Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Radikale Pragmatiker – die Architekten Matthias Böttger und Friedrich von Borries vom Berliner Büro raumtaktik

Projekt METreePOLIS ,Architekten: HWKN HOLLWICHKUSHNER, New York, USA
Cop: HOLLWICHKUSHNER LLC, Projektteam: Matthias Hollwich, Marc Kushner, Robert May, Hwaseop Lee, TJ O’Keefe, Ben Muller, Jonathan Kowalkoski, Patricia SahmSie sind jung. Sie wollen die Welt verbessern. Und auf der Architekturbiennale in Venedig 2008 haben sie damit angefangen. Die Architekten Matthias Böttger und Friedrich von Borries vom Berliner Büro raumtaktik waren die Kuratoren des deutschen Pavillons auf der wichtigsten internationalen Ausstellung für Architektur und Städtebau.

Unter dem Titel Updating Germany – Projects for a Better Future präsentierten die beiden 100 Projekte, in denen es vor allem um Nachhaltigkeit, Ökologie und soziale Verantwortung ging. Das Ziel der Raumtaktiker: Sie möchten ihr Publikum für eine bessere Zukunft begeistern.

Avantgarde der kleinen Schritte

Projekt United Bottle, Architekten: Instant Architekten, Berlin, GER, Cop: Instant ArchitektenNeu inszeniert war der Biennale-Beitrag bis Februar 2009 im Architekturmuseum Frankfurt am Main zu sehen. Egal ob in Venedig oder in der „recycelten“ Version in Frankfurt: Nicht reale Bauten stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, sondern Forschungsprojekte, Experimente und Utopien aus den Bereichen Architektur, Städtebau, Kunst, Design, Biotechnologie, Energie und Verkehr.

Mit ihrem Willen zur Weltveränderung grenzen sich die beiden Raumtaktiker deutlich ab von einer Architektur, die nur auf Formen, Effekte und die aktuelle Marktlage zielt. Böttger und Borries wollen eine Architektur, die „mehr als Bauen“ ist. Grundlage dafür ist die Auseinandersetzung mit ökologischer und gesellschaftlicher Wirklichkeit, mit Klimawandel, Kommerzialisierung, knapper werdenden Ressourcen und Migrationsbewegungen. Die damit zusammenhängenden Raumphänomene analysieren, eine Haltung dazu entwickeln, Interventionen erarbeiten – so könnte man den programmatischen Ansatz von raumtaktik beschreiben.

Böttger und Borries, beide Jahrgang 1974, sind klug genug, dabei auf jeden revolutionären Gestus zu verzichten. Sie sind die Avantgarde der kleinen Schritte. „Als radikale Pragmatiker arbeiten wir mit Updates“, sagt Matthias Böttger. „Sie sind für unsere Gesellschaft realistisch: Das System wird schrittweise weiter entwickelt. Jede Version bringt zahlreiche Verbesserungen, Korrekturen und Neuerungen, und leider auch neue Fehler.“

„Für eine bessere Zukunft“

Projekt Heliotrop, Architekt: Rolf Disch Architekten, Freiburg, GER, Cop: Rolf Disch SolararchitekturKein Grund, deshalb aufs Handeln im Hier und Jetzt zu verzichten. Die ausgestellten Projekte sollen dafür Ideen und Lösungsansätze vermitteln. Neben futuristischen Fantasien wie die von Strom liefernden Pflanzen überwucherte Stadt MEtreePOLIS von HollwichKushner Architekten sind auch konkrete Entwurfs- und Forschungsprojekte zu sehen. Zum Beispiel eine Arbeit zur Weiterverwendung von Plastikflaschen. In Krisengebieten gehört die Versorgung der Betroffenen mit Trinkwasser zu den ersten Hilfsmaßnahmen, dazu werden meist Plastikflaschen benutzt, die später wieder zurücktransportiert werden müssen. Für ihre Idee, die Flaschen stattdessen als Bausteine für Notunterkünfte zu verwenden, haben Instant Architekten bereits Prototypen entwickelt.

Projekt SkySails, Designer: SkySails GmbH: Stephan Wrage und Thomas Meyer, Hamburg, GER, Cop. SkySails GmbH & Co.KGGezeigt wird auch das drehbare Solarhaus Heliotrop in Freiburg, eine Ikone des ökologischen Bauens in Deutschland. Rolf Disch hat das Wohn- und Geschäftshaus 1994 errichtet, mit einem Fotovoltaik-Kraftwerk, das fünf Mal mehr Strom erzeugt als im Gebäude selbst verbraucht wird.

