Anri Sala

Why the Lion Roars

Why The Lion Roars © Anri Sala, Auftragsarbeit der Stadt Paris für “Le 104”, 2009Das Wetter zappt durchs Filmmenü

Anri Sala übergibt dem Publikum zur Dokumentation seiner Arbeit nur ein Filmplakat. Hier erscheinen die Filmtitel in charakteristischen Schriftzügen; den Hintergrund durchzieht ein nahtlos ineinanderfließender Farbverlauf. So sieht das Poster eher aus wie eine Sponsorenwand oder ein Teststreifen aus dem Chemielabor und erinnert nur entfernt an die Ästhetik von Wetterkarten.

Anri Sala, Why The Lion Roars, Auftragsarbeit der Stadt Paris für „Le 104”, 2009 © Anri Sala

 

Am unteren Rand des Posters findet sich eine Skala, die den jeweiligen Temperaturen Farben zuordnet. Es überwiegen Anfang September grün und blau, was auf Temperaturen zwischen 12 und 24 Grad hinweist. Die Filmauswahl erfolgt dann automatisch nach der Außentemperatur. Auf der begleitenden Website ist das Filmprogramm des jeweils aktuellen Tages angekündigt, ähnlich wie auf dem Plakat ebenfalls vor changierenden Farbtönen.

Sitzt man im Kino, ist die Außenwelt leicht vergessen. Ein jeweiliger Film definiert seine eigenen Räume und Beziehungen. Sobald der Metro Goldwyn Mayer Studios-Löwe brüllt, geht das Kinoerlebnis los. Das Brüllen des Löwen ist der Startschuss, wie die Erkennungsmelodie einer TV-Serie, mit seinem Auftritt beginnen die Zuschauer, in eine fiktionalisierte Welt abzutauchen.

Wie schnell das geht, führt Why the Lion Roars von Anri Sala vor. Für seine nonstop interaktive Film-Installation im großen Auditorium des Haus der Kulturen der Welt in Berlin erstellte der Künstler eine subjektive Liste von 18 Spielfilmen, denen er nicht nur eine ästhetische Temperatur, sondern konkret eine Temperatur zwischen 0 bis 25 Grad Celsius zuordnete.

Jean-Luc Godards futuristische Großstadtvision Alphaville gehört zu den kühleren, Eric Rohmers Liebesdrama Das grüne Leuchten zu den wärmsten Filmen im Sortiment – vier schöne junge Französinnen diskutieren in Sommerkleidern ihre Freundschaften. Aber nicht die Geschichten sind wichtig in unserer Erinnerung, sondern Licht, Leuchten, Farben, Oberflächenstrukturen, schreibt die Filmwissenschaftlerin Ute Holl.

Sala greift in die Erzählstruktur der Filme ein, indem er eine neue Beziehung definiert, und zwar die Abhängigkeit des Filmprogramms von äußeren Temperaturänderungen. Auf der Dachterrasse des Haus der Kulturen der Welt befindet sich ein Thermometer, das Temperaturveränderungen an eine Videosteuerung weiterleitet, die daraufhin den zur aktuellen Temperatur ermittelten Film abspielt. Somit setzt sich jeden Tag das Programm neu zusammen. Zu den Filmen in der Playlist gehören Weltklassiker wie Mat I Syn, ein Drama von Aleksandr Sokurov, die Hitchcock-Komödie Trouble with Harry oder auch der Künstlerfilm Zidane – Ein Porträt im 21. Jahrhundert von Douglas Gordon und Philippe Parreno. Steigt oder fällt die Außentemperatur, wird der aktuelle Film unterbrochen und ein anderer läuft an der Stelle weiter, wo ihn zuletzt das Wetter anhielt – das Wetter, von dem die westliche Gesellschaft sich so unabhängig gemacht hat, bestimmt mit einem Mal die Kunstrezeption.

Man könnte die Installation so verstehen, dass Sala ansatzweise versucht, über den formalen Umweg Kino für das Wetter zu sensibilisieren. Das Hin- und Herschalten zwischen völlig verschiedenen Kontexten und Erzählsträngen sorgt aber auch für eine diffusere Wahrnehmung der Umstände. De facto verbindet die Lieblingsfilme und das globale Thema Klimawandel nichts. Aber die westliche Gesellschaft muss wieder verstehen lernen, dass sie Teil des ökologischen Systems ist und das System nicht durch technologische Mittel gesteuert werden kann. Sala ist so fies, das Kulturpublikum bei einer Lieblingsbeschäftigung zu ärgern – hier zappt das Wetter durch das Filmmenü.

Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2009

    Biografie

    Anri Sala in den Deichtorhallen Hamburg, 2004 © Birgit Hübner/Deichtorhallen
    Anri Sala (*1974 in Tirana/Albanien) ist Foto- und Videokünstler. Nach einem Malereistudium an der National Academy of Arts in Tirana studierte er ab 1996 Videokunst an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs in Paris und 1998–2000 Regie im Le Fresnoy Studio National des Arts Contemporains in Tourcoing. Seine Themen und Werke sind auf periphere Gegenstände fokussiert, die sich der allgemeinen Aufmerksamkeit entziehen. So beschäftigt er sich in Answer Me (2008) mit Unausgesprochenem in einer Paarbeziehung. 2001 bekam er den Young Artist Prize der Biennale in Venedig. Seine erste große Einzelausstellung war Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen (2004). Zu seinem weiteren Oeuvre gehören Time after Time (2003) und Purchase Not By Moonlight (2009). Anri Sala lebt in Berlin.