Tue Greenfort

Was uns neue Produkte zu sagen haben

Tue Greenfort beschäftigt sich seit einigen Jahren mit ökologischen Fragen, vor allem in Bezug auf die Ressourcen Wasser und Öl. Dabei formuliert er immer auch Kritik an der durch kapitalistische Wirtschaftsweisen bedingten Umweltzerstörung. Seine Installationen verstehen sich als subtile wie humorvolle Handlungsvorschläge.

Diffuse Einträge - 2007, modified manure spreading machine, 100 liter tank filled with iron(III)-chloride, water fountain Container - 17.600 Liter, Container dimension - diameter 2 meter, length 5, 25 meter; Exhibition view: Skulptur Projekte, Münster, 2007, Tue Greenfort; © Photo: Roman Mensing artdoc.de

In einigen Arbeiten zeigst Du positiv besetzte Handlungsmöglichkeiten auf: Klimaanlage runterschalten, Elektroauto fahren, Ökostrom bestellen. In anderen stellst Du die komplexen Zusammenhänge der industrialisierten Produktionsmodi und ihre negativen Folgen aus. Wie verstehst Du die Funktionen Deiner Arbeit?

Für mich ist meine künstlerische Praxis eine wichtige Erweiterung des klassischen Kunstverständnisses, bei dem Kunst nur eine ästhetische Funktion hat. Letztes Jahr habe ich in der South London Gallery einen neuen Eingang auf der Rückseite der Galerie geschaffen. Wahrscheinlich gab es auf der Parkseite früher sogar schon mal einen Eingang. Den haben wir neu etabliert, indem wir eine Wand durchgebrochen, eine Treppe gebaut und eine Fahne auf dem benachbarten Grundstückaufgehängt haben. Ausgangspunkt war für mich die Diskussion um die hohe Kriminalitätsrate in South London.

Sceaux Garden Estate Entrance - 2009, site specific installation, format variable, Tue Greenfort; © Photo: Andy Stag, Courtesy South London Gallery

Viele Galeriebesucher kommen mit Taxis und lassen diese draußen warten. Eigentlich wollte ich den Vordereingang schließen, damit alle an den Wohnblocks vorbei müssen. Stadt ist oft mit Interessen verbunden, die das Sozialverhalten regeln. Dabei wird zwar rational argumentiert, eigentlich hat die Situation aber viel mehr mit Kontrolle zu tun. An der Nutzung des städtischen Raums wird das Individuum als Bürger und als Konsument verhandelt. Das führt zu der Frage, wie man sich als Bürger überhaupt definiert. Doch die wenigsten Bürger stellen sich diese Frage.

Kann ein aktuelles Phänomen wie Urban Gardening diese Diskussion ermöglichen?

Urban Gardening ist eine sehr bestimmte Form von Handeln im öffentlichen Raum. Den Anlass finde ich interessant, aber die Nutzung des öffentlichen Raums bedeutet für mich Recht auf Meinungsäußerung und sich ohne Konsumzwang aufhalten zu können. Manchmal kann man sich zwar hinsetzen, dann ist es aber unbequem. Urban Gardening ist ein wichtiges Werkzeug, mit dem man diese Fragen thematisieren kann. Ich würde sie aber gerne noch grundsätzlicher diskutieren. Wie werden Parks angelegt? Wie ist Mobilität gestaltet? Städte werden heute als Geschäftsmodell betrieben, da müssen Einnahmen reinkommen. Sie sind nicht über ihre Funktion für die Bürger definiert.

Wo siehst Du eine Schnittstelle zu ökologischen Fragen?

In der Frage nach dem Ort und der demokratischen Gesellschaft. Wie funktioniert man als Lebewesen innerhalb eines ökologischen Systems? Nicht mehr das Lokale wird diskutiert, stattdessen werden weltweit eine identische Architektur und ein identisches System eingeführt. Das führt zum Verlust des Lokalen oder Regionalen, des Ortsspezifischen. Man verliert auch den Realitätsbezug. Meiner Meinung nach gibt es aber Differenzen, jeder Ort ist grundsätzlich anders.

Was meinst Du mit ortsspezifisch?

Würden wir unsere Esskultur hinterfragen, dann würde man sehen, dass früher in Berlin eine Vielfalt von Produkten hergestellt wurde. Damit möchte ich nicht auf Nostalgie hinaus. Aber wenn man zum Beispiel Käse hier und in der Schweiz produziert, dann bekommt man zwei verschiedene Käse. Das hat mit den lokalen Mikroorganismen zu tun. Da stellt sich für mich die Frage nach unserem Kultur- und Naturverständnis und so möchte ich gerne mit übergeordneten Problemstellungen und Globalisierungskritik umgehen.

Die „PET-Flasche“ hast Du schon in unterschiedlichen räumlichen Situationen ausgestellt, im Ausstellungsraum und im Außenraum. Wie verändert sich Deine Arbeit dadurch?

PET-Flasche - 2008, PET bottle of water, Braunschweig tap water, ground-water, format variable, Tue Greenfort; exhibition view: Linear Deflection, Kunstverein Braunschweig, 2008; © Photo: Alexis ZavialoffKunst im öffentlichen Raum hat viel bedeutet für einen erweiterten Kunstbegriff. Im Ausstellungsraum kann man alles machen und es ist Kunst. Im öffentlichen Raum gibt es keinen neutralen Raum, da wird es schwieriger festzuhalten, ob es Kunst ist oder nicht. Die Lesart ist dort für mich spannender. Mit den „PET-Flaschen“ war es so, dass ich den Park, der früher zum Kunstverein Braunschweig gehörte, mit einbezogen habe in das Gesamtkonzept meiner Ausstellung. Mir ging es darum, Public-Private-Partnership zu hinterfragen und was diese  im Verhältnis zum Allgemeingut Wasser bedeutet. Im Park gibt es eine Grundwasserfläche, die unter Naturschutz steht. Dort habe ich die Flasche ausgestellt, also über den Zaun geworfen. So gab es eine ortsbezogene Schnittstelle zwischen Wasser als Ressource und Wasser als Ware. Es ging um dieses Unverhältnis: Was wird da eigentlich verkauft?

Du sprichst mit dem Titel den Energieverbrauch an, der mit der Herstellung von einer PET-Flasche verbunden ist.

Darin spiegelt sich auch ein formaler Versuch auf der Ebene des Materials. Die Materialfrage steht innerhalb eines ökonomischen Systems immer in Bezug zur Ressourcenfrage. Diese Flasche ist genau der Träger, womit Wasser zu einem Produkt wird. Die Maße sind weltweit standardisiert, 1 Liter, ein halber Liter usw. Das Plastik ist zunächst eine abstrakte Masse, die dann eine Form bekommt, deren Transparenz wiederum interessant ist, denn sie kommuniziert Sauberkeit und man kann kaum Wasser kaufen, das nicht in einer transparenten Flasche ist. Diese Flasche wird nicht wieder zur Flasche, sondern für alle möglichen anderen Polyester weiterverwendet. Denn man könnte nicht wieder eine neue Flasche herstellen, die genauso transparent wäre. Die neue würde milchweiß. Ob Konsumenten die kaufen würden? Mir geht es um Aufklärung über Produktionsmodi, also wie Technologie und Produktion zusammenhängen. Es ist oft der gleiche Gedanke, den ich in verschiedenen medialen Umsetzungen darstelle.

Du beziehst immer wieder formale kunsthistorische Referenzen ein, wie etwa das Readymade, die Konzeptkunst oder Land Art. Wenn Müll zum künstlerischen Material wird, geht es Dir dann darum, unser gestörtes Verhältnis zu Natur und Konsum deutlich zu machen?

Tue Greenfort, Diffuse Einträge - 2007 (Detail), modified manure spreading machine, 100 liter tank filled with iron(III)-chloride, water fountain,Container - 17.600 Liter, Container dimension - diameter 2 meter, length 5, 25 meter; exhibition view: Skulptur Projekte, Münster, 2007, © Photo: Roman Mensing artdoc.de Natur ist für mich abstrakt. Der Begriff ist eher eine Projektionsfläche für Ideologie. Mit dem Naturbild werden kulturelle Werte verhandelt, Natur ist das Exotische, etwas, das man nicht greifen kann im Unterschied zum alltäglichen begrenzten Leben. Da muss man hinreisen, sich hinbewegen. Besonders oft wird dieses romantische Bild in der Autowerbung eingesetzt. Aufklären muss nicht unbedingt mit einer Wahrheit zusammenhängen, aber damit zu hinterfragen, wie ein Wertesystem definiert ist. Ich finde es gut, wenn mein eigenes Verständnis sich auch bewegt. Zum Beispiel können wir über Klimawandel und menschliches Verhalten reden. Es ist wichtig, einen erweiterten Naturbegriff einzusetzen. Nie in unserer Geschichte hatten wir bisher die Möglichkeit, so eindeutig  in die Ressourcenströmungen einzugreifen wie jetzt. Wir können das Lebensverhältnis für jedes andere Lebewesen verändern und auch unser eigenes. Wir sind auf dem Weg wohin?

Den grünen Punkt hast Du vorhin einen rhetorischen Trick genannt. Trifft das auf das gesamte System zu?

Es ist business as usual. Nichts hat sich verändert, es heißt jetzt Ökokapitalismus. Das  System von Ausbeutung und Kolonialisierung ist das gleiche geblieben. Michael Baumgart, der zusammen mit William McDonough Cradle to Cradle geschrieben hat, plädiert dafür, die Herstellung und Entsorgung von Produkten in ein ökologisches System einzubinden. Das ist ein richtiger Ansatz, aber das Problem liegt anderswo. Es ist die Frage von Entpolitisierung und Lifestyle. Wir machen uns abhängig von Objekten, die uns definieren.

Weil uns das System nahelegt, ökologisch korrekt zu konsumieren, um die Welt zu retten?

Dann kann man mit den Ökogeschichten kommen: Bedrohung durch Klimawandel. Der Einzelne wird dann auf großer Ebene instrumentalisiert. Auf einmal gab es auch einen Fokus auf Künstler, die etwas in diesem Zusammenhang thematisieren. Dabei kann eigentlich jeder Künstler was zum Klimawandel sagen. Auch ein Künstler, der auf Styropor malt. Für mich persönlich ist es ein wichtiger Punkt, nicht weiter business as usual zu machen. Denn paranoid gesehen, ist jetzt die letzte Stufe dessen erreicht, was noch frei und nicht schon als Produkt definiert ist. Ich glaube, dieser Klimawandel ist der letzte Trick der kapitalistischen Entwicklung. Wir kommen an einen Punkt, an dem es heißt, es gibt nur saubere gute Produkte, mit denen der Bürger sich gerne identifizieren will. Genau das ist seit der Industrialisierung passiert, die Perfektionierung der Produkte.
Es gibt keinen Systemwechsel.
Die Fragen stellte Vera Tollmann.
Sie arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin.

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    Biografie

    Tue Greenfort (*1973 in Holbæk/Dänemark) lebt und arbeitet in Dänemark und Berlin. Von 1997-2000 studierte er an der Academy of Fünen, Dänemark, es folgte 2000-2003 ein Studium an der Städelschule, Staatliche Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt am Main. Neben kontinuierlichen Einzelausstellungen war er auch an vielen Gruppenausstellungen beteiligt. Natur und Klima war und ist einer der Themenschwerpunkte seiner Arbeiten. Die letzte große Einzelausstellung war Flambant Neuf in der Johann König Galerie in Berlin, eine seiner letzten Gruppenausstellungen Alter Natur im Z33, Belgien. Neben zahlreichen Veröffentlichungen ist er auch als Referent in diversen künstlerischen Institutionen tätig.