Nachhaltig denken

„Ein großer Wurf“ – Ulrich Grobers Kulturgeschichte der Nachhaltigkeit

Coverausschnitt des Buches „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs“; © Verlag Antje KunstmannCoverausschnitt des Buches „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs“; © Verlag Antje KunstmannUlrich Grober hat mit „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit“ ein bemerkenswertes Buch über die Kulturgeschichte dieses im Umweltdiskurs der letzten Jahre bisweilen allzu schillernden Begriffs vorgelegt. „Ein großer Wurf“ findet unser Rezensent Udo E. Simonis.

Eine Szene aus Lewis Carrolls Kinderbuch Alice hinter den Spiegeln beschreibt den Mechanismus von semantischen Machtspielen aller Art: „‚Wenn ich ein Wort gebrauche‘, sagte Goggelmoggel, ‚dann heißt es genau, was ich für richtig halte, nicht mehr und nicht weniger‘. ‚Es fragt sich nur‘, sagte Alice, ‚ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann‘. ‚Es fragt sich nur‘, antwortete Goggelmoggel, ‚wer der Stärkere ist, weiter nichts‘.“

Ulrich Grober will mit seinem Buch über Nachhaltigkeit nicht der Stärkere sein, er will keine neue Definition in die Welt setzen und anderen etwas verordnen, wie man befürchten könnte. Sein Einfluss ist ganz anderer Art: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit ist das Opus magnum eines belesenen Autors, eines kulturellen Menschen, eines begeisterten Wanderers (lesenswert auch sein 2006 erschienenes Vademecum Vom Wandern) – und eines Entdeckers neuer Welten der Vergangenheit und der Gegenwart. Wer sich auf dieses Werk einlässt, wird zweifellos beeinflusst werden – aber nicht vereinnahmt.

Vom Entstehen einer großen Idee

„Die Idee der Nachhaltigkeit ist weder eine Kopfgeburt moderner Technokraten noch ein Geistesblitz von Ökofreaks (...) Sie ist unser ursprüngliches Weltkulturerbe“, so das Grundverständnis des Autors. Geht man von einer solchen Sicht der Dinge aus, dann muss man, um in den inneren Sinnbezirk des Wortes zu gelangen, weit ausgreifen. Mit seiner sprach- und kulturgeschichtlichen Begriffsklärung will Grober zur Sensibilisierung für eine fundamentale Aufgabe der Zukunft beitragen. Und er tut dies auf wunderbare Art und Weise: Er nimmt uns mit auf eine weite Reise und zeigt, wie sich intuitives Vorsorgedenken zu einem Begriff kristallisierte, wie sich Träume und Hoffnungen aus den Epochen der Menschheitsgeschichte speicherten und zu einer Zukunftsvision werden ließen.

Das Buch handelt also vom Entstehen einer großen Idee und den Beziehungen zu den Lebenswelten, in denen sie sich entwickelte. Es ist damit aktuell und historisch zugleich. Es hilft aus der Distanz heraus Maß zu nehmen und Maßstäbe zu setzen, um die Gedankenwelt, den Begriff und das Wortfeld Nachhaltigkeit neu zu vermessen und, wie Grober sagt, dessen Gravität auszuloten und Elastizität einzuschätzen.

Ein moderner Begriff mit tiefen Wurzeln

Ein Begriff mit tiefen Wurzeln; © ColourboxDieser moderne Begriff hat tiefe Wurzeln und eine lange Tradition. Er findet sich in allen Kulturen, und natürlich besonders in der europäischen Geschichte. Grober führt uns in die (scheinbar) heile Welt der mittelalterlichen Klöster, in die Zeit der Kathedralen, in die geometrisch vermessenen Wälder der Aufklärung, in die Epoche, in der man „zurück zur Natur“ wollte, und jene, in der man den Zusammenhang von Ökonomie und Ökologie (wieder-) entdeckte, bis hinein in die Gegenwart der globalen Krise im Verhältnis von Mensch und Natur, Gesellschaft und Umwelt, aus der eine große Transformation in Richtung nachhaltiger Entwicklung entstehen kann – und muss.

