Kraftstoff extra vergine

Die Preisrallye an den Tankstellen bringt den Konjunkturmotor zum Stottern und die Inflation auf Touren. Überrollt fühlen sich vor allem die Dieselfahrer. Dabei böten biogene Treibstoffe gerade ihnen eine günstige und umweltfreundliche Alternative. Doch wenn das Steuerprivileg 2012 tatsächlich ausläuft, wie es das Energiesteuergesetz vorsieht, ist es damit wohl bald vorbei.
Am 22. Mai 2008 – Schock an deutschen Tankstellen: Zum ersten Mal ist Diesel an den Zapfsäulen teurer als Benzin. Steuerliche Vergünstigungen für den Kraftstoff hatten den in der Anschaffung teureren Diesel-Pkw in den Jahrzehnten zuvor einen beispiellosen Boom beschert. Angefacht von der Automobilindustrie, die ihre Selbstzündermotoren in puncto Sparsamkeit, Sportlichkeit und Laufruhe ständig optimierte. Allein in Deutschland steckt in fast jedem zweiten neu zugelassenen Wagen ein Dieseltriebwerk.
Autofahren mit Salatöl
Begründet wird die Spritpreisexplosion vor allem mit dem enormen Roh- und Kraftstoffhunger der aufstrebenden Schwellenländer. Dass es ausgerechnet bei Dieselkraftstoff zu Engpässen kommt, ist logisch, denn er wird in Form von Heizöl auch zur Befeuerung von Industrieanlagen, Kraftwerken und Maschinen eingesetzt.
Die Spritpreiskapriolen im Mai sorgten für ein gewaltiges Medienecho. Wie ein Aprilscherz mutete eine Fernsehreportage über mögliche Alternativen für Dieselfahrer an: Autofahren mit Salatöl. Vorgestellt wurde ein Kfz-Mechaniker, der Dieselfahrzeuge mit einem Aufsatz auf den Kraftstofffilter, einem Leitungs- und Dichtungsset sowie einer Software zur Manipulation der Motorsteuerung auf den Betrieb mit Pflanzenölen (PÖl) aus Raps, Sonnenblumen oder Soja umrüstet. Kostenpunkt: rund 1.600 Euro. Eine Investition, die sich bei Literpreisen von knapp über einem Euro an der Rapsöltankstelle oder gar weit unter einem Euro für Salatöl aus dem Discounter rasch auszahlt.
Tanken bei McDonald’s
Noch ausgefallener ist sicherlich die Methode von Georg Lohmann. Der Münchner Guru der PÖl-Fahrerszene, der im Internet die Seite „BioCar“ betreibt, kam 1992 auf eine ebenso einfache wie geniale Idee: Statt als Sondermüll entsorgte er das ranzige Frittenfett eines befreundeten Würstchenbudenbetreibers im Dieseltank seines alten VW Passat. Was er freilich nicht bedachte: Pflanzenöl flockt im Winter aus und verstopft Leitungen und Filter. Doch Anfangspannen wie diese konnten den Autobastler nicht verdrießen. Längst hat er die Probleme mit der höheren Viskosität in den Griff bekommen. Kernstück seines selbst vermarkteten „BioCar-Bausatzes“ ist ein zweiter Tank in der Reserveradmulde. Dieser macht es möglich, das Auto mit Diesel zu starten und erst auf PÖl-Betrieb umzuschalten, wenn die Motorwärme ausreicht, um das Pflanzenöl zu verflüssigen. Unter dem scherzhaften Motto „Tanken bei McDonald’s“ wird der PÖl-Pionier nicht müde, Überzeugungsarbeit zu leisten.
Sauber reisen mit „Bühler Reisen“
Einer von Lohmanns Jüngern ist der Busunternehmer Christof Bühler aus Wilhelmsdorf bei Ravensburg. Die einzigen Busse, die bei Bühler noch mit Diesel fahren, sind Neufahrzeuge – aber nur, um die Herstellergarantie nicht zu verlieren. Selbst nach über einem halben Jahrzehnt und vielen Millionen Kilometern mit Salatöl im Tank gab es bei „Bühler Reisen“ noch keinen Motorschaden. Die gewaltige Kostenersparnis beim laufenden Betrieb seiner Flotte lässt sich angesichts der ständig gestiegenen Dieselpreise nur erahnen.Doch Bühler und all den anderen, die in den Betrieb und das Geschäft mit PÖl investiert haben, droht die Regierung in Berlin nun einen Strich durch die Rechnung zu machen: Die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD hat ein Gesetz der rot-grünen Vorgängerregierung kassiert, das den umweltfreundlichen nachwachsenden Rohstoff Pflanzenöl steuerfrei stellte. Ersetzt wurde es durch ein allgemeines „Energiesteuergesetz“, das biogene und fossile Treibstoffe gleich behandelt. Ein glatter Vertrauensbruch, wie die Initiative „Mobil ohne Fossil“ findet.
Mobil machen gegen Regierung
Der Verein hat sich deshalb zum Gang vor das Bundesverfassungsgericht entschlossen. Abschrecken ließ er sich dabei auch nicht von der Niederlage der Biodiesel-Hersteller, deren fast gleichlautende Beschwerde von den Verfassungsrichtern abgewiesen wurde. Sinngemäße Begründung: Das neue Gesetz enthält einen Zwang zur Beimischung von Biodiesel in konventionellen Sprit, der die wirtschaftlichen Nachteile für die Produzenten kompensiert.Schützenhilfe bekommt „Mobil ohne Fossil“ von den in dieser Frage ungewohnt einträchtigen Oppositionsparteien im Bundestag. So empfindet der energiepolitische Sprecher der Grünen, Hans-Josef Fell, die Zurückweisung der Verfassungsbeschwerde der Biodiesel-Produzenten keineswegs als Vorentscheidung in Sachen PÖl: „Reine Pflanzenöle wurden von der Steuer befreit, um einen dezentralen Markt für ökologische Pflanzenöle zu befördern und dadurch die regionale Wertschöpfung von Landwirten, Ölmühlen und Auto-Umrüstern zu verbessern. Die Große Koalition hat 2006 die vollständige Besteuerung auch der Pflanzenöle ab 2012 beschlossen. Da – anders als beim Biodiesel – ein Beimischungszwang fehlt, versetzt die Große Koalition mit der Besteuerung den ökologisch besonders wertvollen Pflanzenölen den Todesstoß.“
arbeitet als freier Redakteur und Autor in Landshut und München.
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September 2008
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Links zum Thema
- Homepage des Vereins „Mobil ohne Fossil“

- Homepage des Bundesverbandes Pflanzenöle e.V.

- Homepage von BioCar – „Pflanzenöl statt Diesel“

- Gesetz zur Neuregelung der Besteuerung von Energieerzeugnissen und zur Änderung des Stromsteuergesetzes (Energiesteuergesetz)

- Vereinigte Werkstätten für Pflanzenöltechnologie (VWP)






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