptsächlich um das kulturelle Erbe. Wenn also Kinder spanischer Eltern zu den Großeltern nach Spanien fahren, dann sollen sie sich mit ihnen auch unterhalten können. Das BAMF wollte jedoch darüber hinaus wissen, ob es für die deutsche Wirtschaft oder überhaupt für Integrationsprozesse wichtig ist, dass Herkunftssprachen gefördert werden. Gibt es berufliche Felder in denen diese Sprachen ein Plus darstellen?

Wie kann man den ökonomischen und gesellschaftlichen Nutzen von Mehrsprachigkeit denn messen?

Wir haben zunächst einmal geguckt: Wo gibt es denn überhaupt einen messbaren Bedarf? Es gibt ihn zunächst einmal im gesamten Bereich der medizinischen und sozialen Versorgung. In jeder Einwanderergruppe sagen 20 bis 25 Prozent: Ich kann nicht so gut Deutsch. Die Frage ist dann: Wie kommunizieren diese Menschen mit deutschen Institutionen – mit Kindergärten, mit Schulen, mit Ärzten und so weiter? Diejenigen, die diese Kommunikation herstellen, sind auch Migranten und zwar die gut integrierten, die erfolgreichen. Also zum Beispiel Krankenschwestern, Arzthelferinnen, Ärztinnen. Sie nehmen für die nicht so gut integrierten Leute eine Brückenfunktion wahr. Das heißt: Ihre Mehrsprachigkeit ist ein Plus in ihrer beruflichen Qualifikation – allerdings ein Plus, das sich häufig nicht auszahlt. Sie bekommen deshalb nicht mehr Geld.

Welche Bereiche gibt es noch, in denen Mitarbeiter, die Einwanderersprachen sprechen, den Unternehmen handfeste wirtschaftliche Vorteile bringen?

In Pflegeberufen sind Sprachkenntnisse in Herkunftssprachen von Migranten oft ein Plus. Copyright: ColourboxUns sagen zum Beispiel Bankangestellte: Die Kunden kommen in diese Bank, weil ich hier sitze und ihnen auch auf Türkisch Auskunft geben kann. Das schafft ein Gefühl des Vertrauens. Für die Banken zahlt es sich aus, wenn Sie das gezielt einsetzen. Wenn Unternehmen solche Vorteile erkannt haben, reagieren sie sehr flexibel. In Hamburg gibt es beispielsweise eine Drogeriemarktkette, bei der die Mitarbeiter kleine Fahnen auf ihren Namensschildern haben, um zu signalisieren: Mit mir können Sie auch Türkisch reden. Da wird versucht, in der Konkurrenz mit anderen Läden die letzten Ressourcen zu mobilisieren. Das ist in manchen Vierteln schon mehr als Symbolik.

Es wird ja immer vermutet, dass Bei sich in großen Firmen Englisch als Verkehrssprache etabliert hat. Wenn man sich aber einzelne Abteilungen, konkrete Märkte ansieht, dann merkt man, dass selbst bei großen Firmen versucht wird, an bestimmte Stellen Migranten zu hieven, die dann den Kontakt mit Partnern vor Ort herstellen. Wer ruft zum Beispiel beim Zoll in Istanbul an, wenn eine Lieferung nicht kommt? Da kommt man mit Englisch nicht weiter und das kann auch niemand, der mal einen Türkischkurs gemacht hat. Die Kleinarbeit, die im internationalen Handel täglich anfällt, wird auch in großen Firmen sehr häufig von Migranten geleistet. Es wäre organisatorisch auch kaum anders möglich. Jedes Mal einen Dolmetscher zu engagieren, wäre unpraktisch und teuer.

In der öffentlichen Verwaltung hingegen ist es rechtlich gar nicht möglich, solche Ressourcen auszuschöpfen.

Das ist eine besondere Absurdität. Weil die deutsche Sprache als Amtssprache gesetzlich vorgeschrieben ist, darf theoretisch ein Sachbearbeiter seine Sprachkenntnisse gar nicht einsetzen, obwohl es in vielen Fällen nützlich und hilfreich ist. Wenn zum Beispiel jemand zur Führerscheinstelle kommt, der nicht gut Deutsch kann, und der Mitarbeiter merkt, der ist Russe und ich selber kann Russisch, dann könnte er eigentlich das Problem ganz schnell auf Russisch klären. Aber de jure müsste dann das Gespräch abgebrochen werden und vom Kunden auf eigene Kosten ein Dolmetscher beigebracht werden. Das wäre der korrekte Gang der Dinge, der unglaublich viel Mehrarbeit und Frustration auf Seiten der Kunden schafft. Da sagen viele: Dann fahre ich eben mit meinem alten Führerschein weiter – bis zur nächsten Polizeikontrolle. Ich sehe großen Handlungsbedarf, diese Regelung etwas aufzulockern, und den Mitarbeitern anheimzustellen, dort wo es Sinn macht, auch einmal eine andere Sprache zu verwenden. In Kindertagesstätten sind die Sprachkenntnisse der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen oft sehr wertvoll. Copyright: Colourbox

 

Verhindert man nicht die Integration von Menschen mit geringen Deutschkenntnissen, wenn man ihnen im Alltag überall die Möglichkeit bietet in der Muttersprache zu kommunizieren?

