Klima und Kultur – Künste

Der Held und das Wetter – Literatur und Klimawandel

Cover von Frank Schätzings „Der Schwarm“; © S. Fischer Verlag
Symbolbild Klimawandel; © Colourbox


Wie stellen sich Schriftsteller etwas Unsichtbares und nicht Greifbares wie den Klimawandel vor, der global stattfindet und unser Leben möglicherweise erst in Zukunft beeinflussen wird? Deutsche Klimawandelromane nehmen sich seit der Jahrtausendwende zunehmend dieser Herausforderung an und hinterfragen kritisch die Rolle des Menschen in der Klimakrise.

Abstrakte Klimamodelle und wissenschaftliche Expertendiskurse prägen bislang unser Verständnis des Klimawandels. Als Akteure finden wir uns innerhalb dieser Szenarien meist nur schwer wieder. Ästhetische und kulturelle Deutungsformen, die persönliche und gesellschaftliche Auswirkungen einer klimatisch veränderten Zukunft aufzeigen, gewinnen erst in jüngster Zeit an Bedeutung.

Auch deutsche Autoren widmen sich seit einigen Jahren vermehrt diesem Thema. Der Klimawandel tritt in der gängigen deutschsprachigen Literatur der letzten Jahre als Hintergrundschauplatz für die eigentliche Handlung, als Ursache für eine größere Katastrophe, oder auch als wichtiges Thema für die einzelnen Charaktere in Erscheinung. Gemeinsam ist den unterschiedlichsten Klimaromanen eine ethische Dimension: Die Bücher hinterfragen, wie weit wir gehen können und dürfen im neuen, von menschlichen Aktivitäten geprägten Erdzeitalter des „Anthropozäns“ (Paul J. Crutzen). Dabei wird der Mensch ganz unterschiedlich stark verantwortlich gemacht.

Die Natur schlägt zurück

Cover von Frank Schätzings „Der Schwarm“; © S. Fischer VerlagFrank Schätzings Der Schwarm (2004) ist der wohl bekannteste deutsche Ökothriller, der sich unter anderem auch der Klimawandelthematik widmet. Das Buch beschreibt die Bestrafung der Menschheit für ihre Vergehen an der Umwelt und insbesondere die Zerstörung der Ozeane. Die Natur schlägt mit Tsunamis, Untersee-Erdrutschen und aggressiven Attacken diverser Meerestiere zurück – ausgelöst durch die Yrr, eine intelligente einzellige maritime Lebensform.

Für die Protagonisten in Der Schwarm scheint es zunächst keinen Weg zu geben, die Yrr von der Auslöschung der gesamten Menschheit abzuhalten. Doch schließlich gelingt es ihnen, mit den Yrr zu kommunizieren. Nachdem die Protagonisten versprechen, in Zukunft im Einklang mit der Natur zu leben, kann das Schlimmste verhindert werden. In diesem Sinn spiegelt Schätzings Buch in Ansätzen die sogenannte Gaia-These des britischen Wissenschaftlers James Lovelocks wider, in der die Erde als ein selbst-organisiertes dynamisches System verstanden wird, das im Sinne des Selbsterhalts und der eigenen Balance auch gegen die Menschen agieren kann und wird. Der Thriller endet aber mit der Hoffnung, dass die Menschheit doch noch zu einem Umdenken bewegt werden kann.

Zentralmotiv „Verschwörung“

Cover von Nele Neuhaus’ „Wer Wind sät“; © Ullstein VerlagDie „Verschwörung“ ist ein prägendes Motiv in der Klimawandelliteratur. Ein prominentes Beispiel aus dem englischsprachigen Raum ist Michael Crichtons Welt in Angst (2004), das den Klimawandel als einen von Umweltaktivisten erfundenen Betrug darstellt und die Menschheit somit von ihrer Schuld freispricht. Aber auch deutsche Klimawandelbücher wie Nele Neuhaus’ Wer Wind sät (2011) oder Sven Böttchers Thriller Prophezeiung (2011) greifen das Motiv der Verschwörung auf.

Neuhaus’ Krimi ignoriert die Ernsthaftigkeit des Klimawandels und beschränkt sich darauf, die Profitgier des Markts für Erneuerbare Energien zu kritisieren.

Cover von Sven Böttchers „Prophezeiung“; © Kiepenheuer & Witsch VerlagAuch in Böttchers Thriller geht es um die finanziellen Aspekte des Klimawandels. Im Roman wittert der Leiter eines großen Klimainstituts und Großinvestor eines Windparks eine Chance, um seinen größten Konkurrenten, einen Photovoltaik-Produzenten in China, auszuschalten. Mithilfe einer exakten Computerprognose will er beweisen, dass Millionen von Menschen aufgrund des Klimawandels sterben werden. China soll dabei als größtem CO2-Verursacher die Schuld zugesprochen werden. Jedoch treten die vorhergesagten dramatischen Wetterereignisse nicht ein.

