Klimaschutz durch Atomstrom?

Energiekrise und Klimawandel haben die Debatte um die Atomkraft wieder entflammt. Unterstützt von Politikern aus der CDU/CSU und der FDP fordern deutsche Stromkonzerne den Wiedereinstieg in die Kernenergie. Experten bezweifeln indes, dass die Atomkraft tatsächlich einen nennenswerten Beitrag zu Klimaschutz leisten könnte. Weiterhin ungelöst ist aber vor allem die Frage der Endlagerung des Atommülls.
Es war vor allem die in Berlin mitregierende SPD, die in der hitzigen Diskussion um verlängerte Laufzeiten für deutsche Atomkraftwerke vorübergehend in die Defensive geriet. Hatte sie doch in der rot-grünen Vorgängerregierung den „Einstieg in den Ausstieg“ Deutschlands aus der Kernenergie mitgetragen. Wasser auf die Mühlen der Atomkraftbefürworter war eine Studie der Umweltschutzorganisation WWF über die Klimapolitik der G8 vom Juli 2008, wonach Deutschland beim CO2-Ausstoß schlechter abschneidet als England und Frankreich, die ganz auf Atomstrom setzen. Hinzu kam die Absichtserklärung einiger Nachbarländer sowie der USA, in großem Stil neue Atomkraftwerke bauen zu wollen, um ihre Abhängigkeit von Ölimporten zu mindern und das Klima zu schützen.
Unkalkulierbare Risiken
Das von der SPD geführte Bundesumweltministerium (BMU) tritt auf seiner Website dem Mythos von der sauberen Atomkraft entgegen, die übrigens gegenwärtig nur 2,5 Prozent des weltweiten Endenergieverbrauchs deckt. Aufgezeigt wird dort die miserable Ökobilanz unter Berücksichtigung des gesamten Produktzyklus: von der Gewinnung des knappen Rohstoffs Uran, über dessen Transport, Anreicherung, Nutzung und Wiederaufbereitung bis hin zum Kraftwerksbau. Die schwerwiegendsten Argumente bleiben jedoch die unkalkulierbaren Risiken der Atomkraft sowie die weltweit ungelöste Frage der Endlagerung des radioaktiven Mülls.
Wie zum Beleg wurde die Debatte im Sommer 2008 überschattet von einer Störfallserie in französischen Atomanlagen – und dem Skandal um das Versuchsendlager Asse II in Niedersachsen. Dabei handelt es sich um ein stillgelegtes Kali- und Salzbergwerk bei Wolfenbüttel, in dem von 1967 bis 1978 über 125.000 Fässer Atommüll eingelagert wurden, darunter auch Kernbrennstoffe aus Atomkraftwerken.
Im Juni schlugen Behörden Alarm, als in der über 100 Jahre alten Schachtanlage eine riesige Lache radioaktiv verseuchter Salzlauge entdeckt wurde. Sie stammt offenbar aus einer verschlossenen Bergwerkskammer, wo aggressives salziges Sickerwasser Lecks in die Müllfässer gefressen zu haben schien. Untersuchungen ergaben ferner, dass die Grube infolge geologischer Verschiebungen des Deckgebirges akut überschwemmungsgefährdet ist und einzustürzen droht.
Nach Morsleben nun Asse
Dies erinnert an den Fall des Endlagers für radioaktive Abfälle Morsleben (ERAM) in der ehemaligen DDR, das nach der Wiedervereinigung trotz Bedenken der Experten als Deponie für radioaktiven Abfall weitergenutzt wurde. Der Betrieb dort musste 1998 wegen Einsturzgefahr eingestellt werden. Die Grube wird seitdem aufwändig stabilisiert. Geschätzte Kosten bis zu endgültigen Schließung: 2,2 Milliarden Euro. Kein Wunder also, dass im BMU nach den Meldungen aus Asse Krisenstimmung herrschte. Zumal sich das Helmholtz Zentrum für Gesundheit und Umwelt als Betreiber der bundeseigenen Anlage, die bis 1992 als Laboratorium für Methoden zur Endlagerung hochradioaktiver Abfälle in Salzstöcken diente, mangels Notfallkompetenzen handlungsunfähig zeigte. Dieses Forschungsinstitut mit Sitz in München ist aus der Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) hervorgegangen, die seinerzeit die Experimente leitete.
Als sträflich erwies sich nun, dass Asse wegen seines wissenschaftlichen Sonderstatus keiner systematischen atomrechtlichen Kontrolle unterlag. Es fiel vielmehr unter die Aufsicht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie – in seiner Eigenschaft als Bergwerk – des niedersächsischen Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie. Unterdessen hat das Bundeskabinett am 5. November beschlossen, das Lager der Zuständigkeit des Helmholtz Zentrums zu entziehen und dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zu unterstellen. Damit ist der Weg frei für seine Stilllegung nach Atomrecht.
Brisante Enthüllungen
Was bleibt, ist das Sickerwasserproblem, das wie die Umweltschutzorganisation Greenpeace enthüllte, schon lange vor der Mülleinlagerung bekannt war. Zum Beweis präsentierte sie eine erst jüngst freigegebene Gesprächsnotiz der Projektgruppe Endlagerung radioaktiver Abfälle aus dem Jahr 1964. „Für die kostengünstige Entsorgung von Atommüll wurden von Anfang an Sicherheitsrisiken in Kauf genommen“, ist Heinz Smital von Greenpeace überzeugt. Zum Schutz von Mensch und Umwelt fordert er die sofortige Offenlegung aller geheim gehaltenen Vorfälle. „Es ist nicht auszuschließen, dass auch Wasser aus dem Salzstock austritt.“In seiner Rede auf dem Endlagersymposium Ende Oktober in Berlin gab sich Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) – als Ex-Ministerpräsident von Niedersachsen einst selbst verantwortlich für das Lager – selbstkritisch: „Insbesondere die Asse ist ein negatives Beispiel dafür, wie nicht vorgegangen werden sollte, da hier erhebliche Zweifel an der Sicherheit bestehen. Dieses ist eine Bürde, die wir den kommenden Generationen nicht auferlegen dürfen. Wir sind dafür verantwortlich, dass die Abfälle, welche wir heute produzieren, so beseitigt werden, dass kommenden Generationen so wenig wie möglich weder gesundheitlich noch finanziell beeinträchtigt werden.“
arbeitet als freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.
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Dezember 2008
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Links zum Thema
- Homepage der Schachtanlage Asse auf der Website des Helmholtz Zentrum


- Aktuelle Informationen des Bundesamts für Strahlenschutz (BfA) zum Zwischenlager Asse


- Bundesumweltministerium zu Asse II

- Sachverständigengutachten zu einer Studie zur Stabilisierung der Schachtanlage Asse

- Gesprächsnotiz der Projektgruppe Endlagerung radioaktiver Abfälle von 1964






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