Energie sparen ist selbst auf hoher See ein Thema. Die Firma SkySails hat ein Segelsystem mit Zugdrachen hergestellt, das am Bug von Frachtschiffen befestigt wird. Bei optimalen Windbedingungen rechnet das Unternehmen mit einer Reduktion des Ölverbrauchs von bis zu 50 Prozent. Dieses Update des globalen Warenverkehrs wird in der Architekturausstellung ebenso präsentiert wie der Neubau für die Sammlung Brandhorst in München von Sauerbruch/Hutton – letzterer aber nicht etwa wegen schöner Fassaden, sondern weil das Gebäude innovativ die Abwärme der Umgebungsbauten nutzt.

Über den gebauten Raum hinausgehen

Projekt Vacuumatics, Projektentwicklung: Institut für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren (ILEK), Stuttgart, GER, Cop: ILEK Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren, Universität StuttgartEin Update ist kein Masterplan, sondern ein verzweigter Entwicklungspfad“, betont Matthias Böttger – Sackgassen und Umwege eingeschlossen. Der Architektur-Begriff der Raumtaktiker bezieht ökonomische, politische und soziale Zusammenhänge mit ein. So wie viele andere Architekten ihrer Generation verstehen sie ihre Profession damit als Wirkungs- und Forschungsfeld, das weit über den gebauten Raum hinausgeht.

Borries und Böttger konnten in Venedig ihre bisherige Arbeit konsequent fortsetzen. Denn Häuser zu bauen stand bei raumtaktik noch nie im Mittelpunkt. Vor der Gründung ihres Berliner Büros im Jahr 2003 unterrichteten beide erst mehrere Jahre an der Stiftung Bauhaus Dessau, dann an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Im Studienjahr 2007/08 haben Borries und Böttger eine Gastprofessur für Kunst und öffentlichen Raum an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg inne, gemeinsam werden sie 2009 Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude sein. Und für das Architekturmuseum Frankfurt bereiten sie gerade die Ausstellung „Architektur und Politik“ vor. Auch Publikationen zu aktuellen Raumfragen sind ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Die „100 Projekte für eine bessere Zukunft“ sind in einem Ausstellungskatalog ausführlich dokumentiert. In ihrem Buch Space Time Play untersuchen die Raumtaktiker die Zusammenhänge zwischen virtuellem und realem Raum, und Friedrich von Borries analysierte in Wer hat Angst vor Niketown die Logik der Marketingkampagnen von Nike und ihrer Folgen für den urbanen Raum.

Die Übertragungen ihrer Analysen und Theorien in die Realität geschah bisher in Form von Installationen und Ausstellungsprojekten wie dem „Fanshop der Globalisierung“ zur Fußball-WM 2006. Die Wanderausstellung, unterwegs im mobilen Frachtcontainer, beleuchtete an Beispielen aus der Welt des Fußballs ökonomische, politische und kulturelle Aspekte der Globalisierung.

Am Gestaltungsanspruch festhalten

Die zunehmenden internationalen Verflechtungen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Umwelt wirken sich auf Stadträume, Grenzziehungen und Raumstrukturen aus. Reiche Wohlstandsinseln schirmen sich ab von der sozialen Wirklichkeit der übrigen Welt; Umweltbelastungen und menschengemachte Naturkatastrophen verändern ganze Landstriche.
Zeitgemäß ist Architektur nach dem Verständnis der Raumtaktiker nur dann, wenn sie diese Prozesse zur Kenntnis nimmt und auch unter widrigen Rahmenbedingungen an ihrem Gestaltungsanspruch festhält.

Publikationen
Updating Germany – 100 Projekte für eine bessere Zukunft, hg. von Friedrich von Borries und Matthias Böttger (Katalog zum deutschen Beitrag auf der 11. Architekturbiennale in Venedig 2008, 292 Seiten, erschienen im Verlag Hatje Cantz)

Bessere Zukunft? Auf der Suche nach den Räumen von Morgen, von Friedrich von Borries, Matthias Böttger, Florian Heilmeyer (166 Seiten, erschienen im Merve Verlag, Berlin 2008)
Elisabeth Schwiontek
ist freie Journalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2008, Aktualisiert Dezember 2008

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