Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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Mensch und Wetter: Wolfgang Behringers Kulturgeschichte des Klimas

Cover des Buchs `Kulturgeschichte des Klimas´; Copyright: C.H. Beck VerlagCover des Buchs `Kulturgeschichte des Klimas´; Copyright: C.H. Beck VerlagWas macht den Mensch zum Menschen? „Das Wetter!“ sagt der Saarbrücker Historiker Wolfgang Behringer. Mit seiner überraschenden Kulturgeschichte des Klimas hat er einen innovativen Beitrag nicht zuletzt zur aktuellen Klimadebatte vorgelegt – und gezeigt, wie viel die Geisteswissenschaften zum einseitig ökologisch besetzten Thema zu sagen haben.

Mitte des 16. Jahrhunderts hat der grimmige Winter Menschen und Landschaft fest im Griff. Auf Pieter Brueghels um 1565 entstandenen Gemälde Die Heimkehr der Jäger kommen die Männer mit ihren Hunden und der spärlichen Beute auf dem Rücken in ein völlig verschneites Dorf zurück. Vor graueisigem Himmel ducken sich die gebrechlichen Häuser unter der überbordenden Last des Schnees. Die kahlen Bäume wirken wie tote, ins Weiß gerammte Pflöcke, die Berge sind zu spitzen Eisblöcken erstarrt. Selbst die Menschen, die auf den Seen Schlittschuh laufen, sind scheinbar nur mehr geduckte Schatten ihrer selbst.

Brueghels Heimkehr der Jäger markiert den ersten Höhepunkt eines neuen Zweiges der Landschaftsmalerei, der im 16. Jahrhundert erfunden wird: das Winterbild. Nicht von ungefähr ziert das Gemälde den Schutzumschlag von Wolfgang Behringers Kulturgeschichte des Klimas. Für den Professor für Frühe Neuzeit an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken nämlich zeigt es eindringlich, wie auch die Kunst auf den Temperatursturz und die Extremwinter der 1560er Jahre reagierte.

Scheiterhaufen und soziale Kälte

Schmelzendes Eis am Südpol; Copyright: Fotolia/VolkiDie Heimkehr der Jäger entstand während der Phase der so genannten Kleinen Eiszeit, die nach einer Wärmeperiode im Hochmittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein Frost und eisige Kälte nach Mitteleuropa brachte. Dieser Periode widmet die Kulturgeschichte des Klimas ihr Hauptaugenmerk. Wie Behringer anhand historischer Quellen wie Witterungstagebüchern oder astronomischen Kalendern schlüssig nachweist, sanken die Temperaturen im Zuge der globalen Abkühlung im Vergleich zu vorigen Jahrhunderten zeitweise um durchschnittlich mehr als zwei Grad. Die Wikinger verließen das einstmals blühende Grönland, die Siedlungen Islands und Norwegens verödeten. Themse, Rhein und Rhone waren zeitweise völlig zugefroren.

Die Kulturgeschichte des Klimas illustriert: Der Rückgang des Viehbestands, die schlechten Ernten und der damit verbundene Anstieg der Lebensmittelpreise zur Zeit der Kleinen Eiszeit hatten konkrete Auswirkungen auf die Entwicklung der Gesellschaft. Im Zuge einer theologischen „Sündenökonomie“ stieg die Anzahl der Bußpredigten rapide an, Hexenverbrennungen und Judenpogrome sollten den donnernden Zorn Gottes besänftigen. Aber das Feuer der Scheiterhaufen machte das grimmige Wetter nicht wärmer. „Flüsse stehen wie harter Stahl“ dichtete noch im 17. Jahrhundert der Barockprediger Johann Rist. Im Rahmen von Behringers Ausführungen bekommen derart zunächst rein apokalyptisch gedeutete Bilder plötzlich einen realen Hintergrund.

Kulturmeteorologische Vogelschau

Wolfgang Behringer; Copyright: Jens EwenÜber die Kleine Eiszeit hinaus zeigt Behringer aus kulturmeteorologischer Vogelschau, in welch eklatanter Weise in der Vergangenheit das Klima auf Evolution, auf Religion, Alltagsleben und Psyche des Menschen in allen Zeiten und an allen Orten Einfluss nahm. Durch das Wetter kam der Homo sapiens zu seinem Hirn, sagt Behringer. Durch den Klimawandel war er in der Lage, sich über die ganze Welt zu verstreuen – und sein Nomadendasein als Ackerbauer schließlich hinter sich zu lassen. Selbst die wetterwendische Geschichte vom Aufstieg und Fall großer Reiche, von sozialem Stillstand und revolutionärem Umbruch bekommt durch Behringers Perspektive eine ganz neue Facette. Da ist manches sicher allzu monokausal gedacht. Aber ein wichtiger Beitrag zum Verständnis historischer Entwicklungen ist diese Kulturgeschichte des Klimas allemal.

Alles Schnee von gestern?

Nichts am Wetter ist so beständig wie der Wandel, und Klimaerwärmung war seit jeher ein fruchtbarer Motor der Kultur. Diese Quintessenz ist die große Stärke von Behringers Buch – und zugleich sein größtes Manko. Denn als Folge seiner Erkenntnisse rät Behringer allzu salopp dazu, angesichts der hitzig geführten Debatte rund um die globale Erderwärmung kühlen Kopf zu bewahren. „Das große Wort vom ‚Klimaschutz’ verdeckt nur die Angst vor Veränderung“, lautet sein Credo. Allerdings verkennt der Autor in diesen eher schwächeren Passagen seines Buchs, dass der Klimawandel heute nach anerkannter Expertenmeinung anthropogenen Ursprungs ist und deshalb viel rasanter und unkontrollierter als in der Vergangenheit verläuft. In Behringers Beobachtungszeitraum wurde das Wetter noch von den Göttern – oder eben von Gott – gemacht. Heute macht das Klima nicht zuletzt der Mensch. Ob und wie dieser auf die hausgemachten Schwankungen reagieren kann, bleibt abzuwarten.

In einem aber hat Behringer unumwunden Recht: Darin nämlich, dass es in der öffentlichen Diskussion einen kreativeren Umgang mit dem Klimawandel geben muss. „Die Durchführung von Lösungen hängt von ihrer Vereinbarkeit mit kulturellen Vorstellungen und Zeittendenzen ab“, schreibt Behringer. „Um dies zu verstehen, brauchen wir außer einer reinen Klimageschichte auch eine Kulturgeschichte des Klimas.“ Solche Sätze zeigen, dass Behringers Buch keineswegs Schnee von gestern ist.

Der Geist des Klimawandels

Schiffswrack in der Wüste; Copyright: Fotolia/F. BoizotEigentlich ist Behringers Kulturgeschichte des Klimas gar keine Kulturgeschichte des Klimas. Eigentlich ist sie eine Klimageschichte unserer Kultur. Gerade deshalb aber bleibt zu hoffen, dass sich in Zukunft möglichst viele Geisteswissenschaftler aller Fachgebiete für das Thema erwärmen werden. Denn das weite Feld der Klimaforschung ist einfach zu komplex, zu spannend und zu wichtig, um es allein den Meteorologen, Geographen und Statistikern zu überlassen. „Kultur und Klima“ sollte fester Bestandteil des geisteswissenschaftlichen Diskurses sein. Mit seiner profunden Kulturgeschichte des Klimas hat Behringer hierfür die Basis geschaffen.

Wolfgang Behringer: Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit zur globalen Erwärmung. C.H. Beck Verlag 2007. 352 Seiten, 22,90 Euro. ISBN: 978-3406528668.

Thomas Köster
ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke. Zudem arbeitet er als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) und Lexikonberater in Köln.

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Dezember 2008

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