Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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„Es gibt einen Globus, aber mehrere kulturelle Klimawelten“

Professor Claus Leggewie; © Stiftung Mercator; Fotograf: Georg LukasProfessor Claus Leggewie; © Stiftung Mercator; Foto: Georg Lukas.jpgDer Klimawandel ist mehr als eine Frage für Experten. Die Folgen gehen alle an. Um den neuen Herausforderungen gewachsen zu sein, muss jeder sein bisheriges Verhalten und seinen Lebensstil ändern. Der Sozialwissenschaftler Claus Leggewie im Gespräch mit goethe.de.

„Culture matters“ heißt der Bestseller Ihrer Kollegen Lawrence E. Harrison (Harvard) und Francis Fukuyama (Johns Hopkins) zum wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandel in der Welt von heute. Welche Rolle, Professor Leggewie, spielt die Kultur Ihrer Auffassung nach speziell beim Klimawandel?

Eine sehr große und lange unterschätzte. Die erste Welt-Klimakonferenz hat 1979, also vor dreißig Jahren stattgefunden, über die Relevanz und die Folgen des Klimawandels weiß man schon länger Bescheid. Anscheinend reichen die naturwissenschaftliche Evidenz, die mittlerweile überwältigend ist, und das Angebot an klimaschonender Technologie nicht aus, um Politik und Gesellschaft zu Verhaltensänderungen zu veranlassen. Auch guter Wille und moralischer Zeigefinger haben da wenig ausgerichtet. Der fälligen Energie- und Klimawende stehen offenbar kulturelle Kodierungen der spätindustriellen Gesellschaften ebenso wie der Schwellenländer und Armutsregionen entgegen. Diese Kodierungen gehören genauso bedacht und erforscht, so dass sich die Klimaforschung mittlerweile auf nationaler wie europäischer und globaler Ebene transdisziplinär in Richtung Geistes- und Kulturwissenschaften geöffnet hat.

Welche Aufgabe schreiben Sie dabei den Kulturwissenschaften zu, im Unterschied zu den Naturwissenschaften?

Wir denken in zwei Richtungen: Erstens wird auch ein global identisches Phänomen wie der Klimawandel, das weltweit zu ähnlichen Folgen führt wie Meeresspiegelanstieg oder Bodenerosion, kulturell sehr unterschiedlich gedeutet – es gibt einen Globus, aber mehrere kulturelle Klimawelten. Zu dieser symbolischen Ebene kommt eine zweite, pragmatische: Auch die Verhaltens- und Reaktionsmuster von Gesellschaften und die darauf basierende Klima- und Umweltpolitik stehen nicht nur in sozio-ökonomischen, sondern auch in politisch-kulturellen Traditionen und Pfadabhängigkeiten, die globale Kooperation erschweren können. Darüber wissen wir bisher zu wenig beziehungsweise diese Zusammenhänge werden bei globalen Kooperationsnetzen und lokalen Aktionsprogrammen zu wenig berücksichtigt.

Wo liegen die Akzente Ihrer Arbeit, bearbeiten Sie die Fragen, die die Menschen im Bezug auf den Klimawandel haben?

Im Grunde müssen wir die vier Fragen beantworten helfen, die jetzt oft gestellt werden: Was kosten der Klimawandel und die darauf bezogenen Präventions- und Anpassungsmaßnahmen (und lassen sie sich im Rahmen der schwer angeschlagenen Marktordnung bearbeiten)? Wie sieht „nach Kyoto“ die Architektur einer effektiven und legitimen internationalen Kooperation aus (und machen die USA und China dabei mit)? Wie kommen Verbraucher in Gesellschaften verschiedener Entwicklungs-Niveaus „vom Wort zur Tat“, zu einer Kultur der Nachhaltigkeit? Wie klima- und nachhaltigkeitsfreundlich ist die liberale Demokratie, wie stehen Klima- und Demokratie-Reformen in autoritären Regimen zueinander?

Die „dritte industrielle Revolution“

Sie wollen die Öffentlichkeit aufklären. Wann ist ein Thema dafür relevant – wenn es die Gesellschaft aufregt, oder umgekehrt, wenn sie davon nichts wissen will?

Man muss vor allem dafür sorgen, dass das Thema Klimawandel über die medialen Zyklen und Nachrichtenwerte hinaus Beachtung findet. Wir sollten weder katastrophenbezogen alarmistisch sprechen noch das Thema hintanstellen, da nun alle über die Finanzkrise reden. Man darf jetzt nicht Wirtschaftspolitik statt Klimapolitik machen, die „dritte industrielle Revolution“ muss vielmehr als Energie- und Klimawende konzipiert sein.

Klimawandel ist, um Sie selbst zu zitieren, ein „globales Phänomen von ungewisser Art und unbestimmter Dauer“. Wie lässt sich ein derartiges Phänomen – böswillige Zungen sprechen von einem Phantom – überhaupt in ein kulturwissenschaftlich bearbeitbares Format bringen?

Die jeweiligen Fächer, die mit einem neuen und interessanten Phänomen konfrontiert sind, öffnen ihren Wissensfundus und Methodenschrank und stellen zugleich eine problemzentrierte Verknüpfung zu anderen Fächern her. Da nicht weniger als die Grundlagen unserer industriellen Kultur in Frage stehen, muss man praxisnah und anwendungsorientiert arbeiten und Wissenschaftsnetze weltweit knüpfen.

Denken Sie dabei an ein Musterbeispiel aus dem Themenkreis „KlimaKultur“ an Ihrem Institut?

Logo des KWI; © KWI.jpgWir haben aktuell Forschungsprojekte zur „Katastrophenerinnerung“ und zu „Shifting Baselines“. Die Frage, wie Katastrophen erinnert werden, ist von unmittelbar praktischer Bedeutung dafür, ob historische Erfahrungen zur Prävention und Milderung von Katastrophenfolgen genutzt werden können. „Shifting Baselines“, die Verschiebung der Grundlagen von Erfahrung und Wahrnehmung, stellen ein erhebliches Problem dar, wenn es darum geht, höheres Umweltbewusstsein und entsprechende Verhaltensänderungen fördern zu wollen. Denn in Ermangelung von Referenzpunkten nehmen die Betroffenen die negativen Folgen ihres Verhaltens gar nicht wahr.

Wie lassen sich derartige Forschungsprobleme aufarbeiten, traditionell durch kulturwissenschaftliche „Einzelkämpfer“ oder nur in transdisziplinären Teams?

Die Einzelkämpfer sind ebenso gefragt wie die großen Teams. Wer etwa den Dichter und Bergwerksingenieur Novalis (1772 – 1801) als präindustriellen Zeugen der Umweltzerstörung neu liest, kann das in Einsamkeit und Freiheit gut am Schreibtisch tun. Wer hingegen ein neues Konzept der Energieforschung ausarbeitet oder mit einem Policy Paper zur Architektur der Global Climate Governance beitragen will, schaut sich besser nach Partnern um. Am Kulturwissenschaftlichen Institut haben wir ein wachsendes Klimateam aus alten Hasen und Junior Fellows, die mit Gastwissenschaftlern kooperieren.

Der Kulturstaat fördert „das sinn- und identitätsbildende Selbstgespräch der Gesellschaft in Freiheit“, sagte einmal ein zuständiger Staatsminister zusammenfassend. Das Goethe-Institut transportiert den öffentlichen Diskurs ins Ausland. Wie arbeiten Sie bei der KlimaKultur mit dem Goethe-Institut zusammen?

Wir haben dem Goethe-Institut das Thema KlimaKulturen als Schwerpunkt vorgeschlagen und sind über die große Resonanz innerhalb und außerhalb des Hauses begeistert. So können wir weltweite Klima-Netzwerke bilden, die sowohl die Forschung als auch die kulturelle Bildung voranbringen. Denn Klimaforschung richtet nichts aus ohne diesen Aspekt kultureller Bildung, die allein Verhalten und Lebensstile verändern hilft. Der zynische Spruch „Klimawandel – wir machen mit!“ muss auch bei der Folgenbewältigung gelten. Klimafolgen bearbeitet man nicht allein mit politischer Technologie, sondern mit kulturellen Strategien der Teilhabe.

Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) und Mitglied im neunköpfigen Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen. „KlimaKultur“ bildet einen interdisziplinären Arbeitsschwerpunkt des KWI, dem Forschungskolleg der Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen. Dabei geht es um die kulturellen Voraussetzungen und die sozialen Folgen bei der Anpassung moderner Gesellschaften an den Klimawandel. Das KWI will seine wissenschaftliche Expertise mit breiter Aufklärung in der Gesellschaft und Politikberatung verbinden. Der Politikprofessor Leggewie, Jahrgang 1950, erweist sich seit Jahrzehnten als vielbeachteter akademischer „Trendscout“ der öffentlichen Meinung. 
Die Fragen stellte Hermann Horstkotte.
Er arbeitet als Wissenschaftsjournalist in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2009

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