Wir erfahren von Urtexten zur Nachhaltigkeit, von Franz von Assisi, Nikolaus von Kues, Spinoza, von Linné, Goethe und Novalis – und wir lernen die Wortschöpfer kennen, die Professoren der „Hochschule für Nachhaltigkeit“ von Tharandt, den Berghauptmann Carl von Carlowitz aus Freiberg, Alexander von Humboldt, den ersten Ökologen und Ernst Haeckel, den Begründer der Ökologie als Lehre vom Naturhaushalt. Diese Betrachtungen sind spannend zu lesen, weil es Grober gelingt, die einzelnen Akteure in den historischen Kontext zu stellen und sie zugleich als Vordenker des gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdiskurses zu deuten.

Grober benennt die Vorreiter der praktischen Umsetzung des Konzepts und beschreibt die sich ergebenen Aufbrüche, die Debatte um die „Grenzen des Wachstums“ nach 1972, die Stockholmer Umweltkonferenz, die Berichte der Brandt- und der Brundtland-Kommission, die Gaia-Hypothese, die neuen Begriffsschöpfungen von Biodiversität, ökologischem Fußabdruck, erneuerbaren Ressourcen – und natürlich auch den „Geist von Rio“ und die von ihm inspirierten internationalen Verträge und Übereinkommen.

„In diesem Wort ist alles enthalten, worauf es ankommt“

Cover des Buches „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs“; © Verlag Antje KunstmannGrobers Fazit: Nach vier Jahrzehnten dieser Art von „Erdpolitik“ müsse man feststellen, dass der Planet Erde noch immer auf Kollisionskurs sei. Seine Erklärung: Es werde nicht oder nicht hinreichend zwischen „nachhaltig“ und „nicht-nachhaltig“ unterschieden. Sein entsprechender Lackmustest an alle ökonomischen und sozialen Entwicklungen und politischen Entscheidungen besteht aus zwei Komponenten: Reduziert sich der ökologische Fußabdruck? und: Steigt die Lebensqualität?

Die Zeitreise des Autors schließt mit einer Prognose: „Nachhaltigkeit wird der Hauptbegriff bleiben. In den Sprachen der Welt wie im Deutschen, wo er tiefe Wurzeln hat. Er hat die nötige Gravität und Elastizität“. Seine Gravität beziehe er aus seiner existenziellen Perspektive, seine Elastizität aus der Möglichkeit, seine Substanz erfolgreich den jeweiligen Bedingungen anzupassen. Und so endet Grobers Kulturgeschichte der Nachhaltigkeit mit dem euphorischen Satz: „In diesem Wort ist alles enthalten, worauf es ankommt“.

Der Rezensent möchte diesem Satz allzu gern folgen, doch er muss die Leser auch warnen. Das Buch ist konzeptionell, inhaltlich und stilistisch ein großer Wurf. Es belegt aber auch den enormen Kulturverlust, den wir seit dem holistischen Denken großer Vordenker des Begriffs und wichtiger Vorreiter seiner praktischen Umsetzung erlitten haben, wenn Nachhaltigkeit heute auf den CO2-Gehalt von Produktion und Technik reduziert wird. Und es markiert zugleich den großen Vertrauensverlust, der mit der Nichteinlösung von vielen Reformversprechen der Moderne einhergegangen ist und weiter einhergeht.

Ulrich Grober: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs. 360 Seiten, Verlag Antje Kunstmann 2010, ISBN 978-3-88897-648-3.

Udo E. Simonis
ist Professor em. für Umweltpolitikforschung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und seit 1991 Mitherausgeber des Jahrbuchs Ökologie. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse gilt der internationalen Umweltpolitik.

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Oktober 2010

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