Paris 2015

UN-Klimakonferenz 2015 – „Man kann unmöglich zwischen politischen Flüchtlingen und Klimaflüchtlingen unterscheiden“

Im Rahmen der 21. UN-Klimakonferenz erforscht die Ausstellung EXIT im Palais de Tokyo mithilfe von spektakulären Animationen verschiedene Aspekte weltweiter Migration | Foto (Ausschnitt): E. Elias

Heutzutage kommen zu politischen Flüchtlingen auch Klimaflüchtlinge hinzu. Mit der 21. UN-Klimakonferenz stellt sich unseren führenden Politikern eine neue Frage: Sind diese beiden Begriffe vielleicht doch nicht so verschieden, sondern vielmehr untrennbar miteinander verbunden?

Es geht um eine alte Frau, die wegen Überschwemmungen in ihrer Heimat Bangladesch neunmal umziehen muss. Jedes Mal zieht sie ein bisschen weiter. Jedes Mal holt das Wasser sie ein. Und dann erzählt der französische Außenminister Laurent Fabius ihre Geschichte plötzlich vor 150 Staatschefs, die sich zur Eröffnung der 21. UN-Klimakonferenz in Le Bourget versammelt haben.

Der Klimawandel hat schon Millionen aus ihrem Zuhause vertrieben. Sie leben auf verschiedenen Kontinenten, aber ihre Schicksale sind oft ähnlich: eine Naturkatastrophe, wegfallende Einnahmen, dann Umzüge in die nähere Umgebung, um einer feindlich gewordenen Umwelt zu entkommen. Selbst wenn ihre Heimat zerstört wird, ist es ziemlich selten, dass schwache Bevölkerungsschichten es schaffen, sie zu verlassen …

Klimatisch, also politisch

Der Belgier François Gemenne, Spezialist für Migrationsströme, konnte beobachten, wie sein Forschungsthema immer mehr zu einem ernsten politischen Problem wurde. Er selbst begann sich Anfang der 2000er-Jahre für die Frage der Klimaflüchtlinge zu interessieren, als er Praktikant bei der UNO war und zufällig mit dem Botschafter von Tuvalu in einem Aufzug stecken blieb. Der Botschafter erzählte ihm von seinem polynesischen Archipel, der unter dem steigenden Meeresspiegel zu versinken droht. François Gemenne war fasziniert; das Thema ließ ihn nicht mehr los, er schrieb darüber seine Doktorarbeit.

Damals wirkte der Klimawandel fast wie Science-Fiction. Man sprach davon nur wie von einer fernen, höchst abstrakten Bedrohung. Doch seit 2004 haben ein Tsunami und mehrere Unwetter die Lage geändert und zehntausende Menschen zur Flucht getrieben. „Allmählich hat sich die Diskussion über klimabedingte Migration weiterentwickelt“, bemerkt François Gemenne mit Nachdruck. „Sie hatte lange Zeit einen dramatischen, ja sogar apokalyptischen Charakter. Dann begann man, Migration anders zu sehen, als eine bewusste Anpassungsstrategie bestimmter Bevölkerungen. In den letzten zwei Jahren ist endlich eine Reihe kritischerer Studien erscheinen: Sind wir womöglich dabei, die Ursachen der Migration zu entpolitisieren?“

Verpixelte Flüchtlinge

Über die Welt zieht ein Schwarm winziger grüner Punkte. Unendlich viele Pixel, die pausenlos dieselbe Karte neu formen, im Fluss der Völkerwanderungen. Die Besucher der Ausstellung EXIT im Palais de Tokyo sitzen im Dunkeln im Schneidersitz direkt auf dem Fußboden. Um sie herum zeigt ein Video auf einem 360°-Bildschirm die Flüchtlingsströme und den Anstieg des Meeresspiegels.


Trailer der Ausstellung EXIT im Palais de Tokyo

„In Wirklichkeit kann man unmöglich zwischen politischen Flüchtlingen und Klimaflüchtlingen unterscheiden. Deshalb ist es so wichtig, über eine globale Herangehensweise nachzudenken!“, betont François Gemenne, der auch wissenschaftlicher Berater der Installation ist. „In Zukunft werden immer mehr Konflikte mit der Umwelt zusammenhängen, weil alles von den Ressourcen abhängig ist. Zugespitzt könnte man sagen, dass alle Konflikte, sogar der Syrien-Konflikt, Umwelt-Konflikte sind!“, provoziert der Forscher bewusst. Er scheint keine allzu großen Hoffnungen auf die Ergebnisse der Klimakonferenz zu setzen.

Ein Status für Klimaflüchtlinge?

Wüstenbildung, Zerstörung des Waldes, Anstieg der Ozeane: Das Phänomen der klimabedingten Migration fängt gerade erst an. Wenn Staatschefs mit dem Problem konfrontiert sind, versuchen sie noch ziemlich oft auszuweichen. Aber wie kann man den Flüchtlingen helfen, die es schon gibt, wenn selbst das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) sich weigert, sich mit der Frage zu befassen? Einige verlangen schon jetzt nach einem internationalen, rechtlichen Status als Klimaflüchtling, wie es ihn seit der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 für politische Flüchtlinge gibt.

Für François Gemenne ist das nur eine vermeintlich gute Idee: „Ein Status ist oft wirkungslos. Der Status des politischen Flüchtlings existiert, aber er verhindert nicht, dass Migranten massenhaft im Mittelmeer sterben. Das ist keine Patentlösung, das alles regelt!“

Aus Sicht des Wissenschaftlers, der auch an der Klimakonferenz teilnimmt, würde ein wirklicher Fortschritt darin bestehen, dass diejenigen, die wegen des Klimas auswandern wollen, dies tun können, und diejenigen, die bleiben wollen, dies ebenfalls tun können. Utopisch? „Nicht, wenn es uns gelingt, bilaterale, regionale oder internationale Abkommen auszuhandeln, wie sie schon zwischen Neuseeland und den pazifischen Inseln bestehen“, verteidigt sich François Gemenne. Selbst wenn die Frage bei bestimmten Veranstaltungen auf der Klimakonferenz angesprochen wird, gehört sie noch nicht zu den Prioritäten.

François Gemenne ist Politikwissenschaftler an der Universität Lüttich (CEDEM) und der Universität Versailles (CEARC), sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre de Recherches Internationales de Sciences Po.
Clémence de Blasi
ist freie Journalistin bei France 3, Le Quatre Heures und anderen französischen Medien. Sie hat an der École Supérieure de Journalisme in Lille studiert.

Übersetzung: Marion Herbert
Copyright: Goethe-Institut Frankreich
Dezember 2015

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