Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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„Offen, aber integrativ“ – der Umweltpsychologe Andreas Ernst im Gespräch

Professor Dr. Andreas Ernst; © Copyright: Tilman SchwarzeProfessor Dr. Andreas Ernst; © Copyright: Tilman SchwarzeObwohl wir wissen, dass wir mit unserer Lebensweise maßgeblich zum Klimawandel beitragen, will es uns nicht gelingen, unser Handeln zu ändern. Warum tun wir uns so schwer, naturwissenschaftliche Erkenntnisse in unser Handeln zu intergrieren?

Herr Professor Ernst, vor beinahe drei Jahrzehnten hat der Naturphilosoph Klaus-Michael Meyer-Abich die Problematik der Umweltpolitik in dem desillusionierenden Dreisatz zusammengefasst. „(1) So wie bisher darf es nicht weitergehen. / (2) Was stattdessen geschehen müsste ist längst bekannt. / (3) Trotzdem geschieht nichts.“ Zwar ist seither gewiss eine Menge geschehen. Von einem wirklichen Durchbruch in der Beantwortung der „ökologischen Frage“, wie wir unser Leben nachhaltig in Einklang mit der Natur bringen können, sind wir aber in etwa so weit entfernt wie damals. Woran liegt das?

Wenn wir meinen, Wissen müsste in mehr oder weniger direkter Weise zu entsprechendem Handeln führen, ist das eine Rationalisierung, die von unserer täglichen Anschauung widerlegt wird. Tatsächlich ist unser Leben eingebettet in eine unüberschaubare Anzahl von Anforderungen und eingrenzenden Randbedingungen, denen wir gerecht werden wollen, ohne dabei zu sehr die eigenen Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren.

Die „ökologische Frage“ stellt sich als solche für die meisten Menschen im täglichen Leben gar nicht. Es mag vielleicht schick und aktuell angemessen zu sein, Dinge zu wissen und dieses Wissen auszubreiten, auch eine umweltgerechte Einstellung zur Schau zu tragen, aber diese Dinge sind oft losgelöst vom Rest des Lebens und nur in den seltensten Fällen so zentral im Leben einer Person, dass diese deutliche Veränderungen oder gar tagtägliche Einschränkungen in Kauf nehmen würde.

Es ist leicht, im sozialen Mainstream mitzuschwimmen. Es ist schwer, sich gegen ihn zu stellen. Viele der uns umgebenden Umweltprobleme sind Massendilemmata, also verursacht durch die Summe von für sich nicht für schädlich gehaltenen und individuell für nützlich erscheinenden Handlungen – die aber alle vornehmen. Ausscheren ist schwierig, also wirken soziale Einflüsse hier (derzeit) auch eher konservativ.

Integrierte Umweltforschung

Was die naturwissenschaftliche Seite der ökologischen Forschung betrifft, stehen uns scheinbar alle nötigen Erkenntnisse zur Verfügung. Doch diese Erkenntnisse allein reichen offenbar nicht aus, um eine wirkliche ökologische Wende unserer Kultur zu vollziehen. Die kultur-, sozial- und humanwissenschaftliche Forschung hat sich hier nach meiner Wahrnehmung in der Vergangenheit vor allem in Umkehrapellen oder Ankündigungen erschöpft. Stehen wir hier vor einem neuen Anfang?

Möglicherweise. Erkenntnisse sind zwar ein notwendiger, aber letztlich nur ein kleiner Baustein für die Verhaltensänderung. Doch die Kultur- und Sozialwissenschaften haben sehr oft den kenntnisreichen Kontakt und Austausch mit den Naturwissenschaften vernachlässigt und sind inhaltlich wie methodisch oft losgelöst von den sachlichen Grundlagen. Appelle unterliegen darüber hinaus leicht dem Verdacht, mit Hintergedanken gesendet zu werden.

Ein neuer Anfang kann nur durch eine offene, aber integrative Initiative entstehen. Eine solche zeichnet sich in der integrierten Umweltforschung, also im Wissenschaftsbereich, bereits ab. Wünschenswert sind wissenschaftlich, politisch, finanziell, journalistisch unterstützte konzertierte Maßnahmenbündel mit hoher gesellschaftlicher Akzeptanz.

„Menschen ändern sich nicht gerne“

Welchen Beitrag kann die psychologische Forschung dazu leisten, dass wir gesamtgesellschaftlich die nötigen praktischen Konsequenzen aus unserem Wissen um die Ursachen des Klimawandels ziehen?

Psychologische Erkenntnisse zu Wissenserwerb, zum Umlernen von Gewohnheiten, zur Akzeptanz von Risiken und Einschränkungen, zur Ausbreitung sozialer Innovation zur Verhaltensänderung in Gruppen und Gesellschaften sind die Ingredienzien für wirksame Maßnahmen. Ein wichtiger Aspekt ist, dass Menschen sich nicht gerne und nicht gut ändern, wenn sich ihre (physische wie soziale) Umgebung nicht mit ändert. Sogenannte Lock-ins zwischen Umgebung und Handeln halten uns bisweilen gefangen. Eine Ko-Evolution von hilfreicher Infrastruktur und Handeln ist – jenseits alleiniger psychischer Faktoren – eine Voraussetzung für Umlernen. Oft kann so Verhaltensänderung sogar geschehen, ohne dass sich die Betroffenen dessen überhaupt bewusst sind.

Andreas Ernst ist Professor für „Umweltsystemanalyse“ am Center for Environmental Systems Research der Universität Kassel, dessen Stellvertretender Geschäftsführer er ist. Der Diplom-Psychologe (1988) promovierte 1993 mit einer Arbeit über „Soziales Wissen als Grundlage des Handelns in Konfliktsituationen“. In seiner Habilitationsschrift (1999) hat er sich eingehend „Informationsdilemmata und die Nutzung natürlicher Ressourcen“ beschäftigt. Zu seinen Forschungsinteressen gehören Phänomene der Komplexität, motivationale und kognitive Aspekte des Handelns und Lernens sowie interdisziplinäre Ansätze zur Lösung von Umweltproblemen.

Andreas Vierecke
stellte die Fragen. Er ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros und Chefredakteur der Zeitschrift für Politik.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

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