Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung

Die amphibische Gesellschaft

Die klassische Situation vor und hinter den Deichen und städtischen Hochwasserschutzwällen in der Überzeugung absoluter Sicherheit gibt es nicht mehr. Die Zunahme sowohl der Höhe als auch der Häufigkeit von Überschwemmungen als Folge des Klimawandels, eine zunehmende Versiegelung des Bodens sowie das wachsende Schadenspotenzial bedingt durch eine stetige Verstädterung erfordern neue Formen des Umgangs mit Hochwasser.

Gefahrenkarte für Bad Kreuznach an der Nahe – Wassertiefen © Ministerium für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz

Der bisherige Ansatz einer kontinuierlichen Erhöhung und Erweiterung von Schutzeinrichtungen produziert – neben räumlichen Konflikten – eine kaum leistbare Wartungsanforderung und somit neben dem Risiko der Überschreitung gewählter Schutzhöhen auch das Risiko ihres Versagens. Denn neben dem offensichtlichen Schadenspotenzial im Überschwemmungsbereich flussseits kann ein Versagen oder Übersteigen der gesetzlich festgelegten und durch statistische Wahrscheinlichkeiten bemessenen Schutzeinrichtungen auch zu Überschwemmungen von landseitigen Gebieten führen. Dieses neu definierte Risiko erfordert auch ein neues Risikobewusstsein seitens der Gesellschaft.

Es gilt zu differenzieren zwischen den bereits existierenden Siedlungen im Überschwemmungsbereich und neuen städtebaulichen Entwicklungen, die als Ausnahmeerscheinung gleichzeitig Pilotprojekte für hochwasseradaptiertes Bauen sind – beispielsweise ehemalige Hafenareale. Die einen bedürfen oftmals einer nachträglichen Verbesserung der bestehenden Schutzvorkehrungen entsprechend der zu erwartenden Wasserstände. Durch mobile Elemente, Rückstausicherungen, hochwasserresistente Materialien und vieles mehr lassen sich Gebäude gegen Hochwasserschäden schützen – wenn auch nur bedingt. Statistisch definierte Wasserstände geben keine Sicherheit, die ihr Nichtüberschreiten gewährleistet. Für die neuen Areale im Überschwemmungsbereich gilt, dass nur für retentionsneutrale bauliche Entwicklungen und plausible Schutzkonzepte, sowohl auf der Gebäudeebene als auch für das Gesamtgebiet, oftmals als Teil der städtischen Verteidigungslinie, Ausnahmegenehmigungen zur baulichen Neuentwicklung erteilt werden. Retentionsneutral bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Abflusskapazitäten des Flusses mit der Neubebauung nicht weiter reduziert werden.

Gefahrenkarte für Bad Kreuznach an der Nahe – Wassertiefen  © Ministerium für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz

Als drittes potenziell überschwemmungsgefährdetes Gebiet sind die landseitigen Bereiche hinter den Schutzeinrichtungen Teil eines des neuen Risikoverständnisses. Interessanterweise stellen sie unser bisheriges Sicherheitsverständnis auf den Kopf – allerdings ohne, dass es komplett aufgegeben würde. Nur in der Kombination eines möglichst effektiven Verteidigungssystems mit den erforderlichen Vorbereitungen auf sein Versagen sind wir optimal vorbereitet. Das ist schwer zu kommunizieren.

Je mehr wir uns auf zukünftige Extremwetterereignisse vorbereiten, desto wichtiger wird der operative Hochwasserschutz. Wer ist zuständig? Und wie lassen sich Verantwortlichkeiten zwischen kollektiven und individuellen Aufgaben kommunizieren? Im Umgang mit möglichen Hochwassern – insbesondere mit Extremereignissen – können operative Maßnahmen nicht länger ausschließlich „von oben“ getragen werden. Sie erfordern gerade im städtischen Kontext eine Zivilgesellschaft, die sich ihrer Risikolage bewusst ist und gleichzeitig über ein ganz praktisches Wissen im Fall des Eintretens eines Ereignisses verfügt.

Der größte Risikofaktor im Hochwasserfall bleibt menschliches Versagen – oftmals auf banalster Ebene. Der größte Feind von Risikobewusstsein ist dabei der Faktor Zeit. Nicht nur sinkt unser Glaube an die Wahrscheinlichkeit eines Extremereignisses, je länger das letzte Hochwasser zurückliegt. Wir wissen oftmals auch nicht mehr, was zu tun ist und wer es tun soll. Zuständigkeiten sind unklar, Wartungen werden vergessen, Abläufe nicht für den Ernstfall geprobt.

Seitens der deutschen Versicherungen wurde das Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen (ZÜRS) entwickelt, um für eine Elementarversicherung einen Gebäudestandort entsprechend seines Überschwemmungsrisikos einschätzen zu können. Hierbei gibt es vier Gefährdungsklassen. Eine statistische Überschwemmungswahrscheinlichkeit seltener 200 Jahre trifft in Deutschland auf ca. 86 % der Gebäude zu. Nur etwa 3 % der Gebäude stehen in den Zonen GK3 und GK4 mit einem statistischen Überschwemmungsrisiko von zehn bis 50 Jahren beziehungsweise häufiger als zehn Jahren. Allerdings sind nicht alle Gebäude gegen Hochwasser versicherbar. Ist die Wahrscheinlichkeit einer regelmäßigen Überschwemmung gegeben, wie beispielsweise in den klassischen Überschwemmungsgebieten, wird Versicherungsschutz entweder gar nicht oder nur mit hohen Selbstbehalten angeboten. Gleichzeitig kann der Versicherungsschutz verwehrt werden, wenn für das entsprechende Gebäude keine ausreichenden Schutzvorkehrungen getroffen wurden. Auch hier ist individuelles Handeln gefordert.

Neben allen vorbeugenden und operativen Maßnahmen des Katastrophenmanagements für ein Extremereignis – von der vorbereiteten Evakuierung bis hin zu jemandem, der die Autos wegfährt und immer noch erkennen kann, wo die befahrbare Straße endet und der Fluss beginnt (was im Hochwasserfall aufgrund der hohen Trübung des Wassers oftmals bei geringen Wasserständen nicht mehr gegeben ist) – brauchen wir mehr. Neben der Mediation zwischen öffentlichen und privaten Akteuren bedarf es nicht nur einer Regelmäßigkeit von Hochwasserereignissen um Bewusstsein zu kreieren, sondern auch einer räumlichen Lesbarkeit: Durch eine Einbindung des architektonischen Potenzials variierender Wasserstände in bauliche Entwicklungen in überschwemmungsgefährdeten Gebieten lassen sich neue urbane Typologien entwickeln, die eine häufigere Überschwemmung zulassen und somit nicht nur das Schadenspotenzial minimieren sondern auch dem typische Vergessen der Gefahr entgegenwirken. Nur so kann ein Bewusstsein und somit eine amphibische Gesellschaft entstehen, die sich zu schützen weiß und gleichzeitig über das erforderliche Wissen verfügt für den Fall, dass sie sich nicht schützen kann.
Cornelia Redeker
arbeitet als Architektin und Stadtplanerin in München

Copyright: Goethe-Institut e. V. 2010

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