Klima und Kultur – Künste

Die soziale Funktion der Kunst – heute

Ausschnitt aus Fred Dotts Foto der Kunstwerke Kein Anschuss ... von Douglas Gordon, 2010, und We Won't wait von Markus Shimizu.jpgSoziale Funktion der Kunst heute_pos1_Douglas Gordon, Kein Anschlus ..., 2010, und Markus Shimizu, We won't wait, 2010, Foto Fred Dott.jpgSchon bei den russischen Konstruktivisten gehörte die Forderung nach einer sozialen Funktion der Kunst zum radikalen ästhetischen Programm. Wie kann aber heute unter den Vorzeichen eines alles vereinnahmenden Kapitalismus eine soziale Funktion von Kunst aussehen?

Die Frage nach der sozialen Funktion der Kunst wird immer dann virulent, wenn die Gesellschaft und ihre Organisationssysteme sich in einer Krise befinden – auch wenn von der Kunst niemand erwartet, dass sie tatsächlich Lösungen für gesellschaftliche Fehlentwicklungen liefern könnte. Dafür sind andere „Betriebssysteme“ vorgesehen. Wie sehr nun die ökologische Frage und der Klimawandel künstlerisches Handeln beschäftigen, lässt sich in Museen und Galerien rund um den Globus besichtigen. Diese Ausstellungen reagieren auf eine Katastrophe vor Ort, stellen die Berichterstattung in Frage, geben der Natur wieder einen ästhetischen Wert oder überprüfen die Aktualität von utopischen Arbeiten der 1970er-Jahre. So weit, so gut. Aus der künstlerischen Praxis heraus kann also eine andere, eine ungewohnte Form der Sichtbarkeit hergestellt werden für ein Thema, das im Falle des Klimawandels in den Medien überwiegend in dramatischen Katastrophenbildern oder Datenkurven abgebildet wird.

In der Kunst können neue Rollenmodelle und Lebensstile propagiert werden. Was daraus werden kann? „Wichtig ist vor allem ein neues Bewusstsein für ein ‚umweltadäquateres‘ Leben, etwa im Sinne Bruno Latours Parlament der Dinge, vorzubereiten“, sagt der Kurator und Kritiker Raimar Stange. Alltagstauglich müssen die künstlerischen Entwürfe deshalb nicht gleich sein.

„Natur macht einsam“

Formen umweltbedingter Veränderungen sind schon lange Gegenstand der Kunst. Die Impressionisten malten hinter das Picknick im idyllischen Grün den schmutzigen Rauch der Fabrikschornsteine und Guy Debord, Situationist und radikaler Kapitalismuskritiker, griff den Zynismus der Gesellschaft in seinem Text La planète malade (Der kranke Planet) mit der überspitzten Zeile auf: „Umweltverschmutzung ist Mode“. Debord schreibt, die moderne Gesellschaft, die immer kränker, aber auch immer stärker würde, hätte sich die Welt „als Umgebung und Bühnenausstattung ihrer Krankheit“ erschaffen. Die Gesellschaft, die all die technischen Mittel besäße, um die Lebensgrundlagen umzugestalten, sei dieselbe, die sich der Mittel zur Kontrolle und prognostischen Berechnung entledige, um im voraus ermessen zu können, wohin ihre entfremdeten Produktionsweisen sie führten.

Man möchte Debord beipflichten: Diese Krankheit sind wir bis heute nicht los geworden. Darüber hat der Filmwissenschaftler Georg Seeßlen in seinem Artikel „Natur macht einsam“ nachgedacht. Von drei Kränkungen der Natur schreibt er. Debord konnte zu seiner Zeit erst zwei erfassen, die „Kränkung der Angeignung“ und die „Kränkung von Ausbeutung und Zerstörung“. Seeßlen kommt auf eine dritte: den Naturersatz dank Biotechnologie.

Der destruktive Modus des Kapitalismus

Wie verhält sich das künstlerische Handeln zur modischen Krankheit, also zum destruktiven Modus des Kapitalismus? Die Situationisten haben Kunst zwar nicht als „Lösung“ verstanden, aber doch als umfassenden Gegenentwurf zu den bestehenden gesellschaftlichen Ordnungen. Seitdem zeigen Künstler immer wieder die Dialektik von Hedonismus und Nachhaltigkeit auf.

Wenn von Klimawandel und Engagement gesprochen wird, dann ist meist das direkte politische Engagement gemeint: Kunst als Propaganda für eine Ideologie. Es ist aber schon engagiert, wenn Kunst die gebräuchlichen Bilder auf ihren Wirklichkeitsgehalt hin testet, ein Engagement für die Realität, was soviel heißt wie Kritik an der Ideologie. Das hat Max Frisch einmal über die Rolle der Literatur gesagt.

Ihr Publikum kann die Kunst mit unangenehmen Informationen konfrontieren, einen schwer greifbaren Komplex wie den Klimawandel zu einer ästhetischen Erfahrung machen, kurz: das gestörte gesellschaftliche Verhältnis zu Natur abbilden und die Dringlichkeit des Handelns anschaulich machen. Doch die Wirkung der Kunst auf die Gesellschaft ist schwer zu fassen. Warum ist es trotzdem relevant, eine gefühlt entfernte Katastrophe in Ausstellungen zu thematisieren?

„Climate Camp“ und „Plane Stupid“

Die künstlerischen Arbeiten zum Thema sind entsprechend unterschiedlich. Das bedeutet aber nicht, dass mehr soziale Kunst entsteht. Es gibt wenige Ansätze. Dazu gehören Künstler, die sich im Kollektiv mit Aktivisten zusammentun, was sie aber auch schon getan haben, bevor das Thema virulent war. Neue öffentliche Bilder entstehen am deutlichsten da, wo Kunst und Aktivismus zusammenfallen, wie an den Londoner Gruppen „Climate Camp“ und „Plane Stupid“ deutlich wird, die zu den Stilpionieren der neuen Protestästhetik gehören.

Dass Künstler, die sich zum Klimawandel äußern, soziale Situationen herstellen und manchmal wie die Avantgarde der 1920er-Jahre die Trennung von Kunst und Leben aufheben, das mag an den Verfeinerungen des Kapitalismus liegen. Vor allem aber muss das Format Ausstellung Kunstproduktion und Diskurs verschränken und Kunst nicht nur als beschaulichen Teil von Gesellschaft verstehen, sondern konstruktiv in gesellschaftliche Prozesse einbringen. Dazu müssen gelegentlich auch die institutionellen Räume verlassen werden.

Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin. Zum Thema Klimawandel kuratierte sie im Frühjahr 2008 zusammen mit Sophie Goltz, Christine Heidemann und Anne Kersten die Ausstellung „Katastrophenalarm“ (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin).

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August 2010

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