Umwelt in Deutschland – Panorama

Nachhaltige Mobilität: Nur ein Wunschtraum?

Im SUV zum Altglascontainer? Copyright Petr Nad / fotolia.comHauptschlagadern der Marktwirtschaft; Copyright H-G Oed, BMUDie nationale Nachhaltigkeitsstrategie steht und fällt mit der Art und Weise unserer Fortbewegung. Die Politik hat die Probleme rund um das Thema Mobilität erkannt. Doch die meisten Lösungsrezepte sind entweder alt oder klingen nach Wunschträumen. Trotz jahrzehntelanger Regulierungsanstrengungen ist eine ökologische Verkehrswende nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Straßen werden immer voller, und das Auto bleibt des Deutschen liebstes Kind.

Die Vision der Bundesregierung für die Mobilität der Zukunft klingt wie im Märchen: „Alle in einem nachhaltigen Verkehrssystem eingesetzten Fahrzeuge sind hocheffizient, weitgehend abgasfrei und lärmarm. Die Menschen verhalten sich bei der Verkehrsmittelwahl und im Verkehrsgeschehen verantwortungsbewusst, gestalten ihre Mobilität komfortabel und umweltverträglich und vermeiden unnötige Gefährdungen für sich selbst und andere.“

Zur Erreichung dieses Zieles hat sich die Bundesregierung eine integrierte Raumordnungs-, Städtebau- und Verkehrspolitik verordnet. Wichtigstes Leitbild: Effizienzsteigerung der Mobilität nach dem Vorbild der Industrie oder Energiewirtschaft.

Ernüchternde Bilanz

Transitland Deutschland: Lastwagen verstopfen die Autobahn; Copyright Taut Images / fotolia.comDoch die Bilanz ist ernüchternd. Ungewöhnlich freimütig und in der Sache wenig beschönigend fällt der Lagebericht des Bundesumweltministeriums (BMU) aus. Die in der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie vorgesehene Entkoppelung der Wirtschafts- und Verkehrsleistung hat sich ins genaue Gegenteil verkehrt. Nicht nur die Erweiterung der Europäischen Union hat im Transitland Deutschland zu einer eskalierenden Verkehrsbelebung beigetragen. Auch die Globalisierung der Märkte trägt auf unseren Straßen im wahrsten Sinne des Wortes Früchte und zwar in Form von Kiwis aus Neuseeland, Bananen aus Ecuador oder Knoblauch aus China; und das nicht selten mit „BIO“-Etikett.

Der Bericht gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass wichtige strategische Ziele wie die anvisierte Absenkung des Güter- und Personenverkehrs (-5 bzw. -20 % gegenüber 1999) innerhalb der nächsten zwölf Jahre auch nur annähernd erreicht werden können. Dasselbe gilt für die angestrebte Verlagerung des Gütertransports und des Individualverkehrs auf umweltschonendere Verkehrsträger wie Schiene und Wasserstraßen (+25 bzw. +14 % bis 2015), Bus und Bahn. Was bleibt, ist die gelungene Reduktion der Luftschadstoffemissionen infolge der verschärften EU-Abgasgesetze. Und das trotz steigenden Verkehrsaufkommens. Schade nur, dass dieser Achtungserfolg auf den Straßen dank Billigfliegerei durch steigendes Gedränge im Luftverkehr weitgehend zunichte gemacht wird.

Motor der Marktwirtschaft

Alltag auf deutschen Autobahnen: Stau in München; Copyright Manfred Steinbach / fotolia.comSchon schielt die Politik wieder einmal auf die Portemonnaies der Bürger. Dabei zahlen allein die deutschen Straßennutzer nach ADAC-Angaben jetzt schon jährlich 53 Milliarden Euro an den Fiskus. „Die Kosten spielen im Verkehrsbereich eine große Rolle. Sie können daher auch zur ökologischen Verbesserung von Verkehrsprozessen genutzt werden“, heißt es im BMU-Report. Als Beispiele „erfolgreichen Handelns“ werden genannt: Steuern auf Kraftstoffe, emissionsgestaffelte Lkw-Maut auf Autobahnen, lärmabhängige Start- und Landegebühren auf Flughäfen oder eine City-Maut nach Londoner Vorbild.

Auch wenn solche Vorschläge vielleicht nicht sonderlich originell sein mögen, so künden sie doch von politischem Realismus. Ganz im Gegensatz zu den ordnungspolitischen Überlegungen zur Reform der Raum- und Siedlungsstruktur. Schließlich ist das Verkehrsaufkommen in Deutschland nicht von ungefähr so hoch wie es ist. Mobilität ist der Motor der Marktwirtschaft. Mangelndes Problembewusstsein hat über Jahrzehnte zu schwer umkehrbaren Entwicklungen geführt. Menschen, die sich beispielsweise auf der Flucht vor hohen Mieten und urbanen Belastungen mit staatlicher Förderung ihr Eigenheim im Umland gebaut haben, lassen sich kaum in die Stadt zurücklocken.

Gestiegene Ansprüche

Der Trend zur Auslagerung von Gewerbegebieten und Einkaufszentren auf die „grüne Wiese“ ist ungebrochen, die Konzentration unausgelasteter Behörden, Krankenhäuser, Schulen, Bahnhöfe, Postämter in vollem Gange. Passende Angebote für spezialisierte Berufswünsche in der Nachbarschaft sind rar. Flexibilität und längere Anfahrtswege werden bei der Arbeitsplatzsuche als selbstverständlich vorausgesetzt.

Wer verderbliche Waren transportiert oder Termingüter „just in time“ anliefern muss, kann es sich in der Regel nicht leisten, die Bahn zu benutzen. Solange aber die Kosten für Transport und Individualverkehr auf den Straßen nicht drastisch steigen, wird sich die Bahn scheuen, die notwendigen Milliardensummen zum Ausbau des kombinierten Straßen-Schienen-Verkehrs zu investieren. Erst Recht nicht, wenn sie privatisiert ist.

Im SUV zum Altglascontainer

Im SUV zum Altglascontainer? Copyright Petr Nad / fotolia.comDer mit der Mobilität einhergehende Wohlstand hat Ansprüche und Begehrlichkeiten geweckt. Der Zweit- oder sogar Drittwagen, die Shoppingtour und Ausflugsfahrt, der Kurzurlaub und die Fernreise sind vielen unverzichtbar geworden. Außerdem hängen laut ADAC allein 5,8 Millionen Arbeitsplätze direkt vom Sektor Straßenverkehr ab, der jährlich nicht weniger als 380 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Hinzu kommen psychologische Aspekte. Mobilität ist nämlich mit einer gehörigen Portion Irrationalität verbunden. Wenn es ums Fahren geht, sind die ach so umweltbewussten Deutschen schwer zu bremsen. Viele Bürger, die zuhause brav ihren Müll trennen, haben offensichtlich keinerlei Gewissensbisse, sich übermotorisierte Spritschlucker zu halten. Nicht das lahme Dreiliterauto versprach bisher Spaß und Prestige. Der allradangetriebene Offroader (auch „SUV“: Sport Utility Vehicle) für den Großstadtdschungel war zuletzt das zu Blech gewordene Manifest modernen Lebensgefühls. Und noch immer leben allzu viele Deutsche ihre bürgerlichen Freiheitsrechte bevorzugt auf der Autobahn aus. Sofern sie ausnahmsweise einmal nicht von einem Stau ausgebremst werden.

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München

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Oktober 2008

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