Klima und Kultur – Künste

Der Katastrophe Gesichter geben – „Schicksale des Klimawandels“

Gouro Modi mit seinem Sohn Dao aus Mali; © Braschler/FischerGouro Modi mit seinem Sohn Dao aus Mali; © Braschler/FischerAcht Monate lang bereisten die Schweizer Fotografen Mathias Braschler und Monika Fischer mit ihrer Großbildkamera 16 Länder auf der ganzen Welt und porträtierten Menschen, denen der Klimawandel die Lebensgrundlage entzogen hat. Entstanden ist ein einzigartiges künstlerisches Dokument über die Folgen der globalen Erwärmung. Goethe.de sprach mit Mathias Braschler über das Projekt.

Der Rahmen seiner Wohnzimmertür geht Avetik Nasarian gerade noch bis zu den Schultern. Mit seiner Frau und seiner Tochter scheint der Busfahrer aus dem sibirischen Jakutsk in einem Zwergenhaus zu wohnen. Tatächlich aber versinkt sein Heim allmählich in der Erde: weil der Permafrostboden unter seinen Füßen aufgrund der Erderwärmung kontinuierlich schmilzt.

„Es ist, als lebten wir in einem Boot“, beschreibt Avetk Nasarian in Schicksale des Klimawandels das schwankende Verschwinden seiner Existenz. „Im Sommer wird unser altes Haus vermutlich ganz zusammenbrechen“.

„Sehr, sehr surreal“

Avetik Nasarian mit seiner Familie; © Braschler/Fischer Eine unglaubliche Erfahrung nennt Mathias Braschler seinen Besuch bei Familie Nasarian: „In einem Haus herumzulaufen, wo man sich permanent bücken muss, alles zu tief ist und nichts mehr stimmt, das war schon sehr, sehr surreal“. 2009 ist Braschler mit seiner Frau Monika Fischer durch alle fünf Kontinente gereist, um die Folgen des Klimawandels mit den Mitteln der Porträtfotografie zu dokumentieren.

Über 50 Geschichten von Fischern und Farmern, Jägern und Schäfern, Bergführern und Opfern von Buschbränden oder Überschwemmungen haben die Fotografen in ihren Bildern festgehalten: Auf ausgedörrten Böden oder vor Ruinen, vor geschmolzenen Gletschern oder inmitten überfluteter Landschaften stehen die Opfer, und wirken durch die nach oben gerichtete Kamera und die frontale Aufnahmeperspektive doch jederzeit selbstbewusst.

Im Buch sind jedem Porträt O-Töne der Porträtierten zur Seite gestellt. Gerade in diesem Zusammenspiel von Text und Bild erweist sich der Band als eindrucksvolles Dokument des globalen Klimawandels, dessen Entstehung und Anspruch Mathias Braschler gegenüber Goethe.de im Gespräch erläutert.

Vor Ort ein Bild gemacht

Herr Braschler, wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem Projekt gekommen?

Die Idee entstand noch im Zuge unseres vorherigen Projekts, für das wir 30.000 Kilometer durch China gereist sind, um Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten und Regionen zu porträtieren. Dabei wurde uns sehr drastisch vor Augen geführt, welch radikale Folgen die Umweltverschmutzung hat. Das wollten wir mit einer globalen Fotoserie auf die ganze Welt ausweiten.

Mathias Braschler und Monika Fischer; © Braschler/Fischer

Wie haben Sie die Betroffenen gefunden?

Um Orte zu lokalisieren, in denen sich die Folgen des Klimawandels besonders stark ablesen lassen, haben wir mit Forschern und Experten von Nichtregierungsorganisationen zusammengearbeitet. Vor Ort haben wir uns dann erst einmal selbst ein Bild der Situation gemacht. Die porträtierten Menschen haben wir dann recht spontan getroffen.

Dankbarkeit und Ignoranz

Wie groß war die Bereitschaft zum Mitmachen?

China: Yang Gengbao und seine Frau Huang Lianfeng; © Braschler/FischerGrundsätzlich sehr groß – gerade in den besonders stark betroffenen Randregionen wie der Sahel-Zone oder im Südpazifik. Dort waren die Leute froh, dass sich einmal jemand für sie interessiert und sie ernst nimmt.

Da war es teils sogar schwieriger, die allzu hohen Erwartungen zu dämpfen und darauf hinzuweisen, dass unsere Möglichkeiten zur Hilfe sehr begrenzt sind.

