Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Wuxi-Düsseldorf und die Herausforderung für kommunale Klimapartnerschaften

 Wuxi liegt am See Taihu, der sich bei Touristen großer Beliebtheit erfreut. Gleichzeitig ist es eine Industriestadt mit steigenden Treibhausgasemissionen; Foto: 二泉映月, via flickr (CC BY-NC-SA 2.0). Wuxi liegt am See Taihu, der sich bei Touristen großer Beliebtheit erfreut. Gleichzeitig ist es eine Industriestadt mit steigenden Treibhausgasemissionen; Foto: 二泉映月, via flickr (CC BY-NC-SA 2.0).

Können zwei sehr unterschiedliche Städte in China und Deutschland gemeinsame Klimaschutzstrategien finden?

Auf den ersten Blick ist es ein ungleiches Paar. Düsseldorf ist die Mode- und Werbemetropole Deutschlands. Wuxi (无锡) ist eine schnellwachsende Industriestadt an der chinesischen Ostküste mit vermutlich mehr Kohlekraftwerken als Laufstegen. Doch ein deutsches Umweltinstitut hat die beiden Orte in einem internationalen Projekt zusammengebracht, das Städte zum Erfahrungsaustausch bei der Senkung von Treibhausgasemissionen und der Minderung des Ressourcenverbrauchs ermutigen soll.

Bei genauerer Betrachtung wird klarer, warum die beiden Städte für die Fallstudie ausgewählt wurden. Düsseldorf liegt inmitten eines bedeutenden deutschen Industriegebiets und hat sich von einem Zentrum der Schwerindustrie zu einem serviceorientierten Wirtschaftsstandort gewandelt. „Das könnte als Modell für eine ähnliche Entwicklung in Wuxi dienen“, meint Daniel Vallentin, Koordinator am projektbegleitenden Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Zum Projekt-Konsortium gehören auch chinesische Forschungseinrichtungen wie die Tsinghua Universität und das National Climate Centre (清华大学和国家气候中心).

Beide Städte verfolgen zudem nachweislich eine „proaktive“ Umweltpolitik. Wuxi ist bereits das Zentrum der chinesischen Solarmodulindustrie, übernahm früh eine klimafreundliche Strategie und strebt eine Verringerung der Kohlenstoffintensität (Kohlendioxidemission pro Einheit des BIP) an, die über das landesweite Ziel hinausgeht.

Anstoß für die grüne Politik mag eine Umweltkatastrophe vor den Toren der Stadt gewesen sein, vermutet Vallentin. Der malerische See Taihu (太湖), der sich durch Wuxi zieht und touristischer Mittelpunkt der Region ist, wird in neuerer Zeit regelmäßig von Algenblüten heimgesucht, die das Ökosystem durcheinanderbringen. Beim bisher schlimmsten Vorfall im Jahr 2007 wurde durch Abfälle und ungeklärtes Abwasser eine massive Blaualgenblüte ausgelöst, die eine Wasseraufbereitungsanlage verseuchte, sodass die Trinkwasserversorgung für zwei Millionen Einwohner und Touristen in der Stadt Wuxi gekappt werden musste.

„Es wurde offensichtlich, dass etwas zur Erhaltung des Sees getan werden musste, der auch aus wirtschaftlicher Sicht wichtig für die Stadt ist. Ich glaube, das könnte einer der Auslöser für eine ehrgeizige Umweltpolitik gewesen sein, die sich auch auf CO2-Minderung erstreckte“, sagt Valentin.

Ehrgeizig oder nicht – Wuxi sieht sich bei der Senkung der Treibhausgasemissionen einer Mammutaufgabe gegenüber. Das Projekt des Wuppertal Instituts will den Prozess unterstützen, indem Erfahrungen aus dem deutschen Klimaschutz eingebracht werden und ein strategischer Plan für die CO2-Reduktion erstellt wird. Die Wissenschaftler haben bereits eine Bestandsaufnahme der Treibhausgasemissionen und deren Verursacher für die Stadt Wuxi vorgelegt.

In Düsseldorf erhofft man sich wiederum Erkenntnisse, was die rasche Hochskalierung neuer Technologien – beispielweise bei der Produktion von Elektroautos – sowie das Management großer Infrastrukturprojekte anbelangt.

Orte verschiedenster Couleur

Obwohl beide Städte voneinander lernen wollen, sind bei derart unterschiedlichen Ausgangsbedingungen wie in Wuxi und Düsseldorf einfach zu übertragende Lösungen schwer findbar, gesteht Vallentin ein.