Auf jeden Fall. Es geht mir um eine flexible Einstellung zum Gebrauch der deutschen Sprache – das heißt, dass man dort, wo es möglich und sinnvoll ist, von der deutschsprachigen Norm abweicht und sagt: Hier können wir jetzt auch mal Türkisch reden, hier ist es jetzt sinnvoll, einmal etwas auf Russisch zu verhandeln. Es geht gerade um die Mehrsprachigkeit, das Mischen und das parallele Verwenden des Deutschen und der Einwanderersprachen. Es kann nicht darum gehen, dass das alternativ verwendet wird nach dem Motto: Hier haben wir eine Behörde nur für die Türken.

Welche Maßnahmen, um die Potenziale der Mehrsprachigkeit besser zu nutzen, schlagen Sie vor?

Behörden sollten sich stärker als bisher fragen, ob sie wirklich zugänglich sind für Leute, die nicht gut Deutsch sprechen und ob man da nicht etwas verbessern könnte. Solche Fragen zu stellen, wäre ein erster Schritt, der auch nicht schwer umzusetzen ist. Es wäre zum Beispiel sinnvoll, für bestimmte Stellen genau zu definieren, ob Kenntnisse der Herkunftssprachen ein relevantes Plus sein können.

Die Unternehmen sind sehr viel weiter als der Staat. Sie brauchen vor allem Unterstützung bei der Umsetzung ihrer Überlegungen – also etwa ein Austausch über gute Fortbildungsprojekte. Wenn ein Mitarbeiter bei Verhandlungen mitwirkt und dort quasi als Dolmetscher auftritt oder Dokumente übersetzt, kommt das den Tätigkeiten professioneller Dolmetscher und Übersetzer gleich. Solche Leute sollten in Fortbildung gezielt auf diese Einsätze vorbereitet werden. Firmen wären wahrscheinlich dankbar, wenn man ihnen konkrete Projektvorschläge macht. Es geht auch darum zu überlegen, wie man das in der Ausbildung und der Personalentwicklung stärker zum Thema machen kann.

Leider gibt es an Universitäten nur selten Ausbildungsgänge, wo Sprachkenntnisse in Einwandersprachen gezielt ausgebaut werden können. Der Spracherwerb erfolgt ja oft nur im Familienbereich und viele beherrschen die Sprache nicht im vollen Umfang. Es wäre sinnvoll solche Dinge modular in die Studiengänge einzubetten – zum Beispiel fachsprachliches Türkisch für türkischsprachige Juristen oder Mediziner.

Sie sagen, die EU-Sprachenpolitik bevorzuge die Nationalsprachen und autochthonen Minderheitensprachen gegenüber Einwanderersprachen.

Die Europäischen Union fördert vor allem die Sprachen der Mitgliedsländer. Copyright: Colourbox Ja. Die EU hat zwar theoretisch erkannt, dass es unter den Migranten, die in der EU leben, ein großes Potenzial gibt, aber es wird politisch dann doch immer für wichtiger befunden, die Beziehungen innerhalb der EU zu stärken – was ja auch sinnvoll ist. Ideen und Projekte zu Migrantensprachen sind ein heißes Eisen: In allen Ländern gibt es eine rassistische Unterströmung, die jede Art von Förderung von Migrantensprachen und Migrantenkultur als der Integration abträglich wahrnimmt. Diese Angst ist ja auch nicht völlig unbegründet. Wir schlagen daher vor, die Förderung von Migrantensprachen in die Berufsausbildung beziehungsweise in den normalen Fremdsprachunterricht zu integrieren, ihn also aus der „Ghetto-Ecke“ herauszuholen. Die Förderung ist ein gesellschaftliches Anliegen. Es geht nicht darum, die Gruppenbildung unter Einwanderern zu fördern, sondern darum, Wege aufzuzeigen wie deren Potenziale in die Aufnahmegesellschaft eingebracht werden können. Der Gedanke ist bei der EU noch nicht richtig angekommen.

Christoph Brammertz
stellte die Fragen. Er ist Mitglied der Online-Redaktion.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009

Links zum Thema

SCHIRMHERRSCHAFT DES PROJEKTS

copyright: Europäische Kommission
Leonard Orban, Mitglied der Europäischen Kommission zuständig für Mehrsprachigkeit

Projektschreiber

Reporter dokumentieren vier ausgewählte Projekte im Rahmen von „Mehrsprachigkeit – Sprachen ohne Grenzen“ – in Texten, Tönen und Bildern.