Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

Was gibt es Neues bei goethe.de/klima?

Die RSS-Feeds von goethe.de/klima informieren Sie sofort.
RSS Magazin und Galerie

„Wir müssen unseren Garten bestellen“
Kulturelle Dimensionen globaler Umweltfragen

Der Wunsch nach einer sauberen Umwelt und weniger Emissionen mag angesichts des Kampfes um das nackte Überleben in vielen Teilen der Welt oft als Luxus erscheinen. In Wahrheit kommt jedoch niemand darum herum, über Umweltfragen nachzudenken. Die zukünftige Gestaltung des Lebens auf unserem Planeten ist nicht nur ein technischer und ökonomischer, sondern vor allem auch ein kultureller Prozess.

Die Sorge um die rasant fortschreitende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen führt auch zu einer kulturellen Suchbewegung. Sie beinhaltet die dringliche Suche nach einer Lebensweise, die einen schonenden Umgang mit global knappen, aber überlebenswichtigen Gütern wie Wasser, Nahrung und Luft zulässt. Das kommt einer kulturellen Revolution nahe, denn dazu müssen wir unseren Lebensstil – egal an welchem Ort wir uns befinden – radikal ändern.

Zu einer kulturellen Revolution würde zum Beispiel auch eine Abkehr von unserer auf Erdöl basierenden Energieerzeugung gehören. Wir bewegen uns auf einen Peak-Oil zu: Der Zeitpunkt, an dem das weltweite Ölfördermaximum erreicht ist, gilt einigen Studien zufolge schon als erreicht. Andere erwarten, dass dies in naher Zukunft erfolgt. Momentan hängen die globalen Industriesysteme vom Erdöl ab. 95% aller industriell gefertigten Produkte sind daraus gemacht – Treib- und Schmierstoffe, Kunststoffe, Pharmazeutika, Farbstoffe oder Textilien. Es ist Grundvoraussetzung für den Transport großer Warenmengen über lange Strecken. Ölgetriebene Containerschiffe, Lastkraftwagen und Flugzeuge bilden neben der Informationstechnologie das Rückgrat der Globalisierung. Doch die Ölförder-Katastrophen zeigen, wie gefährlich die Methoden sind, mit denen das immer knapper werdende Gut gefördert wird. Die Ölbranche und unser unstillbarer Hunger nach Erdöl verursachen an vielen Orten der Welt Gewalt und Elend und fördern undemokratische und korrupte politische Systeme. Viele ölproduzierende Länder sind politisch problematisch, oftmals herrschen dort undemokratische Verhältnisse. In zahlreichen Studien wird im Kontext von Erdölreichtum auch vom ‚Rohstofffluch‘ gesprochen. Der Autor Ryszard Kapuściński nannte Öl deshalb einen Rohstoff, der das Denken vergifte, den Blick trübe, die Seele verderbe. Entlang von Öl-Pipelines ändert sich das Leben. Der nigerianische Autor Helon Habila beschreibt in seinem Roman Öl auf Wasser (2012), wie zerstörerisch die Macht des Öls wirkt. Wie ein Ausstieg aussehen kann, zeigt uns Ecuador: In seiner Verfassung gelten für alle Lebewesen gleiche Rechte, und die UN soll für das Nicht-Fördern der Erdölvorkommen des Landes zahlen, damit der weltweit wichtige Regenwald erhalten bleibt. Auf das post-fossile Zeitalter versuchen sich derzeit Industrie und Sicherheitspolitik einzustellen. Man fürchtet Rezession, Nahrungsmittelknappheit, politische Instabilität, Krieg – während an ‚grünen Technologien’ gearbeitet wird. Wird die Welt nach diesem „Tipping Point“ wieder kleiner, in der Landwirtschaft weniger ‚globalisiert’, entstehen neue globale Märkte für umweltfähige Produkte, Energie und Dienstleistungen? Und was bedeutet das für die Globalisierung von Kultur, die ja auch auf physischer Mobilität und ökonomischem Austausch beruht? Wie können wir überleben ohne eine Alltagskultur, die auf Öl gegründet ist?

Die Anerkennung des Anderen

Das Beispiel zeigt: Ohne das Mitdenken anderer Standpunkte wird es kein gemeinsames Überleben geben auf diesem Planeten. Die menschliche Existenz ist von jeher Gegenstand religiöser und philosophischer Reflexion. In den christlichen Religionen gibt es Ansätze, das Diktum „Wir sind nur Gast auf dieser Erde“ (Psalm 119.19) ernst zu nehmen. Die islamischen Quellen empfehlen einen ethischen Umgang mit der Schöpfung; muslimische Verbände fordern derzeit verstärkt zu konkretem Umwelthandeln auf.

Die Anerkennung des Anderen als Ort von Erfahrung ist für das ökologische Überleben zentral – auf ihr muss ein Weltbewusstsein fußen, das über den eigenen Tellerrand hinaus denkt. Gerade lokale kulturelle Traditionen und regionale Deutungen von Wirklichkeit gewinnen dabei zunehmend an Wichtigkeit. Mit dem Aussterben der Arten und der Monokultur des einheitlichen Saatgutes wird die Welt ärmer, und mit ihnen schwindet auch ein spezifisches Wissen um einen anderen Umgang mit der Natur. Ein solches neues Weltbewusstsein, das nicht an den Grenzen der eigenen Gesellschaft endet, wird derzeit kaum ausgelotet. Vorbilder gäbe es genug. Um nur ein paar europäische Beispiele zu nennen: Der Naturforscher Alexander von Humboldt kritisierte in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Dominanz des Menschen über die Natur; seine Idee des „Kosmos“ führte zur Vorstellung eines Weltganzen. Die ganzheitlichen Naturvorstellungen des Anthroposophen Rudolf Steiner oder des Künstlers Joseph Beuys werden derzeit wieder neu entdeckt. Einen kosmopolitischen Schritt in diese Richtung unternimmt auch die „Poetik der Beziehung“ des karibischen Philosophen und Literaten Edouard Glissant: Naturgewalten, vor allem die Inseln, das Meer und das Wasser, sind nicht nur zentrale Metaphern seines Denkens, er führt sie zu einer ‚Globalisierungstheorie’ zusammen, in der jeder Ort der Welt mit jedem anderen in Beziehung tritt.

Die Frage nach dem ‚Wir’ dieser Weltgesellschaft ist längst nicht beantwortet. Wer sind die Akteure und in welchen Machtkonstellationen bewegen sie sich in undemokratischen oder diktatorischen Regimes, wo es die im Westen viel beschworene ‚Zivilgesellschaft’ nicht gibt? Zu oft macht die Politik die Menschen zu Gefangenen des Jetzt. Die Dringlichkeit der zeitlichen Dimension bleibt abstrakt und liegt fern von Legislaturperioden oder Mehrjahresplänen der Politik. Ein Generationen umspannendes Denken fällt schwer. Unter enormem Zeitdruck stehen dabei nicht nur die klassischen Industrieländer, sondern auch Schwellen- und Entwicklungsländer. Wird es letzteren gelingen, die Phase einer ressourcenintensiven nachholenden Industrialisierung zu überspringen? Wie kann man die Fehler der westlichen Industrialisierung voraussehen und vermeiden? Die Zukunft scheint nicht mehr in Form einer nachholenden Entwicklung vorstellbar, sondern als Überspringen der Entwicklungsschritte, die sich als zerstörerisch erwiesen haben.

Falsche Trennung von Mensch und Natur

Hier schließt sich die Suche nach einer Ethik an, die sich auf alle Lebewesen erstreckt und die derzeit viele Menschen bewegt. Die Einteilung in Menschen, Tiere, Pflanzen und Artefakte, in handelnde Subjekte und passive Objekte, wie sie die Moderne einführte, steht heute erneut zur Debatte. Dabei geht es um die Rechte anderer Lebewesen, aber auch den Umgang mit Allgemeingütern wie Luft oder Wasser. Verantwortung zu übernehmen und eine moralische Verpflichtung den Lebewesen gegenüber zu entwickeln, die wir für stumm halten, ja die wir selbst zum Schweigen gebracht haben – das ist mit dem Philosophen Bruno Latour gesprochen dringlicher denn je. Jedes Ding und Wesen wird durch seine Beziehung zu den anderen Dingen und Wesen bestimmt, eben auch der Mensch, genauso wie ein Stein oder ein Baum. Nicht um eine Ausweitung der Moral auf neue Wesen geht es, sondern um die Abschaffung der Abgrenzungen zwischen Mensch und Tier, zwischen Lebendigem und Nicht-Lebendigem. Die vom Menschen abgesonderte Natur ist ein kulturelles Konstrukt der europäischen Denktradition.

Insofern lässt sich das westliche Konzept des Naturschutzes ebenso wenig auf alle Weltgegenden übertragen wie der Begriff der Umwelt. Denn auch dieser stellt den Menschen ins Zentrum. Der französische Philosoph Michel Serres forderte stattdessen bereits vor zwanzig Jahren, dass Gesellschaftsverträge durch Naturverträge ergänzt werden müssten. Eine nicht-parasitäre, sondern alliierte Beziehung zwischen Mensch und Natur sei die alles entscheidende Zukunftsaufgabe: „Die globale Geschichte tritt in die Natur ein und die globale Natur in die Geschichte“ (Serres). Luft, Wasser, Erde sind Allgemeingüter, die allen gehören – was bedeutet dies für ihren Schutz und unser Verständnis von Eigentum? Wie lässt sich der Regenwald in all seinen „überlebenswichtigen“ Funktionen für uns alle auf der Welt erhalten? Da wir es als Folge der fatalen Idee vom Eigentum und Besitz nur noch mit Restbeständen der Natur zu tun haben, die wir der Monokultur opfern, stellt sich auch die Frage der Besitz- und Machtverhältnisse neu. All dies sind Fragen, die weit über die ökologische hinausgehen und von größter kultureller Tragweite sind.

Eine solche Verbindung zwischen Natur und Kultur ist der Garten: Seit Jahrtausenden und in fast allen Weltkulturen haben sich Menschen ihr Glück als eine Gartenexistenz vorgestellt. Jahrtausende lang war die Fortsetzung des Lebens nach dem Tod im Paradiesgarten das höchste Bild des guten Lebens. Der – reale oder imaginäre – Garten galt als Zufluchtsort vor Hektik und Tumult. Die Vorstellung vom Garten kann in weiter Ferne liegen, wie Gilgameschs Garten der Götter oder Dantes Garten Eden auf dem Gipfel des Läuterungsberges. Sie kann aber auch ganz real sein, wie die Akademie Platons oder die Gartenschule Epikurs. Oder wie heutzutage mitten in den Städten – die Obdachlosengärten in New York oder die Prinzessinnengärten in Berlin – sie sind allesamt von Menschen gemachte Zufluchtsstätten. Anbauen, Einmachen, Züchten, Imkern – all das hat derzeit nicht nur in den europäischen Metropolen Konjunktur. In einer Zeit der Verantwortungs- und Sorglosigkeit ist mit dem Gärtnern auch die Sehnsucht nach dem Übernehmen von Sorge und Verantwortung aufgetaucht. Im Gegensatz zum Paradies, in dem alles von selbst wächst, müssen wir unseren Garten bestellen, kultivieren und mit Saatzeiten, Pflanzzeiten, Fruchtfolgen, Wachstumsperioden usw. eine zeitliche Dimension der Zukunft vor Augen haben. Ein von Menschen angelegter Garten entsteht in der Zeit und durch sie. Wenn Voltaire seinen berühmten Candide mit den Worten „Wir müssen unseren Garten bestellen“ beschließt, so ist das vor dem Hintergrund der Pest, der Kriege und Naturkatastrophen zu verstehen. Der Garten hat also eine politische Dimension: WIR müssen UNSEREN Garten bestellen – der Garten verkörpert die Welt, die wir miteinander teilen. Unser Garten ist kein Garten mit rein individuellen Interessen, in dem man nach eskapistischer Manier der Wirklichkeit entflieht. Er ist ein Stück Erde im sozialen Kollektiv.
Susanne Stemmler
war Programmleiterin am Haus der Kulturen der Welt in Berlin und hat zurzeit eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin inne.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
Juni 2013

Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolkulturzeitschriften@goethe.de

Links zum Thema

Wissenschaftsmagazin Zukunftswerkstatt

Thomas von Oesen
In der Sendereihe kommen zivilcouragierte Experten zu den drängendsten Zukunftsfragen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu Wort.

Dossier: Energie für die Zukunft

Wie wirtschaftlich und umwelt-
schonend sind Energien wie Sonne, Wasser, Wind, Erdwärme oder Biogas?

Eurozine

Themen-schwerpunkt zum Kräftemessen im Glashaus: Essays und Thesen über Ökologie und Politik