Selbst die Definition von Begriffen wie „nachhaltig“ und „kohlenstoffarm“ kann deutlich variieren. So gilt für das Wuppertal Institut im deutschen Kontext eine Pro-Kopf-Emission von zwei Tonnen als „kohlenstoffarm“. Im Fall von Wuxi mit einer steigenden Pro-Kopf-Emission von derzeit dreizehn Tonnen ist ein solches Ziel schlichtweg unerreichbar.

„Ihnen zu sagen, sie sollten die Pro-Kopf-Emission auf zwei Tonnen senken, wäre höchst unrealistisch“, meint Vallentin. „Ein solches Ziel ist schwer umsetzbar und vermutlich keine angemessene Zielsetzung für eine Stadt wie Wuxi.“

„Wuxi muss einen Weg einschlagen, der zu einer beträchtlichen Emissionsminderung führt. Doch die Stadt befindet sich in einem deutlich früheren Entwicklungsstadium als die Region Düsseldorf.“

Zudem unterscheiden sich die Erfolgsaussichten der Sektoren. Die meisten Emissionen in Wuxi werden von der Energiewirtschaft und der Industrie verursacht. Bei Ersterer kommt man laut Vallentin vergleichsweise einfach voran, weil man auf diesem Gebiet auch anderswo bereits die meisten Fortschritte erzielt hat: „Es gibt fertige Lösungen und viele Beispiele in anderen Städten, sowohl in China als auch in anderen Regionen der Welt, wie man Emissionen senken kann.“

Daher ist es vielleicht nicht überraschend, dass die Stadtverwaltung von Wuxi besonderes Interesse an deutschen Strategien und Projekten zur Förderung erneuerbarer Energien gezeigt hat. Vallentin zufolge waren die Behörden am deutschen Modell lokaler und regionaler Energieagenturen besonders interessiert, die Investoren in erneuerbare Energien informativ und beratend zur Seite stehen. Details zur Einrichtung solcher Institutionen werden in den strategischen Plan eingehen, und ein Besuch einer chinesischen Delegation steht bevor.

„Bei der Industrie ist es komplizierter“, sagt Vallentin, „denn hier muss man die gesamte ökonomische Struktur der Stadt verändern.“

„Das ist eine der größten Herausforderungen in Wuxi – wie stellt man sicher, dass die Stahlproduktion kohlenstoffärmer wird, wie optimiert man Prozesse, welche materialsparenden Alternativprodukte könnten zukünftig hergestellt werden, all diese Dinge.“ Zudem gelte es auch, Carbon Leakage zu vermeiden, also die auf ehrgeizigen Umweltzielen auf lokaler Ebene basierende Standortverlagerung energieintensiver Unternehmen.

Unzählige Konzepte

Wuxi-Düsseldorf ist eine der jüngsten kommunalen Klimapartnerschaften, die sich wachsender Beliebtheit zu erfreuen scheinen. Befürworter weisen darauf hin, dass 80% der globalen klimarelevanten Gase in Städten verursacht werden und argumentieren oft, dass durch die gebündelten Anstrengungen bessere Fortschritte als durch internationale Klimaverhandlungen erzielt werden.

Bekanntester Verfechter dieses Ansatzes ist C40, ein Netzwerk der weltweit größten Städte zur Erarbeitung von Maßnahmen zur Senkung von Treibhausgasemissionen unter Führung des New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg. Doch es bilden sich fortwährend neue Kooperationen. Im Mai 2013 unterzeichneten Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam und Rotterdam in den Niederlanden, die beide durch die Lage in einer Deltaniederung von einem Anstieg des Meeresspiegels bedroht sind, ein neues Abkommen zur Zusammenarbeit bei der Klimaanpassung.

„Die Städte müssen voneinander lernen, sodass nicht jede Stadt eine eigene Experimentierphase durchlaufen muss“, sagt Vallentin.

„Im Fall von Wuxi“, führt er aus, „muss sich dieser Lernprozess ebenso sehr auf Wege zum Erfahrungsaustausch wie auf konkrete Strategien konzentrieren. Es gibt bereits viele fortschrittliche Bestimmungen – Command-and-Control-Regulierungen –, doch bei den Mechanismen zum Wissenstransfer zwischen unterschiedlichen Industriezweigen könnte man von einer Zusammenarbeit mit Düsseldorf profitieren.“

Dasselbe ließe sich über Chinas zahlreiche grüne Vorhaben auf dem Gebiet der Stadtentwicklung sagen. Im vergangenen Jahrzehnt fanden Konzepte zur schnellen Umsetzung eines klimafreundlichen Lebensstils in Chinas Städten rasch Anklang und zogen eine Unzahl von Projekten nach sich, von Ökostädten über kohlenstoffarme Pilotzonen bis hin zum Emissionshandel in Pilotstädten und der sogenannten „Stadt der fünften Generation“, also dem Sprung zum modernen, hochtechnisierten Zentrum unter Umgehung der umweltbeeinträchtigenden Stadien einer traditionellen Stadtentwicklung, wie es derzeit am Beispiel der alten Stadt Kaschgar (喀什) praktiziert wird.