Etwas nuancierter als Neuhaus’ Buch beleuchtet Böttchers Klimathriller die Klimaforschung kritisch. Er zeigt auf, dass die Menschen zwar Verursacher des Klimawandels sind, aber nicht pauschal verurteilt werden dürfen.

Elegie

Cover von von Ilija Trojanows „Eis Tau“; © Hanser VerlagIm Klimawandelroman Eis Tau (2011) von Ilija Trojanow wird die Menschheit ganz explizit für den Klimawandel verantwortlich gemacht. Diesmal ist der Ankläger jedoch einer von ihnen: Zeno Hintermeier, Protagonist des Romans, ist der Überzeugung, dass die Menschheit alles vernichten würde, „was sich auf die Seite der Natur stellt”. Als Glaziologe und Expeditionsleiter auf Kreuzfahrten in der Antarktis wird er zum Kronzeugen der Umweltzerstörung, die mit dem touristisch genutzten Fortschritt einhergeht: Die Antarktis, einst einsamer Kontinent der Entdecker und Mutigen, kann auf einmal mit Hilfe moderner Schiffahrtstechnik sogar von Rentnern „erobert“ werden.

In Eis Tau dient Zenos elegisches Trauern über das Schmelzen der Pole nicht nur dazu, der „unbequemen Wahrheit“ stärkeren Ausdruck zu verleihen: Es bildet den Ausgangspunkt einer allgemeiner gefassten Kritik an der menschlichen Ignoranz gegenüber dem Klimawandel, deren zerstörerische Kraft insbesondere von den Touristen an Bord des Kreuzfahrtschiffs verkörpert wird. Zeno verurteilt dies durch einen Akt der Selbstjustiz: Er stürzt sich von Bord und überlässt somit die Touristen ihrem Schicksal.

Aufruf zum Handeln

Dirk C. Flecks Sciencefictionroman Maeva! (2011) ist Teil eines größeren politischen Projekts der Equilibrismus-Bewegung, die im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts nach Auswegen aus der ökologischen und ökonomischen Krise sucht. Ähnlich wie Trojanows Eis Tau setzt Flecks Buch dabei voraus, dass die Menschheit schuldig an den zukünftigen Naturkatastrophen ist. Es beschreibt, wie bereits im Jahr 2028 extreme Wetterereignisse, Dürren und Ressourcenkonflikte das Weltgeschehen bestimmen.

Cover von Dirk C. Flecks “Maeva!”; © GreifenverlagAls Reaktion auf die anhaltenden „Tortillakämpfe in Mexiko“ oder „Pasta-Demonstrationen in Italien“ haben viele industrialisierte Staaten ihre militärische Präsenz erhöht. Vor diesem Hintergrund begibt sich Maeva, die tahitianische Präsidentin, auf eine Reise um die Welt, die auf einen Paradigmenwechsel abzielt. Maeva kämpft für eine ökologische Strukturneugestaltung in allen Lebensbereichen, für den Wechsel zu einer natürlichen Kreislaufwirtschaft, für nachhaltige Geld- und Bodenordnung und Weltbürgertum.

Dirc C. Fleck ist damit einer der wenigen deutschen Autoren, der konkrete Änderungsvorschläge gegen die bevorstehenden Klimakrise liefert. Er zeigt Wege für die Menschheit auf, ihrer „Verurteilung“ zu entgehen. Allerdings müssen sie, wie das Buch auffordert, jetzt anfangen zu handeln.

Antonia Mehnert
ist Doktorandin am Rachel Carson Center in München und forscht zu amerikanischen Klimawandelromanen.

Gregers Andersen
ist Doktorand der Komparatistik an der Universität in Kopenhagen und forscht zu Klimawandel in Film und Literatur.

Der Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation am Carson Center in München.

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November 2013

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Das Goethe-Institut und die Stiftung Futurzwei sammeln Geschichten für morgen – schon heute, von überall.

EnergieWendeKunst


KünsterInnen machen bei EnergieWendeKunst ihre Ideen zum Klimawandel ästhetisch erfahrbar. Der Katalog erscheint im November 2015.

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GLOBAL IDEAS zeigt Menschen und Projekte, die gegen die globale Klimaerwärmung mobil machen. Reportagen aus allen Teilen der Welt.

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