A Man Screaming is not a Dancing Bear

Wer erinnert sich noch an die Luftaufnahmen des überfluteten New Orleans im Sommer 2005? Wenn die US-Delegierten noch der Folgen des Hurrikan Katrina gedachten, als sie 2007 auf dem UN-Klimagipfel in Bali in letzter Minute dem Weltklimafahrplan zustimmten, so schienen spätestens 2009 bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen die Bilder nicht mehr nachzuwirken. Von den USA wurden die Bemühungen, ein Kyoto-Nachfolgeabkommen zu beschließen, nicht vorangetrieben. Dabei sagen Klimatologen aufgrund der Erwärmung der Meergewässer eine höhere Frequenz von Hurrikans voraus.
Stattdessen nutzte die US-Regierung die Schocksituation in New Orleans, um nach der Überflutung das öffentliche Schulsystem in ein privates umzuwandeln. Der Wiederaufbau des öffentlichen Nahverkehrs steht bis jetzt aus, Infrastrukturen und sozialer Wohnungsbau werden weiter privatisiert. In der postkatastrophischen Situation blieben Proteste gegen Privatisierung und auch Gentrifizierung aus.
New Orleans befindet sich immer noch im Ausnahmezustand, nur dass die Stadt nicht mehr die mediale und politische Aufmerksamkeit bekommt. Der Alltag vieler New Orleanser wird von Versicherungsfällen begleitet. Vor und nach Katrina ist für sie eine wichtige zeitliche Unterscheidung. Im Zusammenhang mit dieser Zäsur haben die Künstler Allora & Calzadilla einfühlsame, poetische und pointierte Porträts der Situation vor Ort geschaffen. Die Videoinstallation A Man Screaming is not a Dancing Bear (2008) kann auch mehr als vier Jahre nach der Katastrophe deren nachhaltige Präsenz erspüren.
Mit rhythmischen Gegenschnitten zwischen Kamerafahrten durch ein von Katrina beschädigtes und verlassenes Wohnhaus in New Orleans und sattgrüne ruhige Mississippi-River-Auen verleihen die Künstler dem Thema neue Dringlichkeit: Im Inneren des Hauses zeigt die Kamera Regale mit Resten seiner ehemaligen Bewohner. Wasserränder an den Wänden erinnern an die Flut. Bis zu 7,60 Meter hoch stand das Wasser im Sommer 2005. Die subtile Spannung zwischen schöner und grauenvoller Natur wird durch das Trommeln eines jungen Mannes verstärkt. Er trommelt von außen auf die Jalousie eines Fensters, dessen Fensterglas es nicht mehr gibt. Seine Stöcke formen höhere und flachere Wellenformen in die weich nachgebenden Lamellen. Kunstimmanent betrachtet lässt dies an ein Bridget-Riley-Op-Art-Bild denken – die stilisierten Flutwellen transportieren die angespannte flirrende Gegenwart von New Orleans.
Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla, die seit fast 15 Jahren zusammenarbeiten, beziehen sich in ihren Arbeiten immer wieder auf Konzeptkunst und Minimalismus. Mit künstlerischen Mitteln untersuchen sie komplexe Systeme wie Staatsarchitektur oder Naturphänomene. An Komplexität gewinnt die hier vorgestellte Arbeit durch ihren Titel, der aus dem Gedicht Zurück ins Land der Geburt (frz. Orginaltitel: Cahier d'un retour au pays natal) stammt. 1939 hatte der afrokaribisch-französische Négritude-Intellektuelle und Politiker Aimé Césaire das Gedicht mit der Absicht geschrieben, den afrikanischen und afrokaribischen Intellektuellen ein neues Selbstbewusstsein zu vermitteln.
In den Kontext der Videoinstallation übertragen heißt das, deren Lamellen-Sound als Referenz an die afrokaribische Identität von New Orleans zu verstehen, der Stadt, aus der der Jazz kommt. In den von Hurrikan Katrina zerstörten Gebieten lebten weit mehr Afroamerikaner als Weiße.
Allora & Calzadilla konstruieren ein bewusst metaphorisch gewähltes reduziertes Bild von der aktuellen Situation in New Orleans in 2008. Auf dem vordergründig Sichtbaren bauen sie eine mehrschichtige Beschreibung des Ortes auf. Mit dem ihnen eigenen Gespür für Realitätskonflikte schaffen sie ein alternatives Monument im Videoformat, das aus der Gegenwart heraus an die Gegenwart erinnert.
Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin
Copyright: Goethe-Institut e. V. 2010
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin
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