Doch es gibt ein Problem. Wie Vallentin es ausdrückt, „arbeitet jeder mehr oder weniger auf eigene Faust.“

Vallentin räumt ein, dass die unzähligen, isolierten Bemühungen eine Herausforderung darstellen, nicht nur für sein Projekt, sondern für China im weiteren Sinne. Eine der wichtigsten Empfehlungen als Ergebnis eines Workshops, den sein Team im Jahr 2013 in Peking hielt, war die Schaffung eines Dachverbands zur Förderung eines Dialogs zwischen den verschiedenen umweltverträglichen Stadtentwicklungsprogrammen des Landes.

Doch das wirft eine weitere Frage auf: Wie wahrscheinlich ist es, dass die aus dem Projekt resultierenden Vorschläge auch umgesetzt werden? Den Vorhaben zur klimafreundlichen Stadtentwicklung in China wird häufig vorgeworfen, dass trotz ehrgeiziger Ambitionen die auf dem Papier entworfenen Idealvorstellungen nicht in die Realität umgesetzt werden. Die Pläne für Dongtan (东滩), eine energieautarke, emissionsfreie Stadt im Mündungsgebiet des Jangtse bei Shanghai, fielen einem lokalen Korruptionsskandal zum Opfer. Das „Modelldorf“ Huangbaiyu (黄柏峪) in der Provinz Liaoning konnte die Erwartungen bei Weitem nicht erfüllen, und das Budget wurde in einem derartigen Maß überzogen, dass viele Einheimische es sich nicht leisten konnten, dort zu wohnen.

Wissenschaftler fanden kaum Anzeichen eines umweltbewussteren Lebenswandels in Chinas kohlenstoffarmen Pilotstädten, und in einer jüngsten Bewertung der geplanten kohlenstoffarmen Gewerbegebiete in China vom US-amerikanischen Institute for Sustainable Communities erreichte keines den Mindestwert von 60%.

Im Fall der Zusammenarbeit zwischen Wuxi und Düsseldorf soll das auf die Ausarbeitung von Strategien abzielende Projekt enden, noch bevor die Umsetzung in Angriff genommen wird. „Wie bei vielen Stadtprojekten in China“, erläutert Vallentin. „Die Finanzierung reicht für die Erarbeitung eines strategischen Plans, doch nicht für dessen Umsetzung … Hier muss die Stadtverwaltung von Wuxi übernehmen.“

Durch das Interesse der Partner in Wuxi ist er dennoch überzeugt, dass die Erkenntnisse Wirkung zeigen werden. Doch es gibt bereits Anzeichen, dass sich die Verwirklichung als ebenso problematisch wie an anderen Orten Chinas erweisen könnte. Obwohl Wuxi eine umfassendere Emissionsdatenbank als viele andere chinesische Städte hat, offenbarte die Bestandsaufnahme der Treibhausgasemissionen größere Datenlücken, beispielsweise in der Verkehrs- und Landwirtschaft. Und bis jetzt wurden kaum Anstrengungen unternommen, um hier Abhilfe zu schaffen.

Kooperation mit chinadialogue
Dieser Artikel erschien erstmals bei unserem Partner chinadialogue, einer nichtkommerziellen Organisation, die die Förderung des Umweltdialogs zwischen China und der Welt zum Ziel hat. Wir veröffentlichen an dieser Stelle regelmäßig ausgewählte Beiträge der chinadialogue-Website. Wenn Sie mehr zu chinesischen Umweltthemen erfahren möchten, besuchen Sie
chinadialogue.net

Olivia Boyd
ist eine Londoner Journalistin und Redakteurin. Ihre Artikel sind unter anderem in der chinesischen Wochenzeitschrift „Southern Weekend“, der britischen Zeitschrift „The Ecologist“ sowie der britischen Zeitschrift „Building“erschienen, für die sie früher als Reporterin tätig war.

Übersetzung aus dem Englischen: Christiane Wagler

Goethe-Institut China
Mai 2014

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