Klima und Kultur – Künste

Auf in neue Welten?

Ausschnitt aus dem Poster zu dem Film „Avatar“; © 20th Century FoxAusschnitt aus dem Poster zu dem Film „Avatar“; © 20th Century FoxIndianische Mythen vom Weltuntergang und alternative Lebensmodelle haben Konjunktur – auch im neuen Autorenkino Hollywoods. Doch was ist ihre Botschaft und was haben eigentlich die Indianer damit zu tun?

In seinem Hollywood-Drama 2012 (2009) hat der deutsche Regisseur Roland Emmerich die Welt wieder einmal untergehen lassen. Bereits Independence Day und The Day After Tomorrow wurden zu Kassenschlagern. Mit 2012 hat er sich nun zum Science-Fiction-Weltzerstörer Nummer 1 heraufgearbeitet. Nach eigener Aussage soll der Film sein letztes „Disaster“ sein, mit Effekten, wie man sie bisher noch nicht gesehen hat.

In 2012 stellen Wissenschaftler eine ungewöhnlich starke Sonneneinstrahlung auf den Erdkern fest, der sich übermäßig erhitzt und die Erdkruste zum Schmelzen bringt, was wiederum zur Verschiebung der tektonischen Platten führt und die Erdkruste auseinanderbrechen lässt: Megatsunamis, Vulkanausbrüche, Meteoritenregen und Erdbeben sind die Folgen. Ein visuelles Delirium an einstürzenden Wolkenkratzern, aufbrechenden Erdspalten und alles überspülenden Flutwellen jagt den Helden – der als Retter seiner geschiedenen Familie über sich selbst hinauswächst – quer über den Kontinent bis in den Himalaya. Doch auch dieser Ort des Friedens bleibt von der Katastrophe nicht verschont; das Unheil kündigt sich an durch das Zittern der Teetasse in der Hand des buddhistischen Mönchs.

Der Tag, an dem alles endet, steht uns Zuschauern noch bevor: Es ist die Wintersonnenwende, der 21. Dezember 2012. Ein magisches Datum, das im rituellen Kalender der alten Maya von symbolischer Bedeutung ist. Hier endet ihre Zeitrechnung. Und so beginnt der Film mit dem donnernden Akkord: „Die Mayas wussten davon […], die Bibel […], es ist das Ende der Welt, meine Freunde […].“

Was wird geschehen am 21. Dezember 2012? Werden die Mayagötter herabsteigen, wie es die Prophezeiung besagt? Wird die Welt untergehen? Oder wird ein neues, lichtvolles Zeitalter heraufdämmern?

Der indianisch-mythische Bezug am Anfang verleiht dem Hollywood-Schinken die Aura einer mythischen Botschaft, macht ihn zum Mysterium und ist wie Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker. Der Griff in die Mythen-Schatzkiste der Maya erweist sich für Emmerich als geniale Marketingstrategie – sorgt sie doch seither in Talkshows und Internetforen rund um den Globus für aufgeregte Diskussionen über die Präzision des Maya-Kalenders und die mögliche Kollision mit einem Planeten namens Nibiru. Die Aufregung hat sogar die US-Raumfahrtbehörde NASA zu einem öffentlichen Dementi auf ihrer Website veranlasst.

Indianische Prophezeiungen und Gegenwelten

Weltuntergänge sind in indianischen Kulturen nichts Besonderes. Sie ereignen sich ständig, da sie einem zyklischen Zeitbegriff entspringen, in dem Ende und Anfang ursächlich miteinander verbunden sind. Doch auch hier können die mythischen Bilder in Zeiten der Krise virulent werden und zu ängstlichen Reaktionen führen. Die Apapocúva-Guaraní-Indianer Brasiliens beispielsweise sahen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Zukunft sehr pessimistisch. Ihre Erzählungen vom Untergang sind von hoher poetischer Kraft. Tragischerweise wurden ihnen aber weder Weltenbrand noch Megafluten, sondern die Visionen ihrer Priester selbst zum Verhängnis, denen sie quer durch den Kontinent geradewegs ins Verderben folgten. Sie wurden aufgerieben und versklavt, der Rest in traurige Reservate verfrachtet.

Uraltes Wissen wird immer wieder gerne herangezogen, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind. In einer Welt, wo das Drohszenario des Untergangs mittlerweile zum alltäglichen memento mori gehört und in der sich unsere Wirtschaftsweisen als unzuverlässige Propheten erwiesen haben, sucht man nach Gegenentwürfen. Dabei erwerben schon untergegangene „Hochkulturen“ oder eben noch in „Einklang mit der Natur“ lebende „Naturkinder“ besondere Aufmerksamkeit.

Die Nachkommen der „Alten Maya“ dagegen, die auf der Halbinsel Yucatan ein eher bescheidenes Dasein fristen, erfahren keine Wertschätzung, denn ihre Lebensweise entspricht nicht mehr dem heroischen Ideal von Naturverbundenheit, das wir in sie hineinprojizieren. Die Nachfahren einer „untergegangenen“ Kultur werden eher zum Störfaktor. Ihre Wirklichkeit ist die der unfairen Weltmarktpreise für Kakao und Kaffee, des Traditionsverlusts und ausbeuterischer Arbeits- und Produktionsverhältnisse – und diese Wirklichkeit ist weder für Hollywood, noch für Esoteriker von größerer Bedeutung.

Eskapistische Gegenwelten

In Zeiten der Krise haben romantisch-eskapistische Bilderwelten Aufschwung. Ein realistisches Bild vom modernen indianischen Leben – wie es etwa Birdwatchers von Marco Bechis zeigt – passt nicht ins Schema. Hinter dem Rückbezug auf die vermeintlich geschichtslosen Indianer, die für das Authentische und das gute Leben stehen, steckt Zivilisationskritik mit dem Holzhammer: Zurück zum Wissen der alten Kulturen, zurück zu den „Naturvölkern“!

Der Kinohit Avatar – Aufbruch nach Pandora von James Cameron zeigt ihn deutlich, den Gegenentwurf zur verdorbenen, skrupellosen Welt, die gierig nach Rohstoffen sucht. Hier leben die Na´vi – die Zukunftsversion eines Naturvolks – im Einklang mit einer esoterisch-verwunschen dahinschwebenden Natur, die nur tödlich ist für Unwissende. Avatar ist die Vision einer neuen Welt, die 2012 nicht nur aufgrund der Spezial-Effekte den Rang abgelaufen hat. Das Ende der Welt war gestern – wir sind zurück in der Zukunft!

Doch was nützt das den Nachfahren jener „untergegangenen Kulturen“? Erst kürzlich bestätigte Davi Kopenawa Yanomami, bekannt als der Dalai Lama des Regenwalds, das Schicksal seines Volkes, das von Minenarbeitern heimgesucht wurde, gleiche demjenigen der Na´vi aus Hollywood. Es ist bedrückend, wenn die Botschaften bedrohter Völker den Umweg über eine entstellende romantisierende Hollywood-Darstellung nehmen müssen, um sich Gehör zu verschaffen. Sie haben von uns gelernt, doch werden wir jemals von ihnen lernen?

Ulrike Prinz
ist Redakteurin des Magazins „Humboldt“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010

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