Gab es auch Widerstand?

Ja, zum Beispiel in Südspanien, das mit Hitzeperioden und ungewöhnlichen Starkniederschlägen wissenschaftlich belegt unter den Folgen des Klimawandels leidet. Hier wurden wir angefeindet und von Lokalpolitikern als Spinner abgetan.

Das ist uns auch in den USA passiert, wo das Thema politisch umstritten ist. Dort haben wir sogar Menschen getroffen, die den Zusammenhang ihrer Notlage mit dem Klimawandel geleugnet haben.

Den Menschen ihre Würde lassen

Welches Schicksal hat Sie besonders beeindruckt?

„Tiger-Witwe” Hosnaara Khatun mit ihrem einjährigen Sohn Chassan; © Braschler/FischerVielleicht das von Hasnaara Kathun von der Insel Gabura im Süden von Bangladesch, deren Mann sieben Tage vor unserer Aufnahme von einem Tiger getötet worden war.

Weil es auf Gabura wegen der Überschwemmungen der Felder mit Salzwasser immer schwerer ist, Reis anzubauen, war er in den benachbarten Sundarban-Nationalpark gegangen, um Essen für seine Familie zu suchen, und wurde wie viele andere Nahrungssucher vor ihm von einem Tiger getötet.

Das Schicksal dieser „Tiger Widow“ ist ein gutes Beispiel für die indirekten Folgen des Klimawandels – Folgen, an die man normalerweise gar nicht denkt.

Sie fotografieren die Menschen immer frontal und leicht von unten – warum?

Wir wollen den Menschen auch in ihrer Existenznot ihre Würde lassen. In der Fotografie herrscht ja die Tendenz vor, von Katastrophen heimgesuchte Menschen von oben zu zeigen und dadurch noch schwächer aussehen zu lassen. Wir haben aber einen anderen Ansatz.

Ein fotografischer Trojaner

Ihre Bildsprache ist ja stark von ästhetischen Kriterien geprägt. Was kann die Kunstfotografie, was die Dokumentarfotografie nicht kann?

Cover von „Schicksale des Klimawandels“; © Hatje Cantz Verlag  Ich glaube, dass es heute eine gewisse Übersättigung an harten, dokumentarischen Bildern zum Klimawandel gibt. Da schaut der Betrachter tendenziell nicht mehr richtig hin. Vielleicht können wir durch unsere ruhigen Bildserien da wieder etwas sensibilisieren.

Unsere Art zu fotografieren gefällt den Leuten meist. Es zieht sie an und bringt sie dazu, das Bild länger zu betrachten – und sich auf diese Weise mit dem gezeigten Schicksal auseinanderzusetzen. Wir machen also eine Art fotografischer Trojaner, der Bewusstsein quasi durch die Hintertür wecken soll.

Dabei waren die Stellungnahmen der Betroffenen von Anfang an zentral. Schöne Fotografie ist gut und wichtig, reicht aber nicht.

„Ein magischer Moment“

Juliana Pacco Pacco; © Braschler/FischerHaben Sie ein „Lieblingsbild“?

Ein Bild, das uns besonders am Herzen liegt, ist das von Juliana Pacco Pacco: die Frau mit dem Lama, die 4.500 Meter hoch in den Anden lebt, nur Ketschua spricht und uns Fremde mit völliger Natürlichkeit empfangen hat.

Die hat uns gesagt: Ich habe noch nie etwas vom Klimawandel gehört, ich kann nicht lesen oder schreiben, aber eines kann ich euch sagen: Hier oben stimmt etwas nicht mehr. Das war ein magischer Moment, als wir ihr Foto machten. Die Frau war einfach wunderbar.

Mathias Braschler und Monika Fischer: Schicksale des Klimawandels. Hatje Cantz Verlag 2011, 144 Seiten, 60 farbige Abbildungen, englischer Text, ISBN 978-3-7757-2806-5, 29,80 Euro. 
Thomas Köster
leitet ein Redaktionsbüro in Köln. Unter anderem schreibt er für die Fotografie-Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und für „frame“ der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2011

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Das Goethe-Institut und die Stiftung Futurzwei sammeln Geschichten für morgen – schon heute, von überall.

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KünsterInnen machen bei EnergieWendeKunst ihre Ideen zum Klimawandel ästhetisch erfahrbar. Der Katalog erscheint im November 2015.

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