Paris 2015

Flateurville – Eine realistische Utopie im Herzen von Paris

Laurent Godard, Schöpfer von Flateurville | Foto: © Isabelle Foucrier

Anlässlich der Klimakonferenz ist das Dorf Flateurville im Rathaus des 4. Arrondissements von Paris zu Gast. Sehen wir uns einmal um in diesem Fundus der guten Ideen für eine bessere Welt.

Vor den Fenstern des Rathauses im 4. Arrondissement von Paris weht eine merkwürdige Flagge: Ein grünes Rechteck mit einem Quadrat und einem Kreis darauf. Hinter diesem ebenso diskreten wie geheimnisvollen Zeichen versteckt sich eine vielfältige, utopische Welt irgendwo zwischen Realität und Fiktion.

Das Stück Stoff ist die Fahne von Flateurville, einem realistisch-virtuellen Dorf, das sich auf verschiedene wirkliche, miteinander verbundene Orte auf der Welt erstreckt. Es ist ein vielgestaltiges Gebilde, das man weder sofort noch allein verstehen kann. Passenderweise ist das Werk so konzipiert, dass der Besucher unmittelbar ins Geschehen einbezogen wird.

Ein lang gehegter Traum

Fangen wir von vorne an. Der 47-jährige Laurent Godard ist zugleich Maler, Bildender Künstler, Videofilmer, Schauspieler, Schriftsteller, Märchenerzähler und … Zahnarzt! Aus seinen unkonventionellen Ideen ist vor gut fünfzehn Jahren dieses komplexe, fruchtbare Projekt hervorgegangen. Am Anfang steht der große Wunsch, die Geschichte einer Gemeinde und ihrer Einwohner zu erzählen. „In Flateurville herrscht eine korrupte, militaristische Macht, hier konzentriert sich das Elend der Welt“, erklärt Laurent Godard. Aber innerhalb der Gemeinschaft regt sich die Flateur’sche Revolution, vereint unter einem gemeinsamen Zeichen: dem Quadrat und dem Kreis. „Das Quadrat, das Strenge, steht für den Lebensraum, die Gesundheit, die Gerechtigkeit. Der Kreis, das Sanfte, symbolisiert den Geist, das künstlerische Schaffen, die Spiritualität.“ Darum herum entfaltet sich ein ganzes Szenario mit originellen Figuren und spannenden Abenteuern. Was auch der Ausgangspunkt für einen Roman oder Spielfilm hätte werden können, dient hier als Rahmen für ein wanderndes, fortlaufendes Kunstwerk: Flateurville besteht aus zahlreichen Orten auf der ganzen Welt, an denen echte Menschen wohnen. Das Dorf wird durch verschiedene Avatare („flateur’sche Orte“) an allen Ecken der Erde lebendig. Mal in Form von „Marcels Lagerhalle“ in der Rue des Petites Écuries in Paris, mal als „Susans Haus“ in der Bourgogne oder als „Fabrik“ für Flaggen mit Quadraten und Kreisen im marokkanischen Essaouira … Jedes Mal, wenn Laurent Godard einen neuen Ort bezieht, bringt er dort Zeichnungen, Installationen und Filme ein, die von der Geschichte und den aktuellen Entwicklungen in Flateurville erzählen.

Flateurville bei der Klimakonferenz in Paris

Dieses Jahr setzen sich die Abenteuer des Dorfs im Herzen von Paris fort. Bis zum 20. Dezember 2015 existiert Flateurville in einem „quadratisch runden“ Rathaus mit bürgernaher, künstlerischer, ökologischer und nachhaltiger Ausrichtung. Der realistische Teil sind die altmodischen Mauern des Rathauses im 4. Arrondissement von Paris, die hier als Kulisse für eine Ausstellung über zwei Etagen dienen. Der fiktionale Teil ist komplexer: Der Künstler hat einige Büroräume im Erdgeschoss in die imaginäre Wohnung von Francine Bouffier verwandelt. Sie ist seit 40 Jahren Hausmeisterin des Rathauses von Flateurville. Francine Bouffier wird von der Pressesprecherin der Ausstellung gespielt, einer langjährigen Freundin des Künstlers. Von der Hausmeisterloge über den Saal des Gemeinderats bis zu ihrem Schlafzimmer führt sie mit viel Humor durch ihr detailreiches, aber kohärentes Universum.

Auf dem Weg durch die Zimmer treffen wir Laurent Godard, dessen kleine Augen blitzen. Hinter seiner asymmetrischen Brille (das eine Glas ist quadratisch, das andere rund) wettert er gegen die 500 Millionen Waffen, die im Dorf zirkulieren. Er erzählt von „Susan“, von „Marcellin“, vom „kleinen Louis“, von „Mouss“. Er sagt, in Flateurville würden 95 Prozent der HNO-Krebsfälle von Fleur Bleue verursacht, einer besonders gefährlichen Droge, die das Dorf seit Jahrzehnten einnimmt. Er erklärt, wie Francine Bouffier den armen Bewohnern hilft, davon loszukommen. Und wie sie es schafft, ihnen mithilfe von Gebissen „zeitweilig das Lächeln zurückzugeben“. Laurent Godard spricht von Flateurville nicht wie ein Künstler von seinem Werk, er ist Flateurville, er lebt Flateurville, er nimmt einen mit nach Flateurville, ohne um Erlaubnis zu fragen. Er nutzt die Fiktion als letzte Garantie der Freiheit.

Während dieses Rundgangs „im Zeichen des Quadrats und des Kreises“ versteht man durch die Erläuterungen der Hausmeisterin, dass das Rathaus von Flateurville mehr als nur ein etwas verrücktes Projekt ist. Es ist ein „idealer Ort“, ein Forum für Lösungen, um den Lauf der Dinge positiv zu beeinflussen. Es geht um nicht weniger als die Rettung der Menschheit durch die Kunst. Laut Laurent Godard gibt es in Flateurville große und kleine Probleme: „Schnürsenkel, Migräne, das alles sind kleine Probleme. Aber Wasser zum Beispiel ist ein großes Problem.“ Als weitere Brücke zwischen Fiktion und Realität empfängt Flateurville am Donnerstag, den 10. Dezember 2015, die Vereinten Nationen. Einen Tag vor dem Ende der 21. UN-Klimakonferenz positioniert sich das Dorf wie eine realistische Utopie, indem es Afsané Bassir-Pour, die Leiterin des Regionalen Informationszentrums der Vereinten Nationen für Westeuropa, einlädt, die 17 kürzlich von der UNO verabschiedeten Ziele für nachhaltige Entwicklung vorzustellen.

Trotzdem geht Laurent Godard mit den führenden Politikern der Welt nicht gerade zimperlich um: „Da ist immer eine kleine Minderheit, die Unruhe stiftet. Sogar bei der Klimakonferenz gibt es unlautere Machenschaften. Aber wir sind die erste Generation mit Smartphones, und Eigeninitiative kann heute viel bewirken.“

Isabelle Foucrier
hat an der Université Sorbonne Nouvelle – Paris III deutsch-französischen Journalismus studiert. Sie arbeitet als Autorin und Dokumentarfilmemacherin fürs Fernsehen sowie für Web- und Printmedien, darunter ARTE, Euronews, Les Inrockuptibles und Rue89.

Übersetzung: Marion Herbert
Copyright: Goethe-Institut Frankreich
Dezember 2015

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