Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

„Original Unverpackt“: Einkaufen ohne Müll

Entwürfe: NAU Architects Berlin (Michael Brown) Entwürfe: NAU Architects Berlin (Michael Brown)

Ein Supermarkt ohne Verpackungen – geht das? Zwei Berlinerinnen probieren es nun aus.

Als ich klein war, wollte ich unbedingt die Umwelt retten. Eine Idee, wie das gehen könnte, hatte ich im Fernsehen gesehen: In einer Serie hatten ein paar umweltbewusste Kinder beim Einkaufen einfach alle Verpackung im Laden gelassen, um zu zeigen, wie viel unnötigen Müll wir im Alltag produzieren. Das wollte ich auch.

Doch meine Mutter war nur mäßig begeistert. Den zusätzlichen Karton um die Cornflakes-Tüte und die Plastikhülle um die Bananen durfte ich noch im Supermarkt entsorgen. Doch extra Dosen mitzubringen, um auch Reis, Nudeln oder gar Milch umzufüllen, das kam für sie nicht, nun ja, in die Tüte. Mein Enthusiasmus bei der Müllvermeidung war damit bald erschöpft. Doch jetzt kam mir die Geschichte wieder in den Sinn, als ich in der Zeitung von „Original Unverpackt“ las.

Die Idee hinter dem Supermarkt, der noch in diesem Jahr in Berlin-Kreuzberg eröffnen soll, ist nämlich dem Wunsch meiner kindlichen Öko-Seele sehr ähnlich: auf Verpackungen soll verzichtet werden. Aus großen Behältern füllt man sich die Produkte in mitgebrachte Dosen, Tiegel und Flaschen ab. Von Klassikern wie Nudeln, Brot und Gemüse über Wodka bis hin zu Gesichtscreme soll es alles geben. Insgesamt 600 Produkte wollen die Macher anbieten – das Sortiment ist damit in etwa so groß wie bei einem Discounter. Wer ungeplant vorbeikommt oder seine Nachfüllbottiche vergessen hat, kann Dosen leihen oder auf recyclebare Papiertüten zurückgreifen.

Die Idee dazu kam den beiden Gründerinnen Milena Glimbovski und Sara Wolf abends beim Wein angesichts des überquellenden Mülleimers in der Küche, wie sie erzählen. Oft landen derartige Pläne ja selbst schnell auf dem Müll. Doch Glimbovski und Wolf erarbeiteten daraus einen Businessplan, der mittlerweile mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit einem Stipendium des Softwarekonzerns SAP und des Bundesfamilienministeriums. So wurde ihnen der Anfang erleichtert. Das Startkapital für ihren Laden haben sie gerade per Crowdfunding gesammelt: Über 100.000 Euro sind zusammengekommen, weil viele Einzelpersonen die Idee unterstützenswert fanden und sich finanziell beteiligten, um im Gegenzug etwa Gutscheine oder Dosen für den Besuch im Laden zu erhalten. Interesse am Einkauf ohne Verpackungen scheint also zu bestehen.

Aber wie sieht es mit der Hygiene aus? Einfach so lose Lebensmittel in einen Laden stellen und jeder bedient sich, das ist in Deutschland nicht möglich. Um frisches Brot und Brötchen anbieten zu können, sperren Supermärkte diese zum Beispiel in verschlossene Metallkäfige, aus denen die Kunden sie mit einer Zange umständlich herausoperieren müssen. Hauptsache, niemand kommt mit einem unverpackten Lebensmittel in Berührung!

Tatsächlich sei das für „Original Unverpackt“ eine Herausforderung gewesen, sagen die Macher. Sie hätten sie aber gemeistert: Zum einen nutzten sie sogenannte Bulk bins – verschlossene Kanister mit einer Öffnung unten, aus dem man etwa Nudeln oder Erbsen einfach abzapfen kann. Für Dinge wie Erdnussbutter, Joghurt oder Zahnpasta gibt es andere Lösungen: „Außerdem verwenden wir Scoop Bins – diese muss man sich ungefähr so vorstellen wie die Kästen in Süßigkeitenläden, bei denen man sich mit einer Schippe bedient – oder Spender-Pumpsysteme.“ Befüllt werden diese aus großen Säcken und Kanistern, die meist von kleineren Zulieferern aus der Region kommen. Ganz ohne Verpackung geht es da zwar nicht zu. Aber die beiden Gründerinnen versprechen, dass sie auch auf die Vermeidung von Müll achten, bevor die Waren im Laden stehen.

Das klingt, als ob Milena Glimbovski, Sara Wolf und ihr mittlerweile sechsköpfiges Team gut vorbereitet wären auf den Verkaufsstart im Herbst. Nur ich habe noch zwei kleine Bedenken: Zum einen frage ich mich, ob meine Mutter nicht recht hatte, als sie es für viel zu umständlich erklärte, mit einer Tasche voller leerer Dosen in den Supermarkt zu gehen.

Zum anderen sind die Leute von „Original Unverpackt“ nicht die ersten mit der Idee vom verpackungsfreien Einkaufen: Unpackaged hieß der kleine Laden, in den ich vor einem Jahr in London-Hackney stolperte. Wunderschön sah es da aus mit all den Lebensmitteln in großen Bottichen und ohne Plastik. Mittlerweile ist der Laden dicht. Allerdings, so heißt es von „Original Unverpackt“, sei daran nicht das Konzept ohne Verpackungen schuld gewesen: „Die Ladenfläche in London bestand zu zwei Dritteln aus Restaurant und Bar, und das hat nicht funktioniert“. In Berlin sei Derartiges nicht vorgesehen.

Goethe-Institut China
August 2014

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Juliane Wiedemeier
ist freie Journalistin in Berlin und arbeitet meistens für die Prenzlauer Berg Nachrichten, die sie mitgegründet hat. Auch sonst schreibt sie meist über Städte im Allgemeinen und Berlin im Besonderen. Sie lebt gern in Berlin und mag es sehr, die unzähligen Facetten dieser Stadt aufzuspüren, aufzuschreiben und anderen davon zu erzählen.