Kopenhagen 2009

Klimaschutz ohne Kulturwandel? – Ein Gespräch mit Udo E. Simonis über das Debakel von Kopenhagen

Udo E. Simonis; © SimonisUdo E. Simonis; © SimonisGemessen an den in sie gesetzten Erwartungen muss man die Klimakonferenz von Kopenhagen wohl als auf der ganzen Linie gescheitert betrachten. Wie geht’s nun weiter? Ein Gespräch mit Udo E. Simonis.

Herr Professor Simonis, Viele hatten sich vom Klimagipfel in Kopenhagen ein deutliches Signal der Staatengemeinschaft erhofft, mit dem immer wieder angekündigten Aufbruch in eine globale Kultur der Nachhaltigkeit endlich ernst zu machen. Herausgekommen ist etwas anderes. Man hat sich lediglich auf die Absichtserklärung verständigen können, den Temperaturanstieg auf durchschnittlich 2 Grad Celsius beschränken zu wollen. Belastbare Beschlüsse, mit welchen konkreten Maßnahmen man dieses Ziel zu erreichen gedenkt, wurden auf später vertagt. Sehen Sie angesichts dessen überhaupt noch Anlass zur Hoffnung?

Angesichts des Debakels von Kopenhagen, der so lange vorbereiteten Klimakonferenz, bei der die Akteure wie eine Schar aufgescheuchter Laienschauspieler wirkten, könnte sich in der Tat hoffnungslose Unzufriedenheit ausbreiten, ein Mehltau aus Apathie und Depression, ein Gefühl der Machtlosigkeit, weil die Politik selbst nicht mehr in der Lage zu sein scheint, gestalterisch tätig zu werden.

Es könnte aber auch sein, dass wir durch die Totalität des Scheiterns, durch diese enttäuschende Niederlage der Weltpolitik in eine vor-revolutionäre Situation neuer Art geraten sind. Wenn nämlich klar(er) wird, dass es von jetzt ab um hohe Kosten der Anpassung, um zunehmende internationale Konflikte, um territoriale und biologische Fortexistenz, ja sogar um Leben und Tod geht. Und Revolutionen bieten dann bekanntlich zweierlei: fundamentale Krise oder Eröffnung realer Chancen, totaler Kollaps oder Suche nach einem neuen Gleichgewicht.

Wachstumsinteressen besiegen das Streben nach Gerechtigkeit

Die Bundeskanzlerin warnt davor, die Ergebnisse von Kopenhagen kleinzureden. In der Finanzkrise habe sich gezeigt, dass die Weltgemeinschaft in Zeiten größter Not in der Lage sei, gemeinsam zu handeln. Ist die Klimakrise noch nicht groß genug?

Bei der Finanzkrise ging es primär um die kurzfristige Stabilität der Ökonomie und um die Sicherung weiteren nationalen Wirtschaftswachstums. Bei der Klimakrise geht es ganz wesentlich um die langfristige Stabilität der Ökologie und um internationale Gerechtigkeit bei der Verteilung der Anpassungserfordernisse.

Wachstumsinteressen haben historisch (fast) immer das Streben nach Gerechtigkeit besiegt, Wachstum war ein Ersatz für Gerechtigkeit. Doch wenn der Klimawandel als existentielles Stabilitäts- und Gerechtigkeitsproblem – und damit als Klimakatastrophe – begriffen wird, dann könnten die Grenzen des Wachstums verstärkt Beachtung finden, dann wird zumindest ein Ergrünen der globalen Wirtschaft – ein „Global Green New Deal“ – möglich.

Eine gängige These, mit der man die nur bescheidenen Fortschritte der globalen Umweltpolitik immer wieder zu erklären versucht besagt, die politischen Akteure würden durch „ökonomische Interessen“ ausgebremst. Heute weiß jedoch jeder durchschnittlich begabte Zeitungsleser, dass es zu einer wirksamen globalen Klimapolitik gerade im wohlverstandenen ökonomischen Eigeninteresse eines jeden Staates eigentlich keine Alternative gibt. Woher rührt diese Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln?

Der Philosoph Peter Sloterdijk sagt, die Menschen seien Zukunftsatheisten, sie glaubten nicht an das, was sie wissen. Ich sehe das Problem eher politisch. Da ist zunächst der Zeitfaktor: Der kurze Zeittakt der von ökonomischen Interessen geprägten Politik läuft den langfristigen klimapolitischen Problemlösungen zuwider. Zudem der Machtfaktor: Macht und Einfluss der auf fossilen Energieträgern basierenden Wirtschaft sind weiterhin ungleich höher als Macht und Einfluss der Erneuerbaren Energien. Und da der Klimawandel ganz wesentlich auf den Emissionen der Fossilen beruht, muss deren Dominanz beendet, das fossile Zeitalter überwunden werden. Dann ist da aber auch noch die institutionelle Frage: Es gibt keine hinreichende Parität der ökologischen und der ökonomischen Interessen – nicht in Deutschland, nicht in Europa und schon gar nicht auf der globalen Ebene.

Es mangelt an Global Governance

Statt auf die Politik setzen Sozialwissenschaftler ihre Hoffnung zunehmend auf einen Kulturwandel von unten. Was darf man aus Ihrer Sicht von einem solchen ökologischen Strukturwandel der Gesellschaft erwarten?

Ich finde, es mangelt vor allem an Global Governance. Dass der Einzelne das Klima retten kann, wenn die Staatengemeinschaft es nicht schafft, ist zunächst eher unwahrscheinlich. Und dass ein durchgreifender ökologischer Strukturwandel der Gesellschaft schon begonnen hat, darf angesichts überquellender Mülltonnen in Straßen und Hinterhöfen einerseits und sichtbarer Armut andererseits ebenfalls bezweifelt werden.

Es gibt allerdings einen ökologisch sehr engagierten Teil der Zivilgesellschaft, der zunehmend international vernetzt ist. Und dieses „Globale Dorf“, das da im Internet zusammenwächst – die digitale Graswurzelvernetzung – könnte bewirken, was die große Politik bisher nicht leistet. Doch in diesem „Dorf“ müssten die anderen Akteure erst noch heimisch werden, nicht nur die Umweltverbände, auch die Kommunen, die Wirtschaft, die Gewerkschaften, der Großteil der Gesellschaft – und so zu Rettungskräften werden, natur- und klimaverträglich zu leben und eine Kultur der Nachhaltigkeit zu entwickeln.

Udo E. Simonis ist Professor em. für Umweltpolitikforschung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und seit 1991 Mitherausgeber des Jahrbuchs Ökologie. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse gilt der internationalen Umweltpolitik.

Andreas Vierecke
stellte die Fragen. Er ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke und Chefredakteur der Zeitschrift für Politik.

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Januar 2010

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