Klima und Kultur – Künste

Kunst und Kühlturm. Jürgen Nefzger über sein Foto-Projekt „Fluffy Clouds“

Jürgen Nefzger: Beznau, Schweiz, 2004; © Jürgen NefzgerJürgen Nefzger; © Mathilde Roman

Seit 2003 zieht Jürgen Nefzger durch Europa, um mit der Großbildkamera Kernkraftwerke inmitten idyllischer Natur zu fotografieren. Goethe.de sprach mit dem Künstler: über menschliche Sorglosigkeit, das AKW als Vergnügungspark – und die subtile Romantik von Reaktoren.

Herr Nefzger, auf einem Ihrer Fotos sitzt ein Ausflüglerpaar auf einer Aussichtsbank und schaut wie die Rückenfiguren bei Caspar David Friedrich in die Tiefe. Doch dort, wo man von der Bildkomposition her Idylle erwarten müsste, erhebt sich trotzig weiß ein AKW. Was ist romantisch an Reaktoren?

Die romantische Bildgestaltung ist ein Element, das ich öfters einsetze, um den Betrachter ins Foto hineinzuziehen. Hier hat sie aber noch einen anderen Grund.

Die Romantik ist ja aus dem Bewusstsein heraus erwachsen, dass es den direkten Bezug des Menschen zur Natur nicht mehr gibt. In den Naturdarstellungen der Zeit ist immer auch ein Fehlen: Vorder- und Hintergrund, die nicht mehr zusammenpassen. Diesen Betrachtungsfehler mache ich mir in den Bildern von Fluffy Clouds zunutze – nur, dass hier das Atomkraftwerk die Leerstelle der Landschaft besetzt.

Kaum German Angst

Was sagen Ihre Bilder über Atomkraft aus?

Über Atomkraft eigentlich wenig. In Fluffy Clouds geht es ja eher darum, wie wir uns zur Atomkraft verhalten. Wie gehen wir mit etwas um, das wir nicht sehen – und dessen mögliche Gefahren wir nicht sehen wollen?

Am Anfang des Projekts habe ich noch gedacht, auf Menschen zu treffen, die ihre Nähe zum AKW als Alptraum empfinden. Das war aber zu meiner Überraschung in ganz Europa kaum der Fall, auch in Deutschland – ganz anders als bei Endlagern – nicht. Keine Graffis, keine Protestschilder. Da war so gut wie nichts.

Diese Sorg- und Kritiklosigkeit findet sich in der „romantischen“ Bildgestaltung vieler meiner Fotos wieder: schöne Farben, schönes Licht. Das ist meine visuelle Antwort auf die Unbeschwertheit und Verdrängung, die ich vor Ort allenthalben erfahren habe.


Jürgen Nefzger: Atomkraftwerk Photographie - arte Metropolis vom 16.01.10

Hauptsache große Fische

Aber es sind nicht nur Anwohner, sondern auch Golfer, Badegäste oder Angler, die in der Nähe der Kraftwerke völlig sorglos ihrer Freizeitbeschäftigung nachgehen …

Vor allem Angler findet man ganz oft bei Kernkraftwerken: Weil dort das Wasser wärmer ist und die Fische größer werden. Auf einem Bild zeige ich einen Angler im Liegestuhl. Das ist kein Freak, sondern einer von vielen auf einem Campingplatz am Fluss – direkt gegenüber einem französischen AKW.

Jürgen Nefzger: Nogent-sur-Seine, France, 2003; © Jürgen Nefzger

Dieser Angler kam da für zehn Tage hin und hat mit einem Freund 24 Stunden im Schichtdienst durchgefischt. Da wird die Verblendung gegenüber der unsichtbaren atomaren Gefahr schon sehr offenbar.

Apropos unsichtbare Gefahr: Auf manchen Bildern sind keine Reaktoren zu sehen, sondern nur die Schäfchenwolken – die „fluffy clouds“ – der Kühlturme.

Genau: Da wird der konkrete, architektonisch greifbare Ort vertreten durch die eigentlich als schön empfundene Schäfchenwolke, die im Kontext der anderen Bilder plötzlich als imaginäre Bedrohung wirkt. Dass das auf dem Foto eine Wolke vom Kühlturm sein muss, weiß man ja nur, weil man in Fluffy Clouds zuvor so viele Atomkraftwerke gesehen hat.

Die unheimlichen Schläuche

Der Seriencharakter spielt bei „Fluffy Clouds“ also eine große Rolle?

Ja, je nach der Nationalität des Betrachters übrigens mehr oder weniger. Wenn ein deutscher Ausstellungsbesucher zum Beispiel mein Foto des Anglers im Liegestuhl ansieht, braucht er – gerade ein Jahr nach Fukushima – keine Verständnishilfe. Ein Franzose, der ja geschichtlich bedingt zumeist eine andere Haltung zur Atomkraft hat, versteht die bildimmanente Ironie vielleicht erst, wenn er die ganze Fotostrecke betrachtet hat.

Jürgen Nefzger: Gundremmingen, Deutschland, 2005; © Jürgen Nefzger

Darüber hinaus versuche ich durch die Dramaturgie der Bildabfolge den Betrachter langsam zu der Art, wie ich die Dinge sehe, hinzuführen: von den Idyllen am Anfang der Serie bis hin zu den kalten und bedrohlichen Fotos von Philippsburg und Grundremmingen mit ihren verrosteten Schranken und unheimlichen Schläuchen, die nichts Romantisches mehr haben.

Kühlturm und schiefe Lage

Inwieweit ist „Fluffy Clouds“ also ein politisch-didaktisches Projekt?

Politisch nur im Sinne Hannah Arendts: insofern, als Kunst teilnimmt an dem, was in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Ich mache ja keine politisch agitative Kunst, sonst müsste ich an Atomkraft ganz anders herangehen. Dafür ist mir das Subtile meiner Arbeit aber viel zu wichtig.

Atomenergie ist für mich stark symbolisch aufgeladen, eine Metapher für die Schieflage unserer Gesellschaft, unseres ökologischen Bewusstseins, unseres Umgangs mit der Zukunft. Unter dieser Perspektive finde ich Atomkraftwerke spannend.

Kathedralen des Energiezeitalters?

Der Maler Anselm Kiefer hat kürzlich angekündigt, das stillgelegte Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich kaufen zu wollen: für ihn ein quasi-mythologisches „Pantheon“ des Energiezeitalters. Können Sie das nachvollziehen?

Teilweise schon. Immerhin stehen Atomkraftwerke ja tatsächlich wie Kathedralen in der Landschaft. Das Überdimensionale dieser Architektur ist schon imposant, und für sich genommen ist ein Kühlturm erst einmal ein Objekt mit moderner radikaler Form. Aber wenn man wie ich so viele Atomkraftwerke in ganz Europa gesehen hat, relativiert sich das Spektakuläre schnell.

Jürgen Nefzger: Gundremmingen, Deutschland, 2005; © Jürgen Nefzger

Im Übrigen glaube ich, dass bei Kiefer vor allem auch Provokation mitschwingt. Was will er denn mit seinem Atomkraftwerk schon groß machen? Anwerfen kann er es ja nicht mehr.

Der AKW-Vergnügungspark

Eine Möglichkeit der Zweitnutzung sieht man auf Ihren Bildern vom „Schnellen Brüter“ in Kalkar, dessen Betonruine in den 1990er-Jahren in einen Vergnügungspark mit dem grotesken Namen „Kernwasser-Wunderland“ umgewandelt worden ist.

Er heißt inzwischen nur noch „Wunderland Kalkar“. Das ist ein ganz eigenartiger Ort mit einer ganz merkwürdigen Atmosphäre – eine der absurdesten Sachen, die ich je erlebt habe. Viele Leute denken ja, ich hätte da eine Fotomontage gemacht. Aber so wie auf dem Bild sieht es in Kalkar wirklich aus.

Jürgen Nefzger: Kalkar, Deutschland, 2005; © Jürgen Nefzger

Ich bin auf Ausstellungen von Fluffy Clouds sogar schon mehrmals gefragt worden, ob der „Schnelle Brüter“ noch in Betrieb sei. Dass es tatsächlich Leute gibt, die sich vorstellen können, dass man einen Freizeitpark auf einem laufenden Atomkraftwerk betreiben kann! Irgendwie hat die Wirklichkeit meine Bilder fast schon überholt.

Jürgen Nefzger: Fluffy Clouds. Hatje Cantz Verlag 2009, 144 Seiten, ISBN 978-3775725989, 35,00 Euro.
Thomas Köster
lebt als Kultur- und Wissenschaftsjournalist in Köln. Unter anderem schreibt er für die Fotografie-Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und für „frame” der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Future Perfect

Das Goethe-Institut und die Stiftung Futurzwei sammeln Geschichten für morgen – schon heute, von überall.

EnergieWendeKunst


KünsterInnen machen bei EnergieWendeKunst ihre Ideen zum Klimawandel ästhetisch erfahrbar. Der Katalog erscheint im November 2015.

Global Ideas

GLOBAL IDEAS zeigt Menschen und Projekte, die gegen die globale Klimaerwärmung mobil machen. Reportagen aus allen Teilen der Welt.

Gletschermusik

Wie klingt es, wenn Gletscher schmelzen? Ein Kunstprojekt und ein offener Wettbewerb für Multimediakünstler aus Zentralasien zum Problem der fortschreitenden Gletscherschmelze