Åsa Sonjasdotter

Auf dem Kartoffelweg

Interview mit der Künstlerin Åsa Sonjasdotter

© Asa SonjasdotterAnhand von „aussortierten“ Kartoffelsorten denkt Åsa Sonjasdotter über landwirtschaftliche Monokultur nach: Denn durch Monokulturen entsteht ein Ungleichgewicht der Ökosysteme. Grund für den drohenden Verlust an Vielfalt sind die EU-Richtlinien, die aus ökonomischen Gründen nur eine limitierte Anzahl von Sorten erlauben. Seit 2005 betreibt Sonjasdotter Feldforschungen zur Herkunft und zur (jetzt schon historischen) Vielfalt von Kartoffelsorten. An verschiedenen Orten hat sie “alte” Kartoffelsorten angepflanzt und damit auf die EU-Regulierungen verwiesen. Auf der Website www.potatoperspective.org dokumentiert sie ihr Projekt.

Im letzten Jahr hast du dein Projekt in verschiedenen Zusammenhängen gezeigt, darunter die Bukarest Biennale, das Los Angeles County Museum of Art, die Prinzessinnengärten in Berlin und Den Frie, ein Kunstzentrum in Kopenhagen. Welche unterschiedlichen Erfahrungen hast Du gemacht?

© Asa SonjasdotterDas Projekt funktioniert in unterschiedlichen Kontexten. In Kopenhagen habe ich die Ausstellungsräume von Den Frie in eine Vertriebsplattform für die Kartoffelsorten verwandelt. Die Besucher konnten die Kartoffeln in Papiertüten packen und mit nach Hause nehmen. In dem Berliner Nachbarschaftsgarten Prinzessinnengarten habe ich draußen ein Kartoffelfeld angelegt. Die Situation in Los Angeles war wiederum anders, denn der Gastgeber war ein großes Museum. Dort lief es bürokratischer ab und der Erfolg bestand darin, dass eine so langsam arbeitende Institution überhaupt ein Kartoffelfeld ermöglicht hat. Die Gruppenausstellung mit dem Titel EATLACMA war von der amerikanischen Künstlergruppe Fallen Fruit kuratiert worden. Fünf von insgesamt zehn geplanten Künstlergärten konnten realisiert werden. Die Ernte war ein Großereignis mit 50 teilnehmenden Künstlern und 7000 Besuchern, von denen viele noch nie gesehen hatten, wie Kartoffeln wachsen. Manche buddelten wie die Verrückten, sogar Erwachsene.

Nach Los Angeles bist du erst zum Ernten gefahren. Der Garten selbst war wie ein konzeptuelles Kunstwerk installiert worden, das heißt, dass du den Kuratoren einen Anleitung geschickt hast. Hat diese Vorgehensweise gut funktioniert?

© Asa SonjasdotterJa, hat sie, und sie hat schon einige Male funktioniert. Zum Beispiel haben mich des Öfteren schon Leute gefragt, ob ich ihnen Kartoffelsorten zuschicke. Die norwegischen Künstler Søssa Jørgensen und Geir Tore Holm betreiben das Projekt Sørfinnset/The Nord Land in einem ehemaligen Schulgebäude im Norden von Norwegen. Dort pflanzen sie neben den lokalen Sorten auch alte Kartoffelsorten an, die ich ihnen geschickt habe. Sie haben mein Projekt innerhalb ihrer Community rekonzeptualisiert und nach einigen Jahren haben viele Dorfbewohner diese Sorten angepflanzt. Das Dorf ist ein für die Gegend typisches schrumpfendes Dorf und das Kartoffelpflanzen war ein Weg, um wieder an die Aktivitäten anzuknüpfen, die früher dort üblich waren. Jørgensen und Holm organisierten einen Kartoffelwettbewerb für die größte und ungewöhnlichste Kartoffel, zu dem ich eingeladen war. Später haben wir die Kartoffeln gegessen. Für mich war das Projekt sehr erfolgreich, weil die Leute es sich für ihre Zwecke angeeignet haben und ihre Aktivitäten außerhalb meiner Kontrolle lagen. Die Anleitungen an das Museum in Los Angeles zu kommunizieren war wesentlich schwieriger, denn die Institution war nicht darauf vorbereitet neue Arbeiten zu produzieren. In diesem Sinne könnte man sagen, dass die Verantwortlichen sehr mutig waren, weil sie das komplizierte Projekt mit seinen organischen Anteilen bei sich untergebracht haben. Als Künstlerin musste ich allerdings viele Kompromisse machen.

Arbeitest Du immer mit den Kartoffelsorten, die im jeweiligen Land verfügbar sind?

© Asa SonjasdotterJa, meistens arbeite ich mit den Setzlingen, die in der jeweiligen Gegend vorkommen. Aber bis auf die Anden-Kartoffeln sind eigentlich alle Sorten migriert. Die Sorten, die ich in Los Angeles angebaut habe, haben alle einen starken Bezug zu den USA. Es waren 12 Sorten, die zusammen ein Narrativ bilden, das ich „The way potatoes go“ genannt habe. Über die Geschichte der Kartoffeln habe ich die amerikanische Geschichte nachgezeichnet. Zum Beispiel gibt es diese Riesenkartoffel, Russet Burbank. McDonalds verwendet ausschließlich Russet Burbank, eine 100 Jahre alte Sorte, weil sie so viel Zucker enthält, dass die Pommes karamelisieren und deswegen lange knusprig bleiben. Diese Kartoffel ist übrigens eine natürliche Missbildung. Für mich ist sie ein Symbol für den amerikanischen Traum.

Könntest Du statt mit Kartoffeln auch mit anderem Gemüse arbeiten?

Das weiß ich nicht. Bevor ich von der Arbeit mit Kartoffeln inspiriert war, habe ich mich mit dem Komplex Öffentlicher Raum und der biopolitischen Frage von Wissen und Macht beschäftigt.
Ich wollte verschiedenen Meinungen Gehör verschaffen. Heute ist städtischer Raum zur hyperregulierten Ware geworden. Ich habe mit einem Architekten zusammengearbeitet und vorgeschlagen, die Fassaden von Rathäusern in große Kommunikationsflächen zu verwandeln.

Wo siehst du die Verbindung zum Kartoffelprojekt?

© Asa SonjasdotterAls ich angefangen habe mit den Kartoffeln zu arbeiten, war ich von der gleichen Schönheit angezogen, nicht der Vielfalt der Stimmen, aber der Vielfalt der Kartoffelsorten. Ich verstehe die Kartoffelvielfalt als Metapher für das Spektrum von Wissen. In dem Zusammenhang wird die Wissen- und Macht-Frage von Foucault interessant. Wer hat Zugang zu Wissen und wer die Kontrolle und wie manifestiert sich beides? Also liegen die Projekte nicht so weit auseinander. Manchmal senden mir Leute Fotos von ihrer Kartoffelernte, meine Projekte kann und will ich nicht kontrollieren.

Also geht es um Kommunikation?

Ja. Die Sorten, die ich verbreite, sind Sorten, die innerhalb der EU nicht zur kommerziellen Verbreitung zugelassen sind. Der Grund ist der, dass sie kommerziell nicht interessant genug sind. Die meisten entsprechen einfach nicht dem EU-Standard DUS: Widerstandsfähigkeit, Gleichförmigkeit und Haltbarkeit.

Das hört sich nicht mehr nach Lebensmittelproduktion an.

Wahrscheinlich, weil es sich um Standards für die industrielle Landwirtschaft handelt. Die Sorten, mit denen ich arbeite, waren schon gezüchtet lange bevor die Idee der kommerziellen Züchtung und die Vergabe von Nutzungsrechten aufkamen. Die alten Sorten gehören niemandem, sie gehören zum Allgemeingut, genauso wie Volkslieder.

Für manche Projekte hast du schon mit Wissenschaftlern zusammengearbeitet. Welche Rolle spielen Wissenschaftler in deiner Arbeit?

In Rumänien habe ich mit einer Biologin von der nationalen Genbank zusammengearbeitet, Dana Constantinovici. Sie reist durch das Land, sammelt und konserviert kultivierte Pflanzen, die vom Aussterben bedroht sind. Uns verbindet ein Bewusstsein für die Schönheit und Macht von Vielfalt. Manchmal konnten ihr Bauern von Sorten erzählen, die sie als Kinder gegessen hatten. Was da verloren geht, ist nicht nur ein kulturelles Erbe, sondern auch etwas, das für die Zukunft der Kartoffelzucht wichtig sein könnte.

Was genau befindet sich in einer Genbank?

Wenn man eine Kartoffelsorte erhalten will, dann muss man sie Jahr für Jahr neu anpflanzen. In der Genbank wächst das Teilungsgewebe, der Teil der Sprosse, der die genetische Information enthält. Es wird in Gläsern auf einem das Wachstum verlangsamenden Medium gepflanzt. Deswegen entsteht eine Art Bonsai-Kartoffel. Das habe ich auch mit Constantinovici zusammen gemacht. Sie hatte den Wunsch, die fast nicht mehr vorhandenen Sorten wieder unter Bauern in Umlauf zu bringen. Mein Beitrag für die Bukarest Biennale hat so eine Plattform dargestellt. Bei unserer Zusammenarbeit gab es eine interessante Ökonomie: wir haben uns komplementär ergänzt ohne Geld ins Spiel zu bringen.

Du unterrichtest an der Kunstakamdemie in Tromsø in Nordnorwegen. Wie verhält sich deine Lehrtätigkeit zu deiner künstlerischen Arbeit?

Dass sich die Akademie mit den verschiedenen Bedeutungen von Kunst und Ökologie befassen würde,  war schon vor meiner Zeit entschieden und mit ein Grund, warum ich mich für den Job interessiert habe. Diese Akademie befindet sich in der sogenannten Peripherie, geografisch gesehen innerhalb des Polarkreises. Aber wenn man dort ist, stellt man fest, dass der Ort sein eigenes Zentrum hat. Ein Zentrum für das Wissen und die Erfahrungen, die in der Region stecken. Also ist die ganze Frage nach “Peripherie” und “Zentrum” offensichtlich durch feste Kriterien und Hierarchien bestimmt. Hier wären wir wieder bei der Wissen- und Macht-Frage, von der ich vorhin  gesprochen habe. In Genbanken ist sogar das Wort “Bank” enthalten, also steckt sehr viel Wertschöpfung darin.

Die Fragen stellte Vera Tollmann.
Sie arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2011

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Biografie

Åsa Sonjasdotter (*1966 in Lund/Schweden) ist Künstlerin und Professorin für zeitgenössische Kunst an der Akademie für zeitgenössische Kunst in Tromsø/Norwegen, an deren Gründung 2007 sie beteiligt war. Sie studierte an der Royal Danish Academy of Fine Arts in Kopenhagen und an der Trondheim Academy of Fine Art in Norwegen. Von 1996 bis 2006 war sie ein Gründungsmitglied von Women Down the Pub, einer feministischen Kunst- und Aktionsgruppe, die sich auf dem Themenfeld der aktuellen Gender-Debatte bewegt. Seit 2005 ist sie Mitglied im Leitungskomitee des CRIR (Christiania Researcher in Residence).
Ihr aktuelles Projekt dreht sich um die Kartoffel in ihrer ganzen Vielfalt: Potato Perspective.