Dossier: Energie für die Zukunft – Alternative Energien

Rebellenstrom aus dem Schwarzwald

Ein 2.500-Seelen-Dorf versorgt Kunden in ganz Deutschland mit sauberen Strom  Foto: © EWS SchönauEin 2.500-Seelen-Städtchen versorgt Kunden in ganz Deutschland mit sauberen Strom  Foto: © EWS SchönauIn einer Kleinstadt siegen engagierte Bürger über mächtige Energiekonzerne. Ihr „Rebellenstrom“ wird ausschließlich aus regenerativen Energien gewonnen. Nebenbei treiben sie den ökologischen Umbau der Energieversorgung voran.

Schönau ist ein idyllisches Städtchen im Schwarzwald: Heimatmuseum, Golfplatz, Freibad mit Minigolf und Drei-Meter-Turm. Auf dem gepflegten Sportplatz am Stadtrand begann einst Bundestrainer Jogi Löw seine Kicker-Laufbahn. Eine typische Kleinstadt – sauber, liebenswürdig, normal. Hier soll eine Revolution im Gange sein? Seit über 20 Jahren? Doch! Die Schönauer revolutionieren den deutschen Energiemarkt. Von ihrem 2.500-Seelen-Dorf aus werden mittlerweile über 80.000 Kunden in ganz Deutschland mit sauberen Strom versorgt. Feinster Ökostrom, ohne Atomenergie und mit sehr wenig CO2-Ausstoß.

Bürger mit Energie

Angefangen hat alles 1986, als im fernen Tschernobyl ein Atomkraftwerk explodierte. „Auf einmal wussten wir nicht mehr, was wir unseren Kindern zu essen geben konnten.“ erinnert sich Ursula Sladek im Interview mit dem Stern an die Anfänge der Stromrevolte. „Uns wurde klar: Wenn wir von Atomenergie loskommen wollen, müssen wir selbst aktiv werden. So entstand hier in Schönau eine Bürgerbewegung, die zunächst Stromsparwettbewerbe veranstaltete.“

„Wenn wir von Atomenergie loskommen wollen, müssen wir selbst aktiv werden.“  Foto: © EWS SchönauFrau Sladek war damals Grundschullehrerin und stand mit ihrem Mann Michael ganz vorn in der neuen Bürgerinitiative. Als vier Jahre später aus dem Wettbewerb um die niedrigste Stromrechnung ein harter Kampf um das städtische Stromnetz wurde, schlug die Stunde der Sladeks und ihrer Mitstreiter. Der regionale Monopolversorger KWR drängte ihre Stadt zu einem neuen Konzessionsvertrag und bot für eine schnelle Unterschrift 100.000 DM. Auf ökologischen Forderungen ging man hingegen nicht ein. Damit die Stadt den Vertrag nicht unterschreibt, entschlossen sich die Bürger, dass Geld selbst aufzubringen.

Binnen weniger Wochen hatten die Schönauer genügend Spender gefunden. „Viele hatten wohl Spaß daran, dem Monopolisten Grenzen aufzuzeigen.“ erklärt die heutige Geschäftsführerin der Elektrizitätswerke Schönau, die allerdings erst einige Jahre später gegründet wurden. Mit den 100.000 DM war das Netz noch lange nicht gekauft. Satte 5,8 Millionen DM mussten aufgebracht werden und die Beschaffung dieser stolzen Summe grenzte an ein Wunder: Aus ganz Deutschland meldeten sich Unterstützer, große Werbeagenturen entwarfen kostenlose Kampagnen und die ethisch-ökologische GLS-Bank legte eigens einen Fonds auf. Wieder flossen binnen weniger Monate Spenden in Millionenhöhe auf das Konto der Schönauer.

Ein gutes Geschäft

Doch erst nach jahrelangem Rechtsstreit konnten die Schönauer der KWR das Netz tatsächlich abkaufen. 1999 gründeten sie schließlich die Elektrizitätswerke Schönau GbR, kurz EWS. Sie – das sind 650 Gesellschafter, denen gemeinsam das Unternehmen gehört. Darunter sind viele Schönauer Bürger und nicht jeder ist nur aufgrund der guten Ökoidee dabei. Teilhaber an der EWS zu sein, ist nicht zuletzt auch ein gutes Geschäft: 38 Millionen Euro Umsatz standen 2008 zu Buche. Nach eigenen Angaben schüttet die EWS die Hälfte der Gewinne an die Genossenschaftler aus, die andere Hälfte wird ins Unternehmen gesteckt. „Wir wollen kein Geld scheffeln, sondern der Umwelt dienen.“ bringt Ursula Sladek die Unternehmensphilosophie auf den Punkt und fügt an: „Ökologie ist wichtig – aber wir rechnen ganz genau.“

Wenn man auf einem der sanften Hügel steht, die das kleine Städtchen umringen, sieht man das Blinken unzähliger Solarkollektoren. Wird hier das Wunder von Schönau produziert? Nein, nur ein kleiner Bruchteil. Der weit größere Teil des Rebellenstrom entsteht durch Wasserkraft, Windräder und unscheinbaren Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen. Die stehen nicht nur in Schönau. Die EWS fördern neue, ökologische Stromerzeugungsanlagen durch einen sogenannten Sonnencent. Der ist im Stromtarif enthalten und ermöglichte bis heute mehr als 1.450 Neuanlagen. Die so von EWS-Kunden mitfinanzierte Anlagen stehen im ganzen Land, auf windigen Feldern, sonnenverwöhnten Dächern oder in dunklen Kellern als waschmaschinengroße Blockheizkraftwerke.

Noch ein weiter Weg

Nicht jeder ist nur aufgrund der guten Ökoidee dabei  Foto: © EWS SchönauSchönau ist also nicht nur ein gallisches Dorf im Kampf gegen die Heerscharen der Energiemonopolisten, Schönau ist ein Prinzip. Energiewende, Stopp der Klimaerwärmung, eine atomstromfreie Zukunft – das sind eben nicht nur Themen für die große Politik. Je feinmaschiger das Netz aus dezentralen Produktionsanlagen und Ökostromkunden wird, desto weniger ist die Gemeinschaft auf Atomkraft- und Kohlekraftwerke angewiesen. Genau das ist natürlich ein Albtraum für die großen Stromversorger. Wenn plötzlich überall Klein- oder gar Großstädte auf die Idee kämen, selbst sauberen Strom zu erzeugen – wer soll dann noch den unstrittenen Atom- und Kohlestrom abkaufen?

So weit ist es zwar noch nicht, aber die Anfragen häufen sich im Schönauer Rathaus. Da von dort nur Gutes zu hören ist, schwenken immer mehr Gemeinden auf den neuen Ökostil um. Mainhardt, Wüstenrot, Müllheim, Staufen, Titisee-Neustadt – überall schießen neue kleine Schönaus aus dem Boden. Trotzdem: Bis zur deutschen Ökostromidylle ist es noch ein weiter Weg. 2008 bezogen lediglich rund 600.000 Haushalte in Deutschland waschechten Ökostrom. Doch jeden Tag unterzeichnen mindestens 50 neue Kunden ihren Liefervertrag für Rebellenstrom aus dem Schwarzwald.

Lars Neuenfeld
lebt und arbeitet als Journalist in Chemnitz.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema