George Osodi

Real Energy World
Die dunkle Seite des Normalbetriebs

Wenn man hierzulande von Erdöl spricht, erhitzen sich die Gemüter meist am Anstieg der Ölpreise. Die Produktionsbedingungen interessieren in der Regel nicht, und auch die Medien richten ihren Blick nur ungern auf das Desaster, das die Ölproduktion in einigen der Förderländer verursacht. Nach Afrika schaut man nicht gerne, schon gar nicht, wenn wir von der Katastrophe profitieren.

Erdöl ist der Motor unserer Wirtschaft, eine Schlüsselressource für unseren Wohlstand. Derzeit scheint es als Betriebsstoff der Industrie und als Treibstoff unersetzbar. In den letzten 100 Jahren sind rund eine Billion Fass (ein Fass entspricht 159 Litern) konsumiert worden. Die Nachfrage erhöhte sich von rund zehn Millionen Fass pro Tag im Jahr 1945 auf ungefähr 89 Millionen im Jahr 2011, die Tendenz ist weiter steigend.

Unsere Mobilität ist uns wichtig: Etwa die Hälfte des geförderten Erdöls wird im Transportbereich eingesetzt. Allein in Deutschland gab es zum Jahresbeginn 2011 laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) 50.902.131 zugelassene Kraftfahrzeuge, davon sind rund 42,3 Millionen Pkw.

Wenn man hierzulande von Erdöl spricht, erhitzen sich die Gemüter daher meist am Anstieg der Ölpreise. Die Produktionsbedingungen interessieren in der Regel nicht, und auch die Medien richten ihren Blick nur ungern auf das Desaster, das die Ölproduktion in einigen der Förderländer verursacht. Nach Afrika schaut man nicht gerne, schon gar nicht, wenn wir von der Katastrophe profitieren.

Seit über 50 Jahren wird im nigerianischen Nigerdelta Öl gefördert, und noch immer durchziehen dieselben, schlecht gewarteten Pipelines das Land. Gasfackeln fauchen Tag und Nacht, manchmal weniger als 300 Meter von Siedlungen entfernt. Abfackeln ist die kostengünstigste Methode, das mit dem Erdöl assoziierte Gas zu entsorgen. Die BewohnerInnen müssen mit dem Lärm, dem ständig flackernden Lichtschein und dem Ruß leben. Dieser legt sich auf Haut, Schleimhäute und Atemwege genauso wie auf Felder und Gewässer und gelangt so in die Nahrungskette. Die Folgen sind Atemwegserkrankungen, Krebs, Fehlgeburten, Missbildungen bei Neugeborenen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt inzwischen bei 41 Jahren. Die traditionelle Versorgung mit Nahrungsmitteln aus Ackerbau und Fischfang ist nicht mehr möglich: Durch den konstanten sauren Regen und das aus den größtenteils verrosteten Pipelines oder aufgrund von Sabotage auslaufende Öl wächst nicht mehr viel, die Fische kommen im verseuchten Wasser um. Aus dem Norden Nigerias müssen Kühe, Ziegen und Schafe importiert werden. Es gibt keine asphaltierte Straße in die Ölregion, die Bevölkerung hat größtenteils keinen Strom und kann sich das Öl nicht leisten. Um an Treibstoff zu kommen, werden Pipelines angezapft, dann gibt es manchmal Explosionen und Todesopfer (teils aufgrund der Explosion, teils aufgrund der Militärs). Die Tankstellen sind oft geschlossen – sowohl im ölreichen Nigerdelta als auch im restlichen Nigeria gibt es häufig kein Benzin.

Die Zustände erzeugen Migrationsdruck: Unfruchtbar gewordene Böden und ölverschmutzte Gewässer, keine Aussicht auf (legale) bezahlte Arbeit, Willkür und Repressionen seitens Polizei, Militär und paramilitärischer Einheiten der Ölfirmen treiben vor allem junge Männer auf den Weg ins verheißungsvolle Europa. Die Frauen bleiben mit der Verantwortung, unter unzumutbaren Bedingungen ihre Kinder großzuziehen, alleine zurück.

Der Kampf gegen die Katastrophe

Internationale PressefotografInnen arbeiten zum Teil sehr engagiert vor Ort, um die Hintergründe der Ölproduktion aufzuzeigen. In die internationalen Medien kommen die Bilder am ehesten, wenn Ausländer durch Rebellengruppen entführt werden, und dann sieht man kurzfristig postapokalyptische Landschaften mit riesigen Ölteppichen, lodernde Erdgasfackeln, Pipelines mitten durch die Dörfer; maskierte Rebellen, dazwischen die völlig verarmte Bevölkerung.

Die Geschichte des Widerstands der Bevölkerung steht seit Jahrzehnten immer wieder im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit. So wurde der Schriftsteller und Bürgerrechtskämpfer Ken Saro-Wiwa, der 1989 die Bewegung MOSOP (Movement for the Survival of the Ogoni People) gründete, mit acht seiner Mitstreiter 1995 nach einem viel beachteten Schauprozess hingerichtet. 2002 und 2003 besetzten Tausende Frauen den Exportflughafen von Chevron/Texaco und einige Ölförderstationen. Sie drohten, sich nackt auszuziehen. Der Einsatz des nackten Körpers stellt in ihrer Kultur einen bedrohlichen Fluch und eine ultimative Waffe in einem Kampf zwischen Leben und Tod dar.

Die Konflikte werden zunehmend militanter, das Nigerdelta wird von Sabotagen und Entführungen sowie von Vergeltungsschlägen seitens der Regierung heimgesucht. BewohnerInnen der Ölregion (auch Kinder) werden immer wieder Opfer von Übergriffen durch Sicherheitskräfte, insbesondere durch die 2004 zum Schutz der Ölfirmen gegründete Joint Task Force. 2006 trat eine militante Bewegung für die Emanzipation des Nigerdeltas (MEND) auf, die mit ihren Attacken auf Anlagen der Royal Dutch Shell deren Erdölproduktion empfindlich traf. Zwischen 2006 und 2008 sind mehr als 200 Ausländer verschleppt worden, gegen Zahlung von Lösegeld kamen die meisten davon unverletzt frei. Aufgrund der ständigen Konflikte hat sich 2006 Shell aus dem westlichen Teil des Nigerdeltas zurückgezogen.

Abgetaucht

Auch die anderen dort arbeitenden Firmen wie Total, Mobil, Agip oder Chevron verlagerten die Produktion in den letzten Jahren aufgrund der permanenten Unruhen zunehmend vor die Küste. Dort wird die Katastrophe (vorerst) wieder unsichtbar: „Saubere“ Ölplattformen, Hightechanlagen und hoch qualifizierte Fachkräfte aus den Industriestaaten bestimmen das Bild. Diese leben abgeschottet vom Rest der Bevölkerung in gut geschützten Siedlungen; hinter hohen Stacheldrahtzäunen werden Einfamilienhausidyllen mit Swimmingpools gebaut, während es in den benachbarten Slums nicht einmal sauberes Trinkwasser gibt.

Die Offshorebohrungen erfolgen kilometertief im Meer. Dort ist es stockfinster und kalt, man kann sich nur virtuell orientieren. Gebohrt wird ferngesteuert von der Plattform aus, äußerste Präzision ist gefragt. Das kochend heiße Öl kühlt auf dem Weg nach oben ab, es bilden sich aggressive Stoffe, die die Rohre zersetzen und korrodieren. Dadurch entstehen Lecks, die oft sehr spät entdeckt werden. Aber nicht nur das belastet die Gewässer: Allein in der Nordsee wird täglich rund eine Million Tonnen mit Chemikalien verseuchtes „Produktionswasser“ ins Meer gepumpt. Die Werbelinien der Ölfirmen betonen weltweit ökologisches Engagement; umweltschonende Fördermethoden, „saubere“ Technik werden propagiert. Angesichts der Zerstörung selbst in unseren Breiten stellt sich die Frage, ob das überhaupt möglich ist.
Eva Ursprung
lebt als Künstlerin und Kuratorin in Graz und hat zusammen mit Hans Nevidal die Ausstellung Letzte Ölung Nigerdelta für das Staatliche Museum für Völkerkunde in München konzipiert. Die Ausstellung findet noch bis zum 15. September 2013 im Residenzschloss Oettingen statt.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
Juni 2013

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Biografie

© George Esiri
George Osodi (*1974 in Lagos/ Nigeria) lebt als freier Fotograf in London und Lagos. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Fotojournalismus und in der künstlerischen Fotodokumen-tation. Im Laufe seiner Tätigkeit für lokale wie internationale Medien 1999–2008 waren seine Bilder u. a. in der New York Times, dem Time Magazine oder dem Spiegel zu sehen. 2004 wurde er zum Fuji African Photojournalist of the year gekürt. George Osodis Werke, die sich oft in kritischer Weise mit seiner nigerianischen Heimat beschäftigen, waren bereits in zahlreichen Einzel- und Sammelausstellungen zu sehen, u. a. in Intemperies (Sao Paulo 2009) oder auf der documenta 12 (Kassel 2007).