Mehrsprachigkeit und Künste

„Im Fluss der Sprache sein“

Logo „Sprachfluss“ © Goethe-InstitutAfrikanische Schüler lernen spielend Deutsch: Theaterübungen standen im Mittelpunkt des Projekts „Sprachfluss“, entwickelt von der Theaterpädagogin Edda Holl. Ein Gespräch über Obst, große Schulklassen und Deutschlernen in Namibia.

Frau Holl, wie lernt man eine Sprache übers Theaterspielen?

Wenn man eine Fremdsprache lernt, muss man ja oft „so tun als ob“. Man muss mit wenigen Mitteln, Mimik, Gestik, darstellen, was man will, man muss raten, was der andere meint.

Wie beim Theater, also?

Exakt. Den Subtext zwischen den Zeilen zu erahnen, die Kunst des Zuschauens, all das ist elementar, um eine neue Sprache zu lernen. Und darum geht es bei „Sprachfluss“.

Was genau ist „Sprachfluss“?

Kurz gefasst: Wir helfen jungen Menschen zwischen Windhoek, Lomé und Johannesburg, Deutsch zu lernen.

Und genauer?

Es gab fünf Workshops, in fünf Städten, immer eine Woche lang. Insgesamt machten 100 Schüler und 20 Lehrer aus 16 Ländern mit. Im Mittelpunkt stand szenisches Arbeiten: Ich hatte mit anderen Theaterpädagogen einen Kanon szenischer Übungen erarbeitet, um sich spielerisch einer Sprache zu nähern.

Mit Obstsorten Komplimente machen

Zum Beispiel?

Eine Übung war etwa, einen Dialog nur mit Zahlen zu bestreiten. Oder sie sollten sich mit Obstsorten Komplimente machen – als dann noch Adjektive dazukamen, lernten sie gleich noch, zu deklinieren.

Statt normalem Auswendiglernen?

Ja, statt nur Grammatik und Vokabeln zu pauken, geht es beim Spracherwerb mehr um Kommunikation, ums Sprechen selbst. Sie müssen sich vorstellen: Dort sitzen in der Regel 80 bis 100 Schüler in einer Klasse, das bedeutet: nur Frontalunterricht, das Sprechen kommt zu kurz. Klar, wir können keinen Deutschunterricht ersetzen. Aber sie lernen, mit allen Sinnen zu sprechen.

Wie das?

Etwa wenn einer Sätze in verschiedenen Sprachen ins Ohr geflüstert bekommt, er ist wie ein Sprachrohr, gibt weiter, was er hört, imitiert die Laute, ohne zu verstehen, was er da sagt: Er denkt nicht, die Sprache fließt durch ihn hindurch.

Deswegen also „Sprachfluss“?

Nun, es soll eben nicht bedeuten, sofort fließend zu sprechen. Es geht eher darum, sich dem Fluss der Sprache zu überlassen. Da ist Theaterspielen ein gutes Training. Und da die Schüler über Sprachgrenzen hinweg kommunizierten, hat sich ihr Ausdrucksrepertoire automatisch erweitert. Sie fanden es toll, Sprachen zu sprechen, die sie gar nicht kannten.

Kontinent der Sprachen

Edda Holl © privatEine Alltagserfahrung, bei der Sprachvielfalt Afrikas, oder?

Naja, es ist in der Tat der Kontinent der Sprachen. Aber viel mehr als das Nichtverstehen gehört Mehrsprachigkeit zur afrikanischen Identität: Alle sprechen schon zwei, drei Sprachen, wenn sie in die Schule kommen. Jede steht für eine andere Facette ihres Lebens.

Wie das?

Wir haben sie Sprachporträts erstellen lassen, sie erzählten, welche Sprache sie mit welchem Teil des Körpers verbinden: Für eine Schülerin gehörte Zulu zu ihrem Herzen, wegen ihrer Großmutter, Englisch als Schulsprache zu ihrem Kopf und zu ihren Händen, weil sie es auf der Arbeit nutzt. Es ging um mehr als nur um Spracherwerb.

Sondern?

Um Persönlichkeitsbildung. Schließlich sind sie alle zwischen 14 und 18, mitten in der Pubertät, finden sich gerade selbst. Dass einer im Mittelpunkt steht, kennen sie nicht. Sie sind es nicht gewohnt, als Individuum aufzutauchen.

Demokratie, Landschaft und Angela Merkel

Warum lernen die Jugendlichen aus Mali, Uganda, Lesotho überhaupt Deutsch?

Das ist ganz unterschiedlich. In Madagaskar wird seit 100 Jahren Deutsch in der Schule unterrichtet, in den frankophonen Ländern gehört es auch automatisch zum Stoff.

Sonst nichts?

Doch, klar. Die einen denken an die Wirtschaftsbeziehungen, die anderen finden Deutschland toll wegen Michael Ballack oder Michael Schumacher, sie mögen die Demokratie, die Landschaft, kennen Angela Merkel.

Sie waren auch in Windhoek, in Namibia, eine der ehemaligen deutschen Kolonien. Ist Deutsch da nicht erheblich vorbelastet?

Wir besuchten eines der Denkmäler, die an die Kolonialgeschichte erinnern, diskutierten darüber. Aber überraschenderweise spielte das keine große Rolle. Vielleicht lag das auch an der Schule, mit der wir kooperierten: Hier unterrichtete man schon zu Kolonialzeiten, während des südafrikanischen Protektorats gemischte Klassen, nicht nur Weiße.

Mehrsprachigkeit ist hier wie gesagt Teil der Identität, die Sprache der ehemaligen Kolonialmächte gehört dazu. Allein in Ghana werden 80 Sprachen gesprochen – mit Englisch verständigt man sich. In Südafrika hat man ein ganz anderes Verhältnis zur Unterdrückersprache: Als Afrikaans als Unterrichtssprache eingeführt werden sollte, mündete das in die Aufstände von Soweto 1976.

Kein Theater im klassischen Sinn

Gab es sonst Besonderheiten, je nach Land?

Kaum. In Südafrika etwa ist Blickkontakt absolut unüblich: Man schaut sich bei der Begrüßung nicht in die Augen. Wir haben das richtig geübt. Auch weil die Schüler aus den anderen Ländern das wissen sollen, wenn sie hierher kommen.

Etwa zu den Abschlussveranstaltungen im September – was genau passiert da?

Für die letzte Workshopwoche treffen sich die afrikanischen mit deutschen Schülern in Brandenburg, sie haben einander schon Briefe geschrieben. Zum Abschluss führen alle gemeinsam in Berlin ein Stück auf, wie nach jedem Workshop.

Ein Theaterstück?

Nicht im klassischen Sinn. Die Schüler dachten das übrigens auch – sie waren davon ausgegangen, dass sie ein fertiges Stück aufführen würden und jeder eine Rolle übernehmen müsste. Indem sie sich selbst ein Stück erschaffen haben, konnten so auch ihre Vorstellung von Theater aufbrechen.

Wenn die Workshops vorbei sind: Wie geht es weiter?

Ich werde aus unserem Kanon an Übungen ein Lehrbuch machen, mit didaktischen Anleitungen samt DVD. Das Ganze soll gnadenlos kopiert und weitergegeben werden. Am besten auch in Deutschland.

Dr. Edda Holl ist Theaterpädagogin. Sie hat in Hildesheim über Popgeschichte promoviert, seit 2000 lebt sie in Südafrika.
Das Projekt „Sprachfluss“ wurde begleitet von der Medienkünstlerin Anke Schäfer, die zum Abschluss einen Film übers Deutschlernen in Afrika herausbringen wird.
Anne Haeming
schreibt als freie Autorin für Print- und Onlinemedien. Sie lebt